Als Kind habe ich alles gelesen, was ich in die Finger bekam. Wirklich alles. Zeitungen, Werbezettel, Flaschenetiketten und natürlich Bücher.

Mein liebstes „Kinderbuch“ war das Neue Universum. Das war ein dicker Wälzer, jedes Jahr neu. Ganz unterschiedliche Geschichten waren da drin.

Abenteuergeschichten aus der ganzen Welt. Von einem „Hobo“, der auf dem Dach eines Zuges durch den ganzen Wilden Westen fährt. Berichte aus der Forschung, in denen ich erfuhr, dass man bei Autos im Jahr 2000 nur noch einen Knopf drücken müsste, um an ein bestimmtes Ziel zu kommen. Die Waschmaschinenprogramme seien ja schon so weit. Und warum sollten Autos nicht in Zukunft auf Fließbändern transportiert werden? Und dass ein Zug nie schneller als 100 Stundenkilometer fahren könnte, weil sonst die Vögel nicht mehr ausweichen können. (Für den Begriff „Stundenkilometer“ wurden wir in der Schule bestraft. Die gibt es nicht nur km pro Stunde.)

Und dass man irgendwann einmal statt mit Geld mit einer Art Schlüssel bezahlen wird, den man einfach in die Kasse steckt.

Eine ganze Welt tat sich da vor mir auf in den 50er Jahren. Wie auf dem Dachboden meiner Großeltern. Da gab es verstaubte Möbel, einen Schwellkopp, eine verstaubte Spinnmaschine und kistenweise Bücher. Daneben die Jerry-Cotton-Romane von Onkel W.

Alle habe ich gelesen, nachts im Bett die Bücher ausgelesen, vorher konnte ich nicht schlafen. Egal, ob das Opernlexikon oder das Gesangbuch, ein Liebsroman oder ein Handbuch der Hitlerjugend. Alles wurde von mir von vorne bis hinten gelesen.

Das geheimnisvollste Möbelstück in unserer Wohnung war das Vertiko. Obendrauf stand ein Samowar und die große Schublade, für die ich auf einen Stuhl steigen musste, war gefüllt mit Hunderten von Bildern und Geheimnissen meines Vaters.

Ich habe grundsätzlich alles durchwühlt. Ich musste einfach alles wissen, musste alle Geheimnisse ergründen. Es gab da welche.

Unser großer Tisch in der Küche war ein riesiger Ausziehtisch aus Eiche. Darauf wurde so ziemlich alles gemacht. Essen vorbereitet, zu sechst daran gegessen, wir haben daran Hausaufgaben gemacht und zum Bügel wurde ein dicker Kolter auf den Tisch gelegt.

Eines Tages kam ein Mann, redete eine Zeit mit meiner Mutter und ich sah, dass er etwas unter den Tisch klebte. Meine Mutter weinte.

Der Gerichtsvollzieher war öfters bei uns zu Gast und ab und zu musste ich ihm Geld bringen. Aber der Tisch blieb uns erhalten, der Kuckuck klebte bis zum Schluss darunter.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Erinnere dich an ein Kinderbuch. An die Bilder und daran, was sie ausgelöst haben. Wo hast du das Buch gelesen? Mit wem?
Schreib zehn Minuten über ein Möbelstück, an das du dich erinnerst.

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