1996 wird es gewesen sein, dass meine Tochter glaubte, es in ihren beiden „Zuhause“, dem bei ihrer Mutter und dem bei ihrem Vater nicht mehr aushalten zu können. Sie steckte bis über beide Ohren in der Pubertät und wollte weg. Sie hatte mit ihren 13 Jahren schon einiges an Erfahrung mit Hasch gemacht und auch davon wollte sie weg.

Wir haben lange beraten und schließlich beschlossen, sie auf die Odenwaldschule zu schicken. Das hätte uns an den Rand des finanziellen Ruins getrieben, aber wir waren sicher: das ist die beste Internatsschule, die es gibt, zudem in unserer Nähe. Zuvor aber – das ist eine großartige Einrichtung der Odenwaldschule – konnte sie eine eine Woche dort probewohnen und den Unterricht besuchen. Während der Woche schien es am Telefon so, als sei sie begeistert. Aber am Ende der Woche meinte sie, das sei doch nicht das Richtige für sie. Sie hat dann bei mir gewohnt.

Vor und nach dieser Woche haben wir drei Gespräche mit dem damaligen Schulleiter, Wolfgang Harder, geführt. Ich muss sagen: ich war beeindruckt. Ein kompetenter, einfühlsamer und kluger Pädagoge.

Zwei Jahre später las ich in der Frankfurter Rundschau vom Vorwurf des Missbrauchs gegen Gerold Becker, den Vorgänger Harders. Ich war entsetzt – um nicht zu sagen: eine kleine Welt brach zusammen. Wie ich die Schule kennengelernt hatte, was ich auch vorher schon wusste (nebenbei mal: ich bin auch Diplom-Pädagoge sozusagen der ersten Stunde und sehr durch die Ausläufer der Reformpädagogik geprägt): sie war für mich ein wirkliches Modell.

Eine Schule, die die besten Impulse der Reformpädagogik aufgreift: Leben und Lernen nicht zu trennen, sondern zusammenzuführen, den Schüler nicht als Objekt zu sehen, sondern als Menschen. Wer auf der Odenwaldschule Abitur macht, kann auch gleichzeitig einen Beruf lernen. Die Schüler leben in „Familien“ mit ihren Hausvätern oder -müttern zusammen. Traumhaft. Zudem ist sie als „Dorf“ eine kleine Idylle.

Und nun das: in diesem Modell einer Schule, der Pädagogik überhaupt, geschehen Verbrechen an Kindern. Und nicht von irgendwem, sondern vom Schulleiter selbst. Es war klar, davon musste eine so enge Gemeinschaft gewusst haben.
Froh war ich natürlich, dass die Episode meiner Tochter auf der Schule in eine andere „Epoche“ der Schule fiel.

Aber aus allen Wolken fiel ich Anfang März diesen Jahres – über ein Jahrzehnt später -, als wiederum die Frankfurter Rundschau berichtete, dass die damaligen Vorfälle zu nahezu keinen Konsequenzen geführt hatte. Ich war damals sicher, dass nach der Enthüllung der Rundschau 1999 an der Schule kein Stein auf dem anderen geblieben war, dass diese Lehre sich die Odenwaldschule dick ins Stammbuch geschrieben hatte.

Nichts von alledem. Es wurde vertuscht, heruntergespielt, mit einer gewissen Anstandsfrist als erledigt betrachtet.

Mich empört das noch mehr als die vielen Fälle von Missbrauch in der katholischen Kirche. Denn – jetzt bin ich einmal ganz ehrlich – obwohl ich sonst nie etwas Schlechtes über die Katholische Kirche sage: dass in einem Dunstkreis von ideologischer Reduzierung der Sexualität auf die Fortpflanzung, von Verpflichtung von Menschen auf sexuelle Enthaltsamkeit eine Schattenseite gedeihen kann – das lag in meiner Vorstellungswelt – wenn auch nicht in diesem Ausmaß.

Aber dass in einem Umfeld von pädagogischem Engagement und Zugewandtheit Verbrechen geschehen, konnte ich mir nicht vorstellen.

Fortsetzung folgt

4 Gedanken zu “Odenwaldschule, Reformpädagogik, die 68er und Missbrauch

  1. Vielleicht liegt es ja doch nicht an der katholischen Sexuallehre sondern an etwas anderem. Mittlerweile hat es auch evangelische Einrichtungen erreicht und eben auch die Odenwald-Schule. Vielleicht ist es ja doch eher ein Internats- und Heimproblem und es hat vorallem die katholischen Einrichtungen betroffen da sie mengenmäßig die meisten Internaten anbieten.

    Ich denke da gibt es noch viel zu erforschen und man sollte sich nicht mit den „einfachen“ Erklärungen zufrieden geben.

    Das Zölibat allein ist sicher keine gute Argumentationsgrundlage, denn es gibt diese Ehelosigkeit auch in vielen anderen Religionen wie eben auch der evangelischen Kirche für Ordensleute.

    1. Um künftige Opfer zu schützen reicht es nicht längst überfällige Rechnungen mit einer Institution begleichen zu wollen. Das darf man gerne machen aber eben nicht auf dem Rücken eines sehr schwiegenden Themas.

      Ich war selbst auf einem Internat, zwar nur ein Jahr aber es hat mir Einblicke gewährt. Vor kurzem habe ich mich mit einem ehemaligen Mitschüler unterhalten der die ganze Schulzeit dort verbracht hatte. Ein Internat kann und wird nie die Familie ersetzen. Trotz aller positiven Argumente für ein Internat wird den Kindern das Leben in der eigenen Familie genommen. Eben diese „Familienkompetenz“ mit allen Vor- und Nachteilen lernen diese Kinder nie.

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