Nahtod

Ich ersticke. Oder ertrinke. Um mich herum ist es tiefschwarz. So schwarz, wie ich es noch nie erlebt habe.

Jetzt weiß ich, wo ich bin. Tief unten im Brunnenschacht in unserem Hof. Ein enger Schacht, man konnte von oben nicht bis auf den Grund sehen.

Nur wenn man einen Stein hinweinwarf, konnte man zählen, wie lange er bis zum Wasser brauchte.

Der Schacht war immer zugedeckt, nur in ganz heißen Sommern wurde daraus Wasser hochgeholt. Unsere Eltern haben uns davor immer gewarnt.

Nun liege ich im Brunnen unter Wasser und drohe zu ertrinken. Aber das ist kein Wasser, merke ich, so schwarz kann das nicht sein.

Es ist Blut. Tiefschwarzes Blut. Ich liege im schwarzen Blut und ersticke, ertrinke.

Todesangst.

Ein heller Punkt ist zu sehen. Leuchtend.

Ich werde in die Sonne gezogen

Er wird heller – jetzt merke ich, dass es die Sonne ist. Ich werde geblendet und kann nur mit Mühe ins Licht sehen.

Ich werde gezogen. Etwas zieht mich nach oben, hinauf ins Licht. Oben sind Menschen. Ich weiß nicht, wer. Weiß nur, dass ich sie kenne.

Es sind gute Freunde.

„Ach, da bist Du ja wieder“, sagen sie.

Ich erwache und jetzt ersticke ich wirklich. Ich bekomme keine Luft, etwas ist in meiner Nase. Ein Schlauch.

Ich muss ihn herausziehen, sonst sterbe ich.

Ich ziehe und ziehe, er wird immer länger. Jetzt habe ich ihn raus. Ein Magenschlauch.

Faro, Portugal, 1983. Ich bin aus der Notoperation erwacht, bei der mir der ganze Bauch aufgeschnitten wurde. Ein Blinddarmdurchbruch wurde nicht entdeckt, er muss schon ein paar Tage her sein. Nach 5 Wochen 40 Fieber werde ich nach Deutschland geflogen.


Am Tag vorher war ich mittags hier eingeliefert worden. Hatte in der Notaufnahme neben einem Kind Mann gelegen, von dem ich wusste, der stirbt gerade.

Aber ich konnte nicht mehr operiert werden, zu viel war los. Abends werde ich in ein Zimmer gefahren, alle meine Sachen werden in einen Plastiksack gepackt. Auch der Ehering.

Schwarze Männer kommen herein, mit Ruß geschwärzt.

Es sind die Kohlenmänner, die ich aus meiner Kindheit kenne. Schwere Säcke mit Kohlen haben sie auf dem Rücken geschleppt und in die Kellerluken geschüttet.

Jetzt holen Sie hier schwere Säcke ab. Mich will auch einer hochheben, aber der andere sagt:

„Bei dem braucht ihr nichts mehr zu machen – der ist sowieso gleich tot.“


Gestern hat jemand in einem Herzforum gefragt, ob einer schon einmal eine Nahtoderfahrung gehabt habe.

Da ist mir aufgefallen, dass ich hier noch nie von dieser wohl schlimmsten Erfahrung meines Lebens erzählt habe. Natürlich nicht die Nahtoderfahrung, sondern die Krankheit und vor allem die Begleitumstände. Aber davon ein anderes Mal mehr.

Und auch von den anderen Träumen, die den Tod und die Auferstehung ankündigten. Prophetische Träume.

Startbahn West geräumt – Heute vor 36 Jahren

Keine Startbahn West

Heute vor 36 Jahren wurde das „Hüttendorf“ auf dem Gelände der späteren Startbahn West geräumt. Ein herrliches Stück Wald im Mönchsbruch musste dafür gerodet werden. Viele Tausend Menschen, eine ganze Region ging auf die Barrikaden.

Ich habe nicht im Hüttendorf gewohnt, aber ich war immer wieder dort. Ich war damals Pfarrer in meiner ersten Stelle in Gravenbruch. Mehrere Kollekten waren für den Widerstand dort bestimmt und erbrachten ansehnliche Beträge.

