Erinnerungen: Zimmer, Hof, Gärtchen

Die ersten Erinnerungen sind die an die beiden Zimmer, in denen wir zuerst wohnten. „Hausten“ muss man eher sagen.

Zwei kleine Zimmer, eine klitzekleine Küche mit wohl nicht mehr als 2 m² und ein kleines Klo. Zwei Erwachsene und zwei Kinder, kann sein, dass wir so auch noch wohnten, als mein Bruder schon auf die Welt gekommen war. Also drei Kinder.

Ich schlafe mit meiner großen Schwester im hinteren Zimmer, durch die Tür kommt man nach vorne ins Wohnzimmer. Es ist dunkel, ich klettere aus dem Bett und tappe barfuß über die alten rotgebohnerten Holzdielen. Den schwarzen Bakelittdrehschalter berühre ich nicht, meine Schwester soll nicht aufwachen. Meine Eltern sind nicht da, sie sind wohl im Vorderhaus bei G’s Fernsehgucken. Das machen sie oft. Später darf meine Schwester manchmal mit, dann passe ich auf meine mittlerweile zwei kleinen Geschwister auf.

In der Küche ist ein Minifensterchen, durch das man nach hinten in einen anderen Hof gucken kann. B’s haben hier zwei große Bulldozzer stehen. Die sehen aus wie die Traktoren bei Oma, sind aber noch viel größer.

B’s haben auch einen großen schwarzen Hund., der frei im Garten herumläuft, einem schönen großen Garten. Manchmal kann ich nicht fassen, dass direkt an unser Haus ein so schöner Garten grenzt. Aber wir dürfen nicht hinein. Bei uns gibt es nur ein kleines „Gärtchen“, das vom gepflasterten Hof abgegrenzt ist.

Im Gärtchen steht eine Teppichstange, an der wir manchmal turnen können und unter einem Wellblechdach hängen Wäscheleinen. Im Winter gefrieren die Hemden an der Leine und man muss aufpassen, dass man nicht die Ärmel abbricht, wenn man sie von der Leine nimmt.

An eine Wand hat mein Vater Bohnen gepflanzt, deshalb gibt es immer Bohnen. Ich hasse Bohnen. Aber es gibt sie in allen Variationen und es ist genug da, dass sie für den Winter noch eingemacht werden.

Im Hof und im Gärtchen treffen wir uns mit den anderen Kindern im Haus zum Spielen. Wer mit den Hausaufgaben fertig ist, klingelt bei den anderen: „Darf der Klausi“ rauskommen?“

Wir heißen eigentlich alle mit i, Horsti, Wolfi, Klausi, Gardi. Nur Fritz ist das Fritzje. Und manche Namen gehen einfach nicht mit i.

Das Problem ist in der Küche, dass ich zu klein bin, um durch das Fensterchen zu gucken. Und weil die Küche so klein ist, steht der Backofen direkt vor dem Fenster. Eigentlich ist das praktisch, ich kann die Klappe aufmachen, mich draufstellen und rausgucken.

Das ist wohl meine erste Erinnerung: ich stelle mich auf die Klappe vom Backofen und sie bricht ab. Ich falle auf den Boden, tue mir ziemlich weh. Aber schlimmer ist, dass meine Mutter sehr traurig ist, weil der Backofen kaputt ist. Ein neuer kostet viel Geld und das müssen wir erst mal haben.

Von meinem Vater bekomme ich mit dem Kochlöffel. Vielleicht auch mit dem Teppichklopfer, das weiß ich nicht mehr so genau. Mit dem Schürhaken sicher nicht, das war nur ein paar Mal, wenn’s besonders schlimm war.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Gehe durch die Wohnung Deiner Kindheit, gehe in die verschiedenen Zimmer. Lass Dich nicht unterbrechen.

Erinnerungen: Kinderbuch, Möbel…

Als Kind habe ich alles gelesen, was ich in die Finger bekam. Wirklich alles. Zeitungen, Werbezettel, Flaschenetiketten und natürlich Bücher.

