Natürlich hatte man uns verboten, in den Trümmern zu spielen. Und dass es gefährlich war, das wussten wir selbst.

Aber wir spielten nicht in den Trümmern. In den Trümmern kämpften wir uns durch Dickicht, kletterten über Geröll und manchmal auf Stahlträgern über dunkle Höhlen. In den Trümmern versteckten wir uns, zogen uns dahin zurück, wenn wir nicht gefunden werden wollten. Alleine oder zu mehreren, wenn es etwas Verbotenes zu tun gab.

Und was waren Verbote? Später habe ich in den Vorlesungen gehört: Arbeiterkinder halten sich an Verbote allenfalls aus Angst vor Strafe. Anders die Bürgerlichen, die Gebote und Verbote in ihr Innerstes als Eigenes aufnehmen. Ich war wohl irgendetwas dazwischen. Mein Gewissen meldete sich oft, viel zu oft. Aber nicht, wenn etwas verboten war. Nur, wenn etwas nicht richtig war. Stehlen war nicht richtig, Lügen war nicht richtig, Widerworte geben war nicht richtig. Gab es sonst noch etwas, was nicht richtig war? Anderen Kindern oder Tieren weh tun, also richtig weh tun, war auch nicht richtig. Sonst fällt mir nichts ein, was nicht richtig ist. Damals nicht und heute eigentlich auch nicht. In Trümmern herum zu klettern war gefährlich und verboten, aber richtig.

Eine Trümmer gab es im Hinterhof, in dem wir wohnten. Später gab es noch eine, als der starke Kasimir mit meinem Vater die Werkstatt abgerissen hatte. Aber die Trümmer eines abgerissenen Gebäudes sind etwas ganz anderes als die Trümmer eines verbombten Hauses.

Blick in unseren Hinterhof
Links die „neue“ Trümmer, rechts die alte, schon abgerissen

Die Mauern der Trümmer ragten bis in die Mitte des ersten Stocks. Guckte man hoch, sah man im oberen Mauerteil drei Fensteröffnungen, keine hatte mehr einen oberen Abschluss, links und rechts ragten jeweils Mauerreste in den Himmel und dazwischen sah man Gestrüpp herausragen.

Im Erdgeschoss waren die Tür und die beiden Fenster von innen mit Brettern vernagelt. Damit keine Kinder hineinkonnten.

Wenn man aber auf das Dächelchen – das Wellblechdach des angrenzenden Schuppens – kletterte, von dem aus man auch an die Stube des Bäckergesellen hätte klettern können oder hinunterspringen in den dunklen kleinen Nachbarhof, dann konnte man von da aus auf die Reste der Seitenmauer der Trümmer gelangen und sich von dort hinunterlassen in den dichten grünen Dschungel unserer Trümmer.

Später schafften wir es, den Bretterverschlag der Türöffnung aus seiner Verankerung zu drücken, so dass man sich dann hindurchzwängen konnte, wenn man sich ganz dünn machte.

Zum Glück hatte das Haus, das die Amis zerbombt hatten, keinen Keller. Die andere, die spätere Trümmer, hatte einen Keller. In dem Keller war meine große Schwester noch eingesperrt worden, weil sie etwas nicht essen wollte. Trümmer mit Kellern waren noch gefährlicher, weil man in tiefe Löcher stürzen konnten. Dafür waren sie aber auch noch abenteuerlicher, weil man über wuchtige Stahlträger balancieren konnte. In unserer Trümmer konnte man sich nur den Fuß verstauchen, wenn man einen Weg über die Steinhaufen suchte oder man konnte sich das Bein aufreißen, wenn man an einem der vielen rostigen Metallteile hängen blieb. Natürlich hätte auch noch eine Handgranate oder so etwas irgendwo liegen können oder eine Leiche.

Nach und nach holten wir alles, was irgendwie aus Metall war, raus. Wenn wir Glück hatten, kam der Lumpenhändler am Haus vorbei mit seinem von weitem zu hörenden Ruf „Lumpe, Alt Eise, Babier“. Oder wir zogen mit dem Leiterwagen in das dunkle Gassengewirr, in dem er seinen Laden hatte. Irgendwas zwischen 5 und 20 Pfennig bekamen wir oft dafür. Für 10 Pfennig konnte ich mir dann bei Frau Benz ein Eis holen und für 5 Pfennig gab es eine Tüte Brause.

Als im Vorderhaus die deckenhohen grünen Kachelöfen den platzsparenden Kohleöfen weichen mussten, lud mein Vater die Kacheln in die Trümmer ab. Es machte einen Heidenspaß, die in meiner Erinnerung wunderschönen grünen Reliefkacheln zu zerschmeißen. Warf man sie richtig gegen eine Mauer, zerschellten sie laut und ihre Teile flogen in alle Richtungen.

Die Stufen vor der Bretterverschlag waren ein guter Platz, auf den sich zwei oder sogar drei Kinder nebeneinander setzen konnten, um etwas zu besprechen oder um auf den Pflastersteinen davor Zündplättchen aufschlagen zu können.

Da, wo später eine Hauptstraße durchgeführt wurde, gab es auch ein Trümmergundstück. In der Mauer gab es kleine Öffnungen. Einer aus meiner Klasse verriet mir ein Geheimnis. Wenn man in diese Öffnungen etwas hineinlegte und die Öffnung dann mit einem Stein verschloss, lag einen Tag später Geld darin.

Ich glaubte das nicht wirklich. Und ich wusste auch, dass der Junge einer von den Frechen war. Aber ich tat es trotzdem. Nachher schämte ich mich, weil er anderen erzählte, wie blöd ich war.

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