Keine Startbahn West
Keine Startbahn West (Foto: hpp)

Jeden Sonntag gab es im Hüttendorf Gottesdienste. Dafür hatten die Kirchengemeinden der Umgebung eine „Hüttenkirche“ gebaut. Einmal – damals noch als Vikar durfte ich den Gottesdienst halten. Unvergesslich deshalb, weil ich meine Predigt vergessen hatte und zufällig auch der Ausbildungsreferent der Landeskirche da war. Der schickt mich schnell nochmal zurück und sang derweilen mit den Protestanten, den evangelischen und den Katholischen. Ärger gab es deshalb nicht.

Eines Morgens erreichte uns der Alarmruf „Es soll geräumt werden“. Sofort sind wir zur Startbahn gefahren. Es war die „kleine Räumung“ der Belagerung außerhalb des Hüttendorfes. Zum ersten (und einzigen Mal) in meinem Leben bin ich von Polizisten weggetragen worden.

Am Tag der endgültigen Räumung leitete ich eine „Zivildienstrüstzeit“ im Odenwald. Von der letzten in der Gemeinde gesammelten Kollekte besorgten wir Kanister mit Apfelmost, Wurst und Brot als Verpflegung für die Eingeschlossenen.

Inzwischen ist noch weitaus mehr dort planiert und gebaut worden, der Flughafen wächst immer weiter und der Fluglärm wird immer schlimmer. Der Protest ist stiller geworden.

Ich bewundere die, die jede Woche seit 6 Jahren sich montags am Flughafen zum Protest versammeln.

Ausgerechnet mich hat sie gewählt

5. Mose 7, 6-12

Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott.

Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zu seinem Volk aus allen Völkern, die auf Erden sind.

Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –,

sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat.

Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.

So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten,

und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.

So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.

Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der HERR, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat,

und wird dich lieben und segnen und mehren.

Liebe Gemeinde,

Sie wolle aber auf jeden Fall einen Jungen, sagte sie. Mit Mädchen können sie nun einmal überhaupt nichts anfangen. Aber einen Jungen würde sie gerne zwei Wochen als Gast aufnehmen. Es gab nicht genügend Familien mit Kindern, und so hatte sie zögernd zugesagt, als Alleinstehende ein Kind aufzunehmen.

Aber ein Junge soll es sein. So ein schwarzhaariger Lausbube, da hätte sie immer so eine Freude daran.

Und dann stand sie vor ihr, ein schüchtern lächelndes Mädchen mit einer Zahnspange und streckte ihr die Hand hin.

Wenn Sie jetzt denken, dass das ihr Herz erwärmte, haben Sie sich getäuscht. Gut, sie versuchte es. Aber es ging schief.

Nach zwei Tagen stand sie im Büro. „Es geht nicht. Ich komme einfach nicht mit ihr klar. Ich wusste das. Ich wollte ausdrücklich einen Jungen“

„Ja“, sagte die freundlich lächelnde Dame. „Ich weiß. Aber dann stand da das Mädchen, das schon so viel durchgemacht hat. Die schüchterndste von allen. Und sie sagte zu uns: <Ich will zu der Frau da. Bitte. – Schicken Sie mich nicht zu jemand anderem.> Was sollte ich machen?“

Ich habe Dich erwählt.

+++

„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“, greift Johannes die Worte unseres Bibeltextes auf.

Ich habe Dich erwählt.

+++

Liebe ist so etwas von ungerecht. Dass ich nun einmal diese Frau liebe und nicht jene – wie soll ich jener denn das erklären? Es gibt doch keine Begründung dafür, dass ich dieses Lächeln liebe und nicht jenes.

Da sitzt eine da und guckt dem Glück der anderen zu. Die das Glück hatten, auserwählt worden zu sein. Die ein Leben lang zusammen geblieben sind und im hohen Alter händchenhaltend sterben.

Guckt zu, wie sich zwei ungeniert in der Öffentlichkeit küssen, als wären sie ganz allein auf der Welt.

