Für die meisten völlig unbemerkt ist gestern der „Tag der Muttersprache“ an uns vorbeigegangen, ohne uns anzusprechen – weder in Muttersprache noch Vatersprache noch Fremdsprache noch sonst irgendwie.

Aber als ich nächtens dann zu Bette lag, habe ich mir vorgenommen, heute doch noch einmal einen kleinen Blog dazu zu schreiben.

Es geht mir wie vielen wahrscheinlich: meine „Muttesrprache“ ist nicht die Sprache meiner Mutter, sondern eher die meines Vaters. Meine Mutter kam aus einem Dorf gute 100 km entfernt und da wurde eine ganz andere Sprache gesprochen als in Darmstadt, meiner Vaterstadt.

Beides liegt zwar in Hessen, aber Darmstadt in Südhessen und das Dorf meiner Mutter liegt an der Lahn und zwar der nördlichen Seite. Just dort verläuft eine Sprachgrenze. In diesen Dörfern an der Lahn wird ein Platt gesprochen, das „Mittelhessische“, das mit dem in Südhessen gesprochenen „Rheinfränkischen“ absolut nichts zu tun hat.

Ich bin also zweisprachig und – rechnet man das Hochdeutsche, das ich aus den Büchern kannte, aber nicht sprach – hinzu, dreisprachig.

Darmstädter Heiner reden nicht, sie „hoinern“ unn schwäzze von Geburd aa drei Sprache: dumm, schlääschd unn gebroche Deitsch. Das waren also die Vatersprachen, mit denen ich aufgewachsen bin und die ich bis heute beherrsche.

Eine Kostprobe davon werde ich wieder am Fastnachtssonntag geben, wenn es bei der Predigt heißt: „Kersch mal annersder“.

Die Sprache meiner Mutter – die sie allerdings bei uns zuhause nie sprach – konnte ich zwar gut verstehen, aber nie sprechen.

Wo es in Darmstadt hieß „Ich hobb mer zwaa Ebbel genumme“, hieß es dort „Aich hunn mir zwie Äppel genemmt“. Mädchen waren Madschers, immer mit „’s“ apostrophiert, Jungen trugen keine Hosen, sondern Buxe und darunter Innerbuxe, die Tante war die Goth und der Onkel der Petter. Also eine fremde Welt.

Mein Vater heinerte zwar auch, wurde aber immer böse, wenn ich zu sehr Darmschdädderisch babbelte. Zum Beispiel korrigierte er regelmäßig, das hieße nicht „die Abodehsch“, sondern „die Apotheke“ und es sei auch kein Kleber, sondern Klebstoff.

Aber er hielt fest daran, dass Kinder „Schebbe“ sind, was meine Oma mütterlicherseits stets auf die Palme bracht: „Seid frou, dass eier Kinn grod gwachse soin“. (Schebb=schief; Kinn=Kinder)

Meine Tochter kann es nicht leiden, wenn ich Mundart rede. „Das klingt so ordinär bei dir“, meint sie.

Wenn Sie mal etwas ins Südhessische übersetzen wollen, können Sie das hier – Woannse mol ebbes ins Siedhessische iwwersedse wolle, kenne Sie des do!

5 Gedanken zu “Muttersprache in der Vaterstadt

  1. immer wieder schön zu erleben, wie unbefangen kinder von einer sprache, von einem dialekt, zum anderen wechseln

    und

    zuletzt sogar originelle sprachkreationen hinzaubern. Ein stück weit gehört auch das „balkandeutsch“ dazu…

    bisous

  2. ZITAT:

    „Ich kann hochdeutsch, plattdeutsch, durch die Nase und über andere Leute reden ;-)“

    *lach*

    … übrigens ist es ja dann eher nicht deine „vatersprache“, sondern dein „vaterdialekt“, den du sprichst.

    es grüßt euch der katzensprung 😉

  3. Muttersprache – eignet man sich in den Jahren Null bis 15-20 an. In den Jahren bis 20 und auch danach war ich an vielen Orten zuhause. Eigentlich weiß ich nicht genau, was denn nun meine Muttersprache ist – außer Hochdeutsch natürlich.
    Nach der Pubertät muss man eine neue Sprache mit dem Kopf lernen. Manche Sprachen lerne ich nie zu sprechen und wenn ich dort, wo sie gesprochen wird, 10 Jahre lebe. So erging es mir in Baden (AG). Eine der ersten Fragen dort an mich war: Dürfen wir Mundart reden? Rhetorische Frage übrigens. Und ich kam gut damit zurecht. Außer Schwyzerdütsch zu sprechen. Das traute ich mich einfach nicht. Weil fehlerfrei hätte ich es sowieso nicht gekonnt. Und ich wollte die guten Kollegen nicht mit einer falschen Aussprache beleidigen. So blieb ich beim Schriftdeutsch. O Gott! Reden wie gedruckt. Das war meine „Muttersprache“.

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