Wie Menschen einen prägen. Ich trauere um eine Lehrerin.

1968 (ich Mitte 2. Reihe)

Leider habe ich kein Bild von ihr. Aber ihr Bild ist mir aus vielen, vielen Begegnungen noch deutlich in Erinnerung. Inge Volp war meine erste Religionslehrerin auf dem Gymnasium, ein Lichtblick in diesem „Gymnasium für Jungen“, in dem die meisten Lehrer – und ja, auch Lehrerinnen – noch schlugen oder irgendeine Art hatten, Kinder zu quälen.

Und zwar wirklich, nicht nur mit Aufgaben. Neben Schlägen waren verbale Demütigungen an der Tagesordnung. Und Kinder aus dem Arbeitermilieu wie ich bekamen von vielen ihre Verachtung zu spüren.

Letzte Woche ist Inge gestorben und in der nächsten Woche werden wir sie zu Grabe tragen. Nächsten Monat wäre sie 94 geworden.

Inge Volp hat mein Leben mit geprägt. Ich weiß nicht, was ohne sie, ohne ihren Mann „Carlito“ (Karl-Heinrich) und einer Handvoll anderer Menschen, die mir als Kind und Jugendlicher begegneten, geworden wäre.

Meine früheste Erinnerung ist, dass ich mit ihr als „Sextaner“, wie das damals hieß, und einem Klassenkameraden zusammen einkaufen war. Wir beide waren Klassensprecher und wollten ein Geschenk für unsere Klassenlehrerin besorgen – weshalb auch immer. Da wir ratlos waren, fragten wir die junge (damals 36), hübsche und lebhafte Lehrerin um Rat und sie verabredete sich mit uns vor einem Darmstädter Kunstladen (für Darmstadt-Kenner: in den ehemaligen Baracken des Mathildenplatzes, wo heute das Luisencenter steht). Eine fremde Welt für mich, ich habe noch genau das Bild der modernen und wie ich glaube schönen Vase vor Augen, die wir erstanden.

Damals wusste ich noch gar nicht, dass sie Pfarrerin ist. Das war sie auch noch nicht. Sie war nämlich verheiratet, verheiratete Frauen durften damals nicht Pfarrerin werden und auch ledige Frauen wurden nur „Vikarin“. Unsere Kirche war die erste, die die rechtliche Gleichstellung von Frauen im Pfarramt verwirklichte. das war aber erst 1971 – nach meinem Abitur.

Viele, viele Diskussionen hatte ich mit ihr. Im Unterricht und in dem kleinen theologisch-politischen Gesprächskreis mit ihr und ihrem Mann, der damals Schulpfarrer an unserer Schule war – ihn hatte ich dann auch im Unterricht.

Später hat sie bei Begegnungen jedem erzählt, die Begegnung mit mir und unserer Klasse sei eine der wichtigsten und besten Erfahrungen in ihrem Berufsleben gewesen. Und die war so:

1968 (ich Mitte 2. Reihe)
1968 (ich Mitte 2. Reihe)

Wir Schüler übernehmen den Unterricht

Bis in die 68er hinein nahmen praktisch alle Schüler am Religionsunterricht teil. Der Religionsunterricht, die Schulgottesdienste am Reformationstag und ab und an die „Religiösen Schulwochen“ (auch die gab es im roten Hessen) bildeten einen wichtigen Teil des Schullebens.

Dann änderte sich an unserer Schule etwas grundlegend. Wir bekamen ab der 11. Klasse „Entschuldigungsfreiheit“. Ein hessisches Modellprojekt, Vorläufer des „Kursmodells“. Man musste nicht mehr am Unterricht teilnehmen, Noten gab es nur noch auf Klassenarbeiten. Wir machten eifrig Gebrauch davon, so viel, dass der Direktor eine Schulkonferenz einberief und uns händeringend bat, doch wenigstens vor Beginn einer Stunde zu entscheiden, ob wir teilnehmen wollten oder nicht. Man müsse doch verstehen, dass es für Lehrer nicht einfach sei, wenn Schüler einfach aufstehen und gehen.

In manchen Fächern saßen nur noch ein paar Schüler zusammen, eigentlich nur die, die noch büffeln mussten. Die anderen saßen im Café Gutenberg ein paar Ecken weiter oder im „Lagerhaus“.

Anders in Reli. Unvorstellbar heute, aber da kamen wir noch hin. Wohl, weil im Prinzip der Religionsunterricht immer schon freiwillig war und die Lehrer deshalb gewohnt waren, ihn interessant zu gestalten. Hier wurde wirklich diskutiert.