Mein liebstes „Kinderbuch“ war das Neue Universum. Das war ein dicker Wälzer, jedes Jahr neu. Ganz unterschiedliche Geschichten waren da drin.

Abenteuergeschichten aus der ganzen Welt. Von einem „Hobo“, der auf dem Dach eines Zuges durch den ganzen Wilden Westen fährt. Berichte aus der Forschung, in denen ich erfuhr, dass man bei Autos im Jahr 2000 nur noch einen Knopf drücken müsste, um an ein bestimmtes Ziel zu kommen. Die Waschmaschinenprogramme seien ja schon so weit. Und warum sollten Autos nicht in Zukunft auf Fließbändern transportiert werden? Und dass ein Zug nie schneller als 100 Stundenkilometer fahren könnte, weil sonst die Vögel nicht mehr ausweichen können. (Für den Begriff „Stundenkilometer“ wurden wir in der Schule bestraft. Die gibt es nicht nur km pro Stunde.)

Und dass man irgendwann einmal statt mit Geld mit einer Art Schlüssel bezahlen wird, den man einfach in die Kasse steckt.

Eine ganze Welt tat sich da vor mir auf in den 50er Jahren. Wie auf dem Dachboden meiner Großeltern. Da gab es verstaubte Möbel, einen Schwellkopp, eine verstaubte Spinnmaschine und kistenweise Bücher. Daneben die Jerry-Cotton-Romane von Onkel W.

Alle habe ich gelesen, nachts im Bett die Bücher ausgelesen, vorher konnte ich nicht schlafen. Egal, ob das Opernlexikon oder das Gesangbuch, ein Liebsroman oder ein Handbuch der Hitlerjugend. Alles wurde von mir von vorne bis hinten gelesen.

Das geheimnisvollste Möbelstück in unserer Wohnung war das Vertiko. Obendrauf stand ein Samowar und die große Schublade, für die ich auf einen Stuhl steigen musste, war gefüllt mit Hunderten von Bildern und Geheimnissen meines Vaters.

Ich habe grundsätzlich alles durchwühlt. Ich musste einfach alles wissen, musste alle Geheimnisse ergründen. Es gab da welche.

Unser großer Tisch in der Küche war ein riesiger Ausziehtisch aus Eiche. Darauf wurde so ziemlich alles gemacht. Essen vorbereitet, zu sechst daran gegessen, wir haben daran Hausaufgaben gemacht und zum Bügel wurde ein dicker Kolter auf den Tisch gelegt.

Eines Tages kam ein Mann, redete eine Zeit mit meiner Mutter und ich sah, dass er etwas unter den Tisch klebte. Meine Mutter weinte.

Der Gerichtsvollzieher war öfters bei uns zu Gast und ab und zu musste ich ihm Geld bringen. Aber der Tisch blieb uns erhalten, der Kuckuck klebte bis zum Schluss darunter.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Erinnere dich an ein Kinderbuch. An die Bilder und daran, was sie ausgelöst haben. Wo hast du das Buch gelesen? Mit wem?
Schreib zehn Minuten über ein Möbelstück, an das du dich erinnerst.

Erinnerungen: Haut, Pickel, Rassismus

Ich erinnere mich,

dass ich als Kind jeden Sommer einen furchtbaren Sonnenbrand hatte und hohes Fieber bekam. Sonnenöl gab es nur mit geringer Wirkung und war viel zu teuer. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass ich immer, wenn ich aus dem Wasser komme, sofort ein T-Shirt anziehen muss.

Ich war sehr stolz darauf keine Pickel zu haben wie viele andere Jungen, auch später in der Pubertät nicht. Ich habe meine Haut gerne angesehen und manchmal gestreichelt.

Das einzige, was mich störte, war, dass ich viele Leberflecke hatte. Ich glaube, das stimmte gar nicht, aber ich hatte jedenfalls überall Leberflecke.

Ich dachte, jeder müsste das sehen und was würden sie dann von mir denken? „Der mit den vielen Leberflecken“?

Also legte ich immer ein Handtuch über die Schulter, betont lässig, aber so dass man möglichst keine Leberflecken sehr konnte.

Einen besonders dicken Leberfleck am Bauch hat mir mein Bruder im Streit einmal rausgerissen. Beim Spielen in der Trümmer hatten wir Krach bekommen. Es hat furchtbar geblutet und weh getan. In das alte Poesiealbum meiner Mutter schrieb er dann „Wenn dir dein Bruder weh getan, sei wieder gut und denk nicht dran…“

Vor dem Hallenbad habe ich auch zum ersten Mal einen Neger – wie wir damals noch arglos sagten – gesehen. Jedenfalls bewusst gesehen. Er wollte ins Hallenbad, was ich irgendwie merkwürdig fand.

Ich habe nie ganz verstanden, was an der Bezeichnung „Neger“ rassistisch ist, aber ich halte mich daran, weil jeder einfach darüber selbst entscheiden kann, wie er benannt werden will. Oder er oder sie oder wie immer man heute sagt.

Didi sagte damals: „Guck mal, da kommt ein Brikett“. Das fand ich gemein, heute würde ich „rassistisch“ sagen. Aber ich mochte Didi trotzdem. Er war ein Jahr älter als ich und ein toller Junge. Er wohnte nebenan in einem Haus, das noch finsterer war als unseres. Ein richtiges Loch, fand ich.

Meine Haut macht mir selten zu schaffen. Ab und zu taucht eine Allergie auf, dann bekomme ich vom Arzt eine Salbe und sie ist wieder weg,

Schreib über deine Haut. Über Pickel, Deine Hautfarbe, Deinen Rassismus.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Die Themen leiten sich aus einer Erinnerung ab, die sie selbst geschrieben hat.

Leben Schreiben Atmen

So heißt ein Buch von Doris Dörrie, in dem sie anleitet, die eigene Lebensgeschichten zu schreiben.

Darin schreibt sie selbst wunderbare kleine Geschichten und rät:

Der Schlüssel zum Schreiben ist, nicht nachzudenken, um die Inspiration nicht zu unterbrechen, Probier es aus. Schreib los. Jetzt!

Dafür drei Regeln:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Ich habe nicht sofort angefangen. Erst einmal habe ich ein paar Abende in ihrem Buch gelesen. Aber jetzt geht es los.

Der Mann im Mond, der hat es schwer…

sang Gus Backus schon 1961.

Der Mann im Mond
Der hat es schwer
Denn man verschont
Ihn heut‘ nicht mehr
Er schaut uns bang
Von oben zu
Und fragt:
„Wie lang‘
Hab‘ ich noch Ruh‘?“

Acht Jahre später war es dann soweit, dass Neil Armstrong (und kurz nach ihm Buzz Aldrin) als erste Menschen den Mond betreten.

Wir saßen unten in im Zelt und guckten zu.

Wir – das waren die Jungen im Jungscharzeltlager des Evangelischen Stadtjugendpfarramtes Darmstadt. Ich – 18 jährig – war als Helfer dabei.

Wir konnten zugucken, weil Heinrich Hallenberger als Stadtjugenddiakon die im nachhinein geniale Idee hatte, einen Generator aufzustellen.

Das war eine Zeitenwende. Strom hatten wir bis dato noch nie in einem Zeltlager, wir wären auch nie auf die Idee gekommen. In den Zelten wurde nachts eine Petroleumlampe angezündet, im Lager brannte die ganze Nacht das Lagerfeuer.

Von einem Elektrogeschäft bekam Hallenberger ein für die damalige Verhältnisse riesigen Fernseher geliehen, natürlich in Schwarz-Weiß. Das Farbfernsehen gab es zwar immerhin schon zwei Jahre, aber so etwas war noch teuer und unausgereift.

Fernsehgerät in den 60ern – natürlich das rechte.

Und so durften 40 8-14 jährige länger aufbleiben, saßen nachts gebannt vor der Kiste und sahen erstaunt, dass Neil Armstrong gar nicht ging, sondern eher hüpfte.

Das Mondfoto habe ich am 16. Juli fotografiert während der Partiellen Mondfinsternis.

Wie hat uns die Burg verbunden, unvergessen jeder Tag…

So begann ein Lied, das wir manchmal auf Fahrt gesungen haben. Zum Beispiel bei unserer Rheinhöhenwanderung in den frühen 60ern.

Wir wanderten von Oberwesel nach Bingerbrück, eine Station war die Jugendburg Stahleck in Bacharach.

Jugendburg Stahleck
(Foto: Sir Garwain/Wikimedia)

Nicht bewusst war mir bei unserer letzten Lahnwanderung, dass Burg Balduinstein die Jugendburg des Nerother Wandervogels ist (betrieben vom „Freien Bildungswerk“).

Jugendburg Balduinstein
(Foto Hermann Hammer/Wikimedia)

Viele Male war ich mit Konfirmanden auch auf der Jugendburg Rieneck der Christlichen Pfadfinder am Main.

Jugendburg Rieneck
Foto: © JD (de.wikipedia.org)

„Jugendburgen“ sind mittelalterliche Burgen, die seit der Jugendbewegung im Laufe des 20. Jahrhunderts als Begegnungstätten umgebaut wurden. Davon gibt es in Deutschland 23.

Am bekanntesten ist vielleicht Burg Waldeck durch die legendären Waldeck-Festivals, die erste Open-Air-Festivals Deutschlands.

Jugendburg Waldeck
© CEphoto, Uwe Aranas

Ende der 60er kam ich dann zum ersten Mal auf „unsere“ Jugendburg, Burg Hohensolms, ein paar Kilometer von hier.

Jugendburg Hohensolms
(Foto: Solmesius / Wikimedia)

Heute bin ich dort im Vorstand des „Freundeskreises Hohensolms“.


Eine Reise in meine Vergangenheit: Besuch im Archiv der Jugendbewegung

Letzte Woche unternahm ich eine kleine Reise in einen wichtigen Teil meiner Vergangenheit.

Wir besuchten die Jugendburg Ludwigstein im Werratal. Ludwigstein ist „die“ Burg der Jugendbewegung. Sie wurde 1920 gekauft und von den den Bünden der Jugendbewegung zur Jugendburg und zum „Erinnerungsmal für die im 1. Weltkrieg gefallenen Kameraden“ erbaut.

Heute arbeiten dort das „Archiv der Deutschen Jugendbewegung“, inzwischen Teil des Hessischen Staatsarchives , eine Jugendbildungsstätte und die Burg als Begegnungs- und Tagungsstätte. Sie ist Sitz des „Rings Junger Bünde“, in dem sich viele Nachfolgeorganisationen der Jugendbewegung zusammengeschlossen haben.

Burg Ludwigstein
Burg Ludwigstein
Blickt rüber zum Hanstein
Die gegenüberliegende Burg Hanstein lag schon in der DDR
Auf der Burg finden sich die alten Symbole
Mit dem Wandervogel begann die Jugendbewegung
Aus grauer Städte Mauern…
Historisches
Halstücher sauberlich im Archiv…
… und in meinem Arbeitszimmer

Dass Halstuch, Knoten und Koppel noch in meinem Zimmer hängen, zeigt wie wichtig für mich die Evangelische Jugend war.

Wie ich dorthin kam, habe ich hier beschrieben.

Wir gehörten nicht zur Bündischen Jugend, waren Teil der verfassten Kirche. Aber wir betrachteten uns durchaus als Nachkommen der Jugendbewegung.

Zeltlager, Wander- und Trampfahrten, Abende am Lagerfeuer und viele viele Lieder verbanden uns.

In den 6oer Jahren blühten die Jugendbünde neu auf, neben den „Jugendverbänden“ gab es auch alte Bünde: die Nerother, die Freischar, die d.j.1.11., den Bund Deutscher Jungenschaften und wie sie alle hießen, Wir trafen uns bei Zeltlagern und Treffen des Stadtjugenrings.


Die „Christdeutschen“

Hohensolms entstand als Jugendburg des „Bundes Christdeutscher Jugend“. Mein Vater gehörte zu den Christdeutschen, bis sie 1933 in die HJ überführt wurden.

„Was für ein Name“ wirst Du jetzt denken. Und hast teilweise, aber nur teilweise, Recht.

Der Name „Christdeutsch“ zeigt, wem sich dieser Bund verpflichtete: dem Christlichen und dem Deutschen. Bewusst wurde das „Christ“ an den Anfang gestellt, es sollte an erster Stelle stehen – in der Konsequenz sind die Christdeutschen später zur Bekennenden Kirche gestoßen.

Nicht ohne erbitterte Auseinandersetzungen und viele, die sich abwandten.

Aber da stand eben auch das „Deutsch“. Dahinter stand wie nahezu der gesamten Jugendbewegung völkisches Gedankengut, vielleicht die Gruppen der Arbeiterjugend ausgenommen.

Der „Freundeskreis Hohensolms“ ist sozusagen die Nachfolgeorganisation der Christdeutschen. Weil Teile unseres Archivs an das Ludwigsteiner Archiv abgegeben wurde, sind wir dorthin gefahren, um ein wenig in unseren alten Unterlagen zu stöbern.

Wie hat uns die Burg verbunden!
Unvergessen jeder Tag,
unvergeßne Abendstunden,
da das Land im Traumlicht lag!

Steht noch einmal auf dem Felsen,
blickt ins Tal, wie sich’s gebührt,
wo der Strom im Weiterwälzen
seine Strudel mit sich führt.

Lieder, die wir hier gesungen,
Fragen, die wir hier gefragt,
und was innen mitgeklungen,
ungefragt und ungesagt,

laßt es uns getreu bewahren,
all das leise Überein!
Wer wie wir das Glück erfahren,
kann nie wieder glücklos sein.


Manfred Hausmann


Eines unserer Lieblingslieder auf unseren Fahrten:

Trampen wir durchs Land


Fortsetzung folgt: Die „dunkle Seite“ der Jugendbewegung

Nahtod

Ich ersticke. Oder ertrinke. Um mich herum ist es tiefschwarz. So schwarz, wie ich es noch nie erlebt habe.

Jetzt weiß ich, wo ich bin. Tief unten im Brunnenschacht in unserem Hof. Ein enger Schacht, man konnte von oben nicht bis auf den Grund sehen.

Nur wenn man einen Stein hinweinwarf, konnte man zählen, wie lange er bis zum Wasser brauchte.

Der Schacht war immer zugedeckt, nur in ganz heißen Sommern wurde daraus Wasser hochgeholt. Unsere Eltern haben uns davor immer gewarnt.

Nun liege ich im Brunnen unter Wasser und drohe zu ertrinken. Aber das ist kein Wasser, merke ich, so schwarz kann das nicht sein.

Es ist Blut. Tiefschwarzes Blut. Ich liege im schwarzen Blut und ersticke, ertrinke.

Todesangst.

Ein heller Punkt ist zu sehen. Leuchtend.

Ich werde in die Sonne gezogen

Er wird heller – jetzt merke ich, dass es die Sonne ist. Ich werde geblendet und kann nur mit Mühe ins Licht sehen.

Ich werde gezogen. Etwas zieht mich nach oben, hinauf ins Licht. Oben sind Menschen. Ich weiß nicht, wer. Weiß nur, dass ich sie kenne.

Es sind gute Freunde.

„Ach, da bist Du ja wieder“, sagen sie.

Ich erwache und jetzt ersticke ich wirklich. Ich bekomme keine Luft, etwas ist in meiner Nase. Ein Schlauch.

Ich muss ihn herausziehen, sonst sterbe ich.

Ich ziehe und ziehe, er wird immer länger. Jetzt habe ich ihn raus. Ein Magenschlauch.

Faro, Portugal, 1983. Ich bin aus der Notoperation erwacht, bei der mir der ganze Bauch aufgeschnitten wurde. Ein Blinddarmdurchbruch wurde nicht entdeckt, er muss schon ein paar Tage her sein. Nach 5 Wochen 40 Fieber werde ich nach Deutschland geflogen.


Am Tag vorher war ich mittags hier eingeliefert worden. Hatte in der Notaufnahme neben einem Kind Mann gelegen, von dem ich wusste, der stirbt gerade.

Aber ich konnte nicht mehr operiert werden, zu viel war los. Abends werde ich in ein Zimmer gefahren, alle meine Sachen werden in einen Plastiksack gepackt. Auch der Ehering.

Schwarze Männer kommen herein, mit Ruß geschwärzt.

Es sind die Kohlenmänner, die ich aus meiner Kindheit kenne. Schwere Säcke mit Kohlen haben sie auf dem Rücken geschleppt und in die Kellerluken geschüttet.

Jetzt holen Sie hier schwere Säcke ab. Mich will auch einer hochheben, aber der andere sagt:

„Bei dem braucht ihr nichts mehr zu machen – der ist sowieso gleich tot.“


Gestern hat jemand in einem Herzforum gefragt, ob einer schon einmal eine Nahtoderfahrung gehabt habe.

Da ist mir aufgefallen, dass ich hier noch nie von dieser wohl schlimmsten Erfahrung meines Lebens erzählt habe. Natürlich nicht die Nahtoderfahrung, sondern die Krankheit und vor allem die Begleitumstände. Aber davon ein anderes Mal mehr.

Und auch von den anderen Träumen, die den Tod und die Auferstehung ankündigten. Prophetische Träume.

Wie Menschen einen prägen. Ich trauere um eine Lehrerin.

1968 (ich Mitte 2. Reihe)

Leider habe ich kein Bild von ihr. Aber ihr Bild ist mir aus vielen, vielen Begegnungen noch deutlich in Erinnerung. Inge Volp war meine erste Religionslehrerin auf dem Gymnasium, ein Lichtblick in diesem „Gymnasium für Jungen“, in dem die meisten Lehrer – und ja, auch Lehrerinnen – noch schlugen oder irgendeine Art hatten, Kinder zu quälen.

Und zwar wirklich, nicht nur mit Aufgaben. Neben Schlägen waren verbale Demütigungen an der Tagesordnung. Und Kinder aus dem Arbeitermilieu wie ich bekamen von vielen ihre Verachtung zu spüren.

Letzte Woche ist Inge gestorben und in der nächsten Woche werden wir sie zu Grabe tragen. Nächsten Monat wäre sie 94 geworden.

Inge Volp hat mein Leben mit geprägt. Ich weiß nicht, was ohne sie, ohne ihren Mann „Carlito“ (Karl-Heinrich) und einer Handvoll anderer Menschen, die mir als Kind und Jugendlicher begegneten, geworden wäre.

Meine früheste Erinnerung ist, dass ich mit ihr als „Sextaner“, wie das damals hieß, und einem Klassenkameraden zusammen einkaufen war. Wir beide waren Klassensprecher und wollten ein Geschenk für unsere Klassenlehrerin besorgen – weshalb auch immer. Da wir ratlos waren, fragten wir die junge (damals 36), hübsche und lebhafte Lehrerin um Rat und sie verabredete sich mit uns vor einem Darmstädter Kunstladen (für Darmstadt-Kenner: in den ehemaligen Baracken des Mathildenplatzes, wo heute das Luisencenter steht). Eine fremde Welt für mich, ich habe noch genau das Bild der modernen und wie ich glaube schönen Vase vor Augen, die wir erstanden.

Damals wusste ich noch gar nicht, dass sie Pfarrerin ist. Das war sie auch noch nicht. Sie war nämlich verheiratet, verheiratete Frauen durften damals nicht Pfarrerin werden und auch ledige Frauen wurden nur „Vikarin“. Unsere Kirche war die erste, die die rechtliche Gleichstellung von Frauen im Pfarramt verwirklichte. das war aber erst 1971 – nach meinem Abitur.

Viele, viele Diskussionen hatte ich mit ihr. Im Unterricht und in dem kleinen theologisch-politischen Gesprächskreis mit ihr und ihrem Mann, der damals Schulpfarrer an unserer Schule war – ihn hatte ich dann auch im Unterricht.

Später hat sie bei Begegnungen jedem erzählt, die Begegnung mit mir und unserer Klasse sei eine der wichtigsten und besten Erfahrungen in ihrem Berufsleben gewesen. Und die war so:

1968 (ich Mitte 2. Reihe)
1968 (ich Mitte 2. Reihe)

Wir Schüler übernehmen den Unterricht

Bis in die 68er hinein nahmen praktisch alle Schüler am Religionsunterricht teil. Der Religionsunterricht, die Schulgottesdienste am Reformationstag und ab und an die „Religiösen Schulwochen“ (auch die gab es im roten Hessen) bildeten einen wichtigen Teil des Schullebens.

Dann änderte sich an unserer Schule etwas grundlegend. Wir bekamen ab der 11. Klasse „Entschuldigungsfreiheit“. Ein hessisches Modellprojekt, Vorläufer des „Kursmodells“. Man musste nicht mehr am Unterricht teilnehmen, Noten gab es nur noch auf Klassenarbeiten. Wir machten eifrig Gebrauch davon, so viel, dass der Direktor eine Schulkonferenz einberief und uns händeringend bat, doch wenigstens vor Beginn einer Stunde zu entscheiden, ob wir teilnehmen wollten oder nicht. Man müsse doch verstehen, dass es für Lehrer nicht einfach sei, wenn Schüler einfach aufstehen und gehen.

In manchen Fächern saßen nur noch ein paar Schüler zusammen, eigentlich nur die, die noch büffeln mussten. Die anderen saßen im Café Gutenberg ein paar Ecken weiter oder im „Lagerhaus“.

Anders in Reli. Unvorstellbar heute, aber da kamen wir noch hin. Wohl, weil im Prinzip der Religionsunterricht immer schon freiwillig war und die Lehrer deshalb gewohnt waren, ihn interessant zu gestalten. Hier wurde wirklich diskutiert.

Aber bei Frau Volp, wie ich sie damals noch nannte, kam das in diesem Jahr nicht wirklich in Fahrt. Ich besorgte mir Rückendeckung und meldete mich: „Frau Volp, so kann das nicht weitergehen. Uns interessiert das nicht, was Sie da machen. Wir haben beschlossen: entweder WIR übernehmen jetzt den Unterricht und sie setzen sich dazu, melden sich und diskutieren einfach mit wie die anderen – oder wir treten aus.“

Inge zögerte nicht lange. Wir überlegten uns Themen und jedes Mal hielt einer ein Referat, ein anderer leitete das Gespräch. Und Inge dikutierte mit.

Es war sicher der engagierteste Unterricht, den ich erlebt habe. Ich hielt ein Referat über einen hochtheologischen Aufsatz „Christi Gegenwart: das Kreuz“ (und fand da wohl den Hauptbezugspunkt meiner Theologie). Und die anderen fanden das interessant.

Diskussionen und Vergnügen auch in der Freizeit

Einmal in der Woche trafen wir uns bei Volps zum Diskutieren und Schwätzen. Oft bestellten sie dann eine Pizza, es gab ein Bier und heiße Ohren. Erst hieß das schuloffiziell „Arbeitskreis“, dann nannten wir uns um in „Bibelkreis“, das hatte einer gelesen aus der Geschichte der Bekennenden Kirche.

Zwei- oder dreimal sind wir mit Volps zu Tagungen der Evangelischen Akademie nach Arnoldhain gefahren. Ich erinnere an eine Schülertagung zur „Pille“ und eine Tagung zum „Neuen Deutschen Film“. Unglaublich: die 1961 „erfundene“ Anti-Baby-Pille war noch äußerst umstritten, damals nicht wegen ihrer Nebenwirkungen, sondern aus religiös-ethischen Gründen. Die Nächte diskutierten und soffen wir.

Volps unterstützen mich, wo sie konnten. Beide Volps waren ein paarmal bei uns zuhause, ich weiß nicht mehr, aus welchem Anlass. Sie müssen wissen: das klingt hier jetzt alles nach einem guten und engagierten Schüler. Das Gegenteil war der Fall. Ich war so schüchtern, dass ich praktisch nie etwas im Unterricht sagte. Ich traute mich einfach nicht. Ich bin einmal sitzen geblieben und nur mit Mühe (mit drei Fünfen in Hauptfächern der Vornoten!!!) durchs Abitur gekommen.

Aber Volps mochten mich und haben wohl sehr schnell Stärken in mir erkannt. Vor der vollbesetzen Kirche durfte ich 1969 die Ansprache zur Weihnachtsfeier halten. Als Schüler! Natürlich waren manche Eltern entsetzt über das „Von wegen Frieden auf Erden“.

Weil ich immer wenig Geld hatte, vermittelten sie mir einen Nachhilfeschüler. Immerhin: mein Deutsch war so gut, dass ich jüngeren Gymnasiasten Grammatik und Rechtschreibung beibringen konnte.

Bei Volps konnte ich immer vor der Tür stehen, sie freuten sich – auch wenn sie manchmal wohl überrascht waren. Außer ihrer Wohnung in Darmstadt und später dann in Offenbach hatten sie ein Häuschen in Lindenfels im Odenwald, in das sie nach dem Ruhestand auch gezogen sind. Auch dort war ich oft zu Gast, wenn ich im Freizeitenheim der Stadt Darmstadt Betreuer bei Freizeiten war. Im Hof sind wir lachend Stelzen gelaufen.

Noch als Student und Vikar bin ich abends ab und zu in Offenbach bei ihnen vorbeigefahren, klingelte einfach und stand da. fand offene Türen, ein Glas Wein und tolle Gespräche.

Ihre beiden schon immer bildhübschen Töchter „Püppi“ Isabell und „Fränzi“ Franziska (was für schöne Namen für die damalige Zeit) habe ich aufwachsen sehen. Hinterher lachten wir ab und zu, wie Carlito am Darmstädter Oberwaldhaus verzweifelt rumlief „Hat jemand hier eine kleine Isabell gesehen?“.

Zuletzt traf ich Inge bei einer Feier zum 60jährigen „Jubiläum“ der Frauenordination. Wir verabredeten natürlich schnelles Wiedersehen, daraus ist nie etwas geworden. Im letzten Jahr ist Carlito gestorben und ich habe erst nach der Trauerfeier davon erfahren, Inge einen langen Brief geschrieben und wollte wieder vorbeikommen.

In meinem Alter sollte man das auch tun und nicht nur schreiben.

+++

Kinder, wie ich eins war – und vielleicht jedes Kind – , brauchen solche Menschen, die „von außen“ in ihr Leben treten, etwas in ihnen sehen, was werden kann, sie unterstützen und ihnen etwas vorleben.

Von Auschwitz aus erlebt: Invasion des Warschauer Paktes in die CSSR

Heute, am 21. August 2018, jährt sich zum 50. Mal die Besetzung der damaligen CSSR durch die Staaten des damaligen Warschauer Paktes.

Prager Einwohner vor sowjetischem Panzer
Prager Einwohner vor sowjetischem Panzer

Die DDR war an diesem Einmarsch nicht beteiligt. Nicht, weil sie nicht gewollt hätte, sondern weil sie nicht durfte. In Moskau wollte man nicht die Erinnerung an deutsche Besatzung provozieren. Die DDR-Führung empfand das als Diskriminierung und erfand Berichte über Mitwirkung der NVA (Nationale Volksarmee). Weiterlesen