+++

 

Ich kenne das doch von früher. Mich wollte niemand haben, wenn im Sportunterricht ausgewählt wurde. Tip-Top, bei jedem Schritt wurde ein anderer ausgewählt. Größer, stärker, schneller, beliebter – das waren sie alle.

Tanzschule – bleiben Sie mir weg. Aufstellung nehmen und auf das Mädchen meiner Wahl zugehen. Natürlich lächelt sie einem anderen zu. Für mich bleibt die, die ich nie wollte.

Und irgendwann kommt dann doch eine und sagt „Ich will dich. Ja. Dich“

Verdient habe ich das nicht.

+++

Gut, meine Mutter hatte mich sicher lieb. Aber mehr noch liebte sie meinen Bruder. „Der hat es auch schwerer“, sagte sie dann, „der Sprachfehler“. Ich merkte nichts von einem Sprachfehler.

Er brach die Schule ab, wurde – wie man das damals nannte – Gammler, schlief irgendwo draußen, begann zu trinken.

Er durfte immer zu ihr kommen. Immer wieder überlegte sie für ihn, wie er eine Arbeit bekommen könnte oder doch noch eine Ausbildung.

„Du bist doch verrückt“, sagte ich ihr. „Er ist doch mein Kind“, sagte sie.

+++

Jetzt ist er im Ruhestand, macht Triathlon, trinkt schon lange nicht mehr. Unsere Mutter ist längst tot. Irgendwann kam eine Frau, die sagte. „Ich will dich. Aber Du musst aufhören zu trinken.“ Er hat es geschafft.

+++

Ich habe Dich erwählt. Nicht weil du das größte unter den Völkern wärest, sondern du bist das Kleinste.

Aber ich habe dir Treue geschworen.

+++

Gott hat sich in Israel verliebt und so hat er es aus der Knechtschaft herausgeführt. Eine Liebe, die durch dick und dünn geht. Bis ins tausendste Glied. Muss man sich überlegen. 1000 Generationen, sagen wir 25 Jahre mal Tausend. 25000 Jahre wird diese Liebe dauern.

+++

Gott verliebt sich in das Kleine. In die Dicken. In die Armen. In die Kranken. Die anderen hat er auch lieb, aber seine Leidenschaft, das sind die Armen der Welt.

Sie will er aus der Knechtschaft führen wie seine erste Liebe.

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Das ist wie so ein Liebeslied, das die ganze Bibel durchzieht. „Du kleines Israel, dich habe ich erwählt“. „Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei“, „Du kleiner David, zieh los“. „Du unbedeutende Maria, du sollst den Heiland zur Welt bringen“, „Du Feigling Petrus, du sollst mein Fels werden“ „Du Stotterer Paulus, predige“.

+++

Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

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Als Gott seine erste Liebe erwählte, ruhte sein liebender Blick schon auf der ganzen Welt. Da suchte er schon nach den Kleinen, den Dicken, den Mühseligen und Beladenen, den Geknechteten und den Gefolterten.

+++

Vielleicht haben Sie das früher auch gesungen „Kennt auch dich und hat dich lieb“?

Ich habe es mir früher vorgesungen. Ein armer, kleiner Junge. Aus unerklärlichen Gründen von Gott geliebt.

Dann gab es eine Zeit, in der ich nicht mehr an ihn glaubte. Macht nichts, sagte Gott. Ich liebe dich trotzdem.

+++

Dich hat Gott erwählt. Auf Dich ist sein Auge gefallen. Grundlos. Auch wenn Du nichts Besonderes bist, nicht oft in den Gottesdienst gehst. Vielleicht gar nicht mehr so richtig glaubst. Einfach nur so hat er Dich erwählt. Weil er an Dich glaubt.

Amen.

Zwei alte Damen feuern

Sonntag waren wir eingeladen zu Großtante. Die feierte im Kreis ihrer Liebsten ihren Geburtstag, welchen verrät sie nicht. Wie es sich eben gehört für feine alte Damen. Natürlich war die Location – einen Begriff, den Großtante niemals verwenden würde – repräsentativ.

Gestern feierte eine andere alte Dame Geburtstag. Daisy Duck wurde 75.

Nun werden Sie sagen, 75 sei doch kein Alter heutzutage. Einmal abgesehen davon, dass Psalm 90 auch heute noch Recht hat mit seinen Sätzen

Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen

müssen Sie bedenken, dass Daisy Duck als sie das Licht der Welt erblickte, fast genauso aussah wie heute. Großtante sieht auch noch gut aus, aber das ist ihr doch nicht gelungen.

Daisy war und ist in Entenhausen die größte Schönheit. Kaum zu glauben, dass sie alles mögliche unternehmen musste, um Donald auf sich aufmerksam zu machen. Aber als es ihr dann gelungen war, las er ihr jeden Wunsch von den Lippen ab. Musste er auch, denn im Hintergrund buhlt immer Gustav Gans um Daiys Gunst.

Geheiratet hat Daisy aber ihren Donald nie, sie blieb eine unabhängige Frau, Vorsitzende ihres regelmäßig tagenden Damenkränzchens und manchmal sehr impulsiv.

Ich liebe solche selbständige resolute ältere Damen.

Vielleicht, seit ich als Kind im Radio das Hörspiel „Zwei alte Damen feuern“ gehört hatte, wo zwei ältere Junggesellinnen ihre Wohnung mit Flinten verteidigten. Ich fand das sehr mutig und lustig.

In meiner ersten Gemeinde gab es eine solche ältere Dame, die eines Tages in einer meiner Kreise kam. Thema waren Depression und Traurigsein. Sie hatte erst angerufen, ob sie denn auch kommen könnte. „Natürlich“, sagte ich. „Aber ich bin 88“. Ich schluckte, aber natürlich kam sie. Wobei auch 88 Anfang der 80er Jahre etwas anderes war als heute.

Sie kam, schlug mit ihrem Stock auf den Boden und fragte provozierend, ob hier denn nur klug geredet werde – und wieviele denn aus dem Kreis schon wegen Depression in der Klinik waren.

Frau X lebte mit ihren beiden Schwestern zusammen. Die brachten sie dann Sonntagsmorgens zum Gottesdienst, weil Frau X nicht mehr so gut zu Fuß war. Aber mit reingegangen sind sie nicht, davon hielten sie nicht viel.

Was sie wiederum nicht davon abhielt, mich von Zeit zu Zeit zu dritt einzuladen. Das war immer ein lustiger Nachmittag. Es gab Kuchen und was zu picheln.

Kalenderblatt: In Lahn bin ich nie gewesen

Schon oft in meinem Leben war ich in der Lahn und auf der Lahn, aber noch nie in Lahn.

In der Lahn war ich als Kind, in einer kleinen Furt bei Aumenau habe ich gegen die Strömung schwimmen gelernt. Und vor 3 Jahren wieder, als ich unfreiwillig im Schiffstunnel in Weilburg baden ging. Ich gehöre zu den wenigen Menschen auf dieser Erde, vermute ich, die von sich behaupten können, schon einmal in einem Schiffstunnel geschwommen zu sein.

Auf der Lahn war ich mehrmals: als Kind auf selbtsgebauten Flößen, in den letzten Jahren auf Kanus.

Aber in Lahn war ich nie. Diese historische Chance habe ich verpasst. Sie bestand nämlich nur 31 Monate lang. Heute, am 31. Juli, vor 31 Jahren endete sie.

Als Lahn aus den Städten Wetzlar und Gießen und einigen Dörfern dazwischen gegründet wurden, lebte ich in Nürnberg. Die Nürnberger Nachrichten machten sich damals lustig: Das ist genauso, als wenn man aus Nürnberg und Erlangen die Stadt „Pegnitz“ bildete.

Ein Meisterwerk sozialdemokratischer Gebietreformwut. An Kurzlebigkeit nur übertroffen von jenem Bottrop, 1975 für genau 11 Monate und 6 Tage aus Bottrop, Gladbeck und Kirchhellen gebildet wurde.

Ein gesamtdeutscher Sündenfall war Lahn auch. Bis dato wurden sorgfälig Kennzeichen für alle Städte und Kreise in der DDR reserviert – L wurde dann für Lahn freigegeben. Nach der Wiedervereinigung konnte Leipzig dann nur die Nummern mit mehr als 4 Stellen bekommen.

Heute war ich auf dem Markt in Lahn 2.

Ich kenne Doris Dörrie

„Doris Dörrie halt“ schreibt Chirstiane im Kommentar zu „Ich kenne das Leben“. „Einfach nur schön. Witzig. Traurig. Anrührend. Poetisch. Kraftvoll. Doris Dörrie halt“. Womit sie natürlich den Film und nicht Doris Doerrie selbst meint.

Jetzt muss ich Ihnen etwas erzählen, was Sie wahrscheinlich umhaut: Ich kenne nicht nur das Leben, sondern ich kenne auch Doris Dörrie.

Einen Abend lang haben wir am Meer gesessen, Wein getrunken, was Gutes gegessen und gequatscht. Eine junge, hübsche Frau. Wusste gut zu erzählen und hatte ein tolles Lachen.

Jetzt Sie: „Jung ???? – Sooo jung ist die doch auch nicht.“

Haben Sie Recht, nächste Woche wird sie 55. Aber dass wir da den Abend am Meer verbracht haben, ist ja auch schon 26 Jahre her.

Es war bei Maria im Valle. Wem das jetzt nichts sagt: „im Valle“ sagten die Insider zu „Valle Gran Rey“ auf Gomera. Und Maria war die angesagteste Kneipe. Hier bei Maria waren die ersten Inselfreaks eingekehrt und Maria ist heute noch Dreh- und Angelpunkt der Insel.

Ich hatte noch nie etwas von Doris Doerrie gehört. Obwohl sie schon ein paar Filme gedreht hatte. Einen gerade erst.

„Der ist aber sogar in Frankfurt schon gelaufen“, meinte sie, und wenigstens hatte ich den Titel gehört: „Mitten ins Herz“

Was für ein schöner Titel für einen so schönen Abend, gell.

Im Jahr darauf kam dann ihr „Männer“ heraus. Und ich war stolz wie Oskar: Die kenn ich!

Wie schade, dass an dem Abend meine Frau dabei war.

Ehre wem Ehre gebührt: unsere Hebamme

Heb-Amme

„Unser“ Arzt war verzweifelt:

„Was, Frau Wiechmann ist noch nicht da? Das Kind kann doch jeden Moment kommen.“ Frau Wiechmann war unsere Hebamme, den Namen des Arztes habe ich längst vergessen.

Frau Wiechmann kam dann, guckte mal kurz hin und meinte: „Das dauert noch Stunden, da komme ich nochmal wieder“.

Frau Wiechmann war über 70 Jahre alt

In ihrem Berufsleben hatte sie schon weit über 2.000 Menschenkinder in die Welt geholt. Entsprechend vielen Müttern hat sie mit ihrem bestimmten Auftreten, das keinerlei Zweifel an ihrer Kompetenz aufkommen ließ, Mut gemacht.

Ich weiß nicht, wie viele Männer Frau Wiechmann zu Geburtshelfern gemacht hatte.

Meine Hilfe bestand aus Handlangerdiensten:

„Das Bett muss hoch genug sein“, sagte Frau Wiechmann. Ich fragte in der Spedition nebenan nach Europaletten, schleppte die in unsere Wohnung.

Frau Wiechmann erklärte, was alles bereit stehen musste und stellte klar, was sie keineswegs akzeptieren würde.

Sie sehen schon: Hausgeburt.

Meine Frau war eine Hausgeburt, ich war eine Hausgeburt. Warum nicht also auch unsere Tochter.

Frau Wiechmann kam mehrmals vor der Geburt, um alles zu inspizieren. Der werdenden Mutter versicherte sie, dass nichts schief gehen wird. Dem werdenden Vater gab sie letzte Instruktionen.

Am Abend vor der Geburt waren Freunde zu Besuch

Eigentlich wollten sie über Nacht bleiben. Ihre Tochter war drei Monate alt. Auch Hausgeburt. Sie sehen, in welchen Kreisen wir uns bewegten. Selbstverständlich hatte ich gelernt, mitzuatmen. Frau Wiechmann hätte das lächerlich gefunden.

Als unsere Freundin erzählte, dass ihre Tochter eine „Zangengeburt“ gewesen sei, verzog Frau Wiechmann nur kurz das Gesicht:
„Zangengeburt? Von so was habe ich schon mal gehört – bei mir kommt das nicht vor“.

Als Mascha dann nach langem Hin und Her

von Frau Wiechmann mit sanftem Griff in die Welt gezogen war, öffnete ich eine Flasche Sekt.

Um ein Haar hätte der knallende Sektkorken unser Kind wieder erschlagen.

Frau Wiechmann trank ein Glas Sekt mit. Ich ging uns eine Pizza holen, weil meine Frau Hunger hatte.

Eine Woche lang kam Frau Wiechmann danach einmal täglich, um uns in die „Säuglingspflege“ einzuweisen.

Hebamme

Eine freiberufliche Hebamme

bekommt für eine Hausgeburt pauschal für alle Besuche 448,80 €. Allein die Haftpflichtversicherung soll in Zukunft 3.700 € kosten.

Seit gestern habe ich eine Nummer: 17562. Soviele Menschen haben schon eine Petition an den Deutschen Bundestag elektronisch unterzeichnet.

Hebammentag war gestern. Aber unterzeichnen können Sie heute noch. Hebammen sind ja auch nicht von gestern.

Wie man Wasser bei 90 Grad sieden lässt und ein Schiff einfach ohne einen abfährt

Manche denken, die Sommerzeit sei eine gute Erfindung nur wegen der Winterzeit. Denn, denken sie, wenn es die Sommerzeit nicht gäbe, könnte man bei der Umstellung auf die Winterzeit sich nicht freuen, eine Stunde länger schlafen zu können.

Das wäre eine gute Erfindung gewesen: die Winterzeit.

Aber die gabs sozusagen schon „immer“. Obwohl das ja natürlich nicht stimmt. Die Zeit gabs zwar schon immer, aber dass sie irgendwie eingeteilt wurde, gabs erst später. Naja, ganz schön lange schon.

Gott hat gleich als erstes das Licht geschaffen und als er gesehen hat, dass Licht was schönes ist, hat er es „Tag“ genannt und die Dunkelheit „Nacht“. Das war gleich am ersten Tag der Weltgeschichte.

Er war mit sich ziemlich zufrieden an diesem Tag, weil er es eine gute Idee fand, gleich am ersten Tag die ganze Energie einfach zur Verfügung zu stellen. Aber damals kannte er den Menschen noch nicht und wusste nicht, dass später Energie viel kosten würde.

Die Menschen wussten das zuerst auch nicht. Bis 1973. Da gab es an 4 Sonntagen Fahrverbot. Und man durfte nur für 20 DM Benzin kaufen. Dafür würde ich mein Auto heute nicht einmal mehr starten könne. Aber mein erster Sprit kostete 1969 47 Pfennig.

Also beschloss man Energie zu sparen und kam auf die Idee „Sommerzeit“.

Die ultimative Satirezeitschrift „Titanic“ fand den Gedanken genial, dass man Energie dadurch sparen könne, dass man einfach die Zeit um eine Stunde vorverlegt.

Ihr ebenso genialer Vorschlag, Energie doch auch einzusparen, indem man den Siedepunkt einfach auf 90 Grad legt, wurde leider nie gesetzlich festgelegt.

Meinen sonnigsten Umstellungstag hatte ich definitv 1985. Da saß ich mit Frau und Kind auf einer Terrasse in Valle (ja, dem auf La Gomera), frühstückte in Ruhe und freute mich auf den gebuchten Ausflug mit dem neuen, inzwischen legendären Schiff von Capitano Claudio.

Verträumt gucke ich aufs Meer – und was sehen meine entsetzten Augen: da segelt doch Capitano Claudio an uns vorbei!°

Am nächsten Tag habe ich mich fürchterlich beschwert bei „El Fotografo“, wo die Karten verkauft wurden. Ob sie noch nichts von Sommerzeit gehört hätten. Doch, haben die gesagt, deshalb sei das Schiff ja früher abgesegelt.

Ich war außer mir. Ob sie nicht wüssten, dass es hätte später fahren müssen wegen der Sommerzeit. Sie waren unbelehrbar, aber schließlich haben sie wohl ihren Irrtum eingesehen und mir mein Geld zurück gegeben und waren still. Trotzdem war ich noch ziemlich wütend auf diese Bande.

Wenn ich heute nochmal nachrechne….

Wie man Wasser bei 90 Grad sieden lässt und ein Schiff einfach ohne einen abfährt

Manche denken, die Sommerzeit sei eine gute Erfindung nur wegen der Winterzeit. Denn, denken sie, wenn es die Sommerzeit nicht gäbe, könnte man bei der Umstellung auf die Winterzeit sich nicht freuen, eine Stunde länger schlafen zu können.

Das wäre eine gute Erfindung gewesen: die Winterzeit.

Aber die gabs sozusagen schon „immer“. Obwohl das ja natürlich nicht stimmt. Die Zeit gabs zwar schon immer, aber dass sie irgendwie eingeteilt wurde, gabs erst später. Naja, ganz schön lange schon.

Gott hat gleich als erstes das Licht geschaffen und als er gesehen hat, dass Licht was schönes ist, hat er es „Tag“ genannt und die Dunkelheit „Nacht“. Das war gleich am ersten Tag der Weltgeschichte.

Er war mit sich ziemlich zufrieden an diesem Tag, weil er es eine gute Idee fand, gleich am ersten Tag die ganze Energie einfach zur Verfügung zu stellen. Aber damals kannte er den Menschen noch nicht und wusste nicht, dass später Energie viel kosten würde.

Die Menschen wussten das zuerst auch nicht. Bis 1973. Da gab es an 4 Sonntagen Fahrverbot. Und man durfte nur für 20 DM Benzin kaufen. Dafür würde ich mein Auto heute nicht einmal mehr starten könne. Aber mein erster Sprit kostete 1969 47 Pfennig.

Also beschloss man Energie zu sparen und kam auf die Idee „Sommerzeit“.

Die ultimative Satirezeitschrift „Titanic“ fand den Gedanken genial, dass man Energie dadurch sparen könne, dass man einfach die Zeit um eine Stunde vorverlegt.

Ihr ebenso genialer Vorschlag, Energie doch auch einzusparen, indem man den Siedepunkt einfach auf 90 Grad legt, wurde leider nie gesetzlich festgelegt.

Meinen sonnigsten Umstellungstag hatte ich definitv 1985. Da saß ich mit Frau und Kind auf einer Terrasse in Valle (ja, dem auf La Gomera), frühstückte in Ruhe und freute mich auf den gebuchten Ausflug mit dem neuen, inzwischen legendären Schiff von Capitano Claudio.

Verträumt gucke ich aufs Meer – und was sehen meine entsetzten Augen: da segelt doch Capitano Claudio an uns vorbei!°

Am nächsten Tag habe ich mich fürchterlich beschwert bei „El Fotografo“, wo die Karten verkauft wurden. Ob sie noch nichts von Sommerzeit gehört hätten. Doch, haben die gesagt, deshalb sei das Schiff ja früher abgesegelt.

Ich war außer mir. Ob sie nicht wüssten, dass es hätte später fahren müssen wegen der Sommerzeit. Sie waren unbelehrbar, aber schließlich haben sie wohl ihren Irrtum eingesehen und mir mein Geld zurück gegeben und waren still. Trotzdem war ich noch ziemlich wütend auf diese Bande.

Wenn ich heute nochmal nachrechne….

Odenwaldschule, Reformpädagogik, die 68er und Missbrauch

1996 wird es gewesen sein, dass meine Tochter glaubte, es in ihren beiden „Zuhause“, dem bei ihrer Mutter und dem bei ihrem Vater nicht mehr aushalten zu können. Sie steckte bis über beide Ohren in der Pubertät und wollte weg. Sie hatte mit ihren 13 Jahren schon einiges an Erfahrung mit Hasch gemacht und auch davon wollte sie weg.

Wir haben lange beraten und schließlich beschlossen, sie auf die Odenwaldschule zu schicken. Das hätte uns an den Rand des finanziellen Ruins getrieben, aber wir waren sicher: das ist die beste Internatsschule, die es gibt, zudem in unserer Nähe. Zuvor aber – das ist eine großartige Einrichtung der Odenwaldschule – konnte sie eine eine Woche dort probewohnen und den Unterricht besuchen. Während der Woche schien es am Telefon so, als sei sie begeistert. Aber am Ende der Woche meinte sie, das sei doch nicht das Richtige für sie. Sie hat dann bei mir gewohnt.

Vor und nach dieser Woche haben wir drei Gespräche mit dem damaligen Schulleiter, Wolfgang Harder, geführt. Ich muss sagen: ich war beeindruckt. Ein kompetenter, einfühlsamer und kluger Pädagoge.

Zwei Jahre später las ich in der Frankfurter Rundschau vom Vorwurf des Missbrauchs gegen Gerold Becker, den Vorgänger Harders. Ich war entsetzt – um nicht zu sagen: eine kleine Welt brach zusammen. Wie ich die Schule kennengelernt hatte, was ich auch vorher schon wusste (nebenbei mal: ich bin auch Diplom-Pädagoge sozusagen der ersten Stunde und sehr durch die Ausläufer der Reformpädagogik geprägt): sie war für mich ein wirkliches Modell.

Eine Schule, die die besten Impulse der Reformpädagogik aufgreift: Leben und Lernen nicht zu trennen, sondern zusammenzuführen, den Schüler nicht als Objekt zu sehen, sondern als Menschen. Wer auf der Odenwaldschule Abitur macht, kann auch gleichzeitig einen Beruf lernen. Die Schüler leben in „Familien“ mit ihren Hausvätern oder -müttern zusammen. Traumhaft. Zudem ist sie als „Dorf“ eine kleine Idylle.

Und nun das: in diesem Modell einer Schule, der Pädagogik überhaupt, geschehen Verbrechen an Kindern. Und nicht von irgendwem, sondern vom Schulleiter selbst. Es war klar, davon musste eine so enge Gemeinschaft gewusst haben.
Froh war ich natürlich, dass die Episode meiner Tochter auf der Schule in eine andere „Epoche“ der Schule fiel.

Aber aus allen Wolken fiel ich Anfang März diesen Jahres – über ein Jahrzehnt später -, als wiederum die Frankfurter Rundschau berichtete, dass die damaligen Vorfälle zu nahezu keinen Konsequenzen geführt hatte. Ich war damals sicher, dass nach der Enthüllung der Rundschau 1999 an der Schule kein Stein auf dem anderen geblieben war, dass diese Lehre sich die Odenwaldschule dick ins Stammbuch geschrieben hatte.

Nichts von alledem. Es wurde vertuscht, heruntergespielt, mit einer gewissen Anstandsfrist als erledigt betrachtet.

Mich empört das noch mehr als die vielen Fälle von Missbrauch in der katholischen Kirche. Denn – jetzt bin ich einmal ganz ehrlich – obwohl ich sonst nie etwas Schlechtes über die Katholische Kirche sage: dass in einem Dunstkreis von ideologischer Reduzierung der Sexualität auf die Fortpflanzung, von Verpflichtung von Menschen auf sexuelle Enthaltsamkeit eine Schattenseite gedeihen kann – das lag in meiner Vorstellungswelt – wenn auch nicht in diesem Ausmaß.

Aber dass in einem Umfeld von pädagogischem Engagement und Zugewandtheit Verbrechen geschehen, konnte ich mir nicht vorstellen.

Fortsetzung folgt