Aber bei Frau Volp, wie ich sie damals noch nannte, kam das in diesem Jahr nicht wirklich in Fahrt. Ich besorgte mir Rückendeckung und meldete mich: „Frau Volp, so kann das nicht weitergehen. Uns interessiert das nicht, was Sie da machen. Wir haben beschlossen: entweder WIR übernehmen jetzt den Unterricht und sie setzen sich dazu, melden sich und diskutieren einfach mit wie die anderen – oder wir treten aus.“

Inge zögerte nicht lange. Wir überlegten uns Themen und jedes Mal hielt einer ein Referat, ein anderer leitete das Gespräch. Und Inge dikutierte mit.

Es war sicher der engagierteste Unterricht, den ich erlebt habe. Ich hielt ein Referat über einen hochtheologischen Aufsatz „Christi Gegenwart: das Kreuz“ (und fand da wohl den Hauptbezugspunkt meiner Theologie). Und die anderen fanden das interessant.

Diskussionen und Vergnügen auch in der Freizeit

Einmal in der Woche trafen wir uns bei Volps zum Diskutieren und Schwätzen. Oft bestellten sie dann eine Pizza, es gab ein Bier und heiße Ohren. Erst hieß das schuloffiziell „Arbeitskreis“, dann nannten wir uns um in „Bibelkreis“, das hatte einer gelesen aus der Geschichte der Bekennenden Kirche.

Zwei- oder dreimal sind wir mit Volps zu Tagungen der Evangelischen Akademie nach Arnoldhain gefahren. Ich erinnere an eine Schülertagung zur „Pille“ und eine Tagung zum „Neuen Deutschen Film“. Unglaublich: die 1961 „erfundene“ Anti-Baby-Pille war noch äußerst umstritten, damals nicht wegen ihrer Nebenwirkungen, sondern aus religiös-ethischen Gründen. Die Nächte diskutierten und soffen wir.

Volps unterstützen mich, wo sie konnten. Beide Volps waren ein paarmal bei uns zuhause, ich weiß nicht mehr, aus welchem Anlass. Sie müssen wissen: das klingt hier jetzt alles nach einem guten und engagierten Schüler. Das Gegenteil war der Fall. Ich war so schüchtern, dass ich praktisch nie etwas im Unterricht sagte. Ich traute mich einfach nicht. Ich bin einmal sitzen geblieben und nur mit Mühe (mit drei Fünfen in Hauptfächern der Vornoten!!!) durchs Abitur gekommen.

Aber Volps mochten mich und haben wohl sehr schnell Stärken in mir erkannt. Vor der vollbesetzen Kirche durfte ich 1969 die Ansprache zur Weihnachtsfeier halten. Als Schüler! Natürlich waren manche Eltern entsetzt über das „Von wegen Frieden auf Erden“.

Weil ich immer wenig Geld hatte, vermittelten sie mir einen Nachhilfeschüler. Immerhin: mein Deutsch war so gut, dass ich jüngeren Gymnasiasten Grammatik und Rechtschreibung beibringen konnte.

Bei Volps konnte ich immer vor der Tür stehen, sie freuten sich – auch wenn sie manchmal wohl überrascht waren. Außer ihrer Wohnung in Darmstadt und später dann in Offenbach hatten sie ein Häuschen in Lindenfels im Odenwald, in das sie nach dem Ruhestand auch gezogen sind. Auch dort war ich oft zu Gast, wenn ich im Freizeitenheim der Stadt Darmstadt Betreuer bei Freizeiten war. Im Hof sind wir lachend Stelzen gelaufen.

Noch als Student und Vikar bin ich abends ab und zu in Offenbach bei ihnen vorbeigefahren, klingelte einfach und stand da. fand offene Türen, ein Glas Wein und tolle Gespräche.

Ihre beiden schon immer bildhübschen Töchter „Püppi“ Isabell und „Fränzi“ Franziska (was für schöne Namen für die damalige Zeit) habe ich aufwachsen sehen. Hinterher lachten wir ab und zu, wie Carlito am Darmstädter Oberwaldhaus verzweifelt rumlief „Hat jemand hier eine kleine Isabell gesehen?“.

Zuletzt traf ich Inge bei einer Feier zum 60jährigen „Jubiläum“ der Frauenordination. Wir verabredeten natürlich schnelles Wiedersehen, daraus ist nie etwas geworden. Im letzten Jahr ist Carlito gestorben und ich habe erst nach der Trauerfeier davon erfahren, Inge einen langen Brief geschrieben und wollte wieder vorbeikommen.

In meinem Alter sollte man das auch tun und nicht nur schreiben.

+++

Kinder, wie ich eins war – und vielleicht jedes Kind – , brauchen solche Menschen, die „von außen“ in ihr Leben treten, etwas in ihnen sehen, was werden kann, sie unterstützen und ihnen etwas vorleben.

1961: eine Mauer wird gebaut

1961 - Bundesarchiv
1961 – Bundesarchiv

Für heute¹ hat der rbb den „Zirkeltag“ ausgerufen. Die „Mauer“ in Berlin ist heute genauso lange weg wie sie gestanden hat, nämlich 28 Jahre, 2 Monate und 27 Tage. Anlass, meine Erinnerungen an die Mauer zu schreiben.

Am 13. August 1961 war ich in der Sexta, so hieß die 5. Klasse im Gymnasium damals. Wir mussten jeder ein besonderes Heft zur „Mauer“ und zum Leben in der „Sowjetisch Besetzen Zone“, der SBZ, anlegen. „DDR“ durften wir nicht sagen, später sagte man dann manchmal „Die Sogenannte DDR“.

In diesem Heft sammelten wir alles, was wir an Zeitungsartikeln oder ähnlichem finden konnten. Es sollte besonders schön geführt werden und wurde jede Woche eingesammelt. Ich weiß noch, dass ich einen Spottvers in Schönschrift hineinschrieb, den ich irgendwo aufgeschnappt hatte:

Keine Butter, keine Sahne –
auf dem Mond die Rote Fahne

Ein paar Tage nach dem Mauerbau begann die BILD-Zeitung die Tage zu zählen: „Schon soundsoviel Tage Mauer in Berlin“ las man da jeden Tag direkt unter dem BILD-Schriftzug. Tatsächlich hielt sie das dann ein paar Jahre durch. Irgendwann stellte sie das sang- und klanglos ein, man hatte sich an die Mauer gewöhnt.

Ich sah sie dann zum ersten Mal, als ich als Delegierter bei der Tagung der „Landesjugendkonvente“ der Evangelischen Jugend in Berlin war. Da traf man sich zunächst im Osten und Westen, um dann – heimlich natürlich – ein gemeinsames Treffen in Ost-Berlin zu haben.

Ich weiß nicht mehr, an welchem Übergang wir die Mauer passiert haben. Ich weiß nur noch, dass ich gefilzt wurde. Mein schöne Personalausweishülle wurde aufgeschlitzt, ob ich da irgendwas eingeklebt hatte.

Später war ich oft bei meinem Freund Peter, der in Kreuzberg in der Liegnitzer wohnte. Sozusagen um die Ecke saßen wir dann am Landwehrkanal und beguckten die Mauer.

¹ 5. Februar 2018

Der Tag, an dem Adenauer starb

Halbmast
Halbmast
Halbmast

Adenauer war 91, als er starb. Seine letzten Worte richtete er an seine Tochter: „Da jitt et nix zo kriesche!“ – Da gibts nix zu flenne, würde ich das übersetzen.

Er war 91, als er starb. Bevor er mit 73 zum Bundeskanzler gewählt wurde, fragte er seinen Hausarzt, ob er die Aufgabe in seinem Alter noch erfüllen könne. „So zwei, drei Jahre könne er das wohl noch“, sei die Antwort gewesen, erzählte er später und fügte hinzu „Da sehen Sie, dass der Gnade unseres Herrgotts keine Grenzen gesetzt sind“.

Mit seinen 91 Jahren war er immerhin noch Mitglied des Bundestages, wo er keinen Hehl daraus machte, wie wenig er von seinem Nachfolger Ludwig Erhard hielt.

Wegen seiner großen Verdienste erhielt Konrad Adenauer vom Papst das Recht verliehen, zu Pferde in Kirchen einreiten zu dürfen. Dieses Recht steht den „Rittern vom Goldenen Sporn“ zu. Es wird allerdings von uns Evangelischen nicht anerkannt.

Daneben ist sicher aus Adenauers Leben erwähnenswert, dass er neben einer Sojawurst eine von innen beleuchte Stopfkugel, einen Kopfschrim zum Schutz vor Blendung durch entgegenkommende Fahrzeuge, eine Tülle mit beweglicher Klappe für Gießkannen, ein Verfahren zur Herstellung eines dem rheinischen Roggenschwarzbrot ähnelnden Schrotbrotes und viele andere nützliche Dinge erfand, die seitdem unser Leben bereichern.

Am Tag, als Adenauer starb, war ich 16 Jahre alt und eingeteilt zum Seenotwachdienst. Es wehte ein furchtbarer Wind, aber es war Vorschrift, dass man sich nicht – egal wie das Wetter war – in die Wachkabine zurückziehen durfte.

Ich stand in eisiger Kälte auf der Aussichtsplattform mit Gummistiefel, Ölzeug und Südwester und musste ununterbrochen die Hohwachter Bucht beobachten, ob irgendwo ein Schiff untergeht.

In der Wachtstation gab es ein Telefon, das praktisch nie läutete. Aber an diesem Morgen läutete es. Das hieß, dass der Wachleiter vom Dienst anrief. „Ja, hier Seenotwache“, meldete ich mich vorschrieftsmäßig.

„Junge, Adenauer ist gestorben. Du musst sie Flagge auf Halbmast setzen“.

Ich war also derjenige, der die weithin sichtbare Deutschlandfahne auf Halbmast setzte. Ein Bauer, der vorbeigradelt kam, stieg ab und meinte: „Ach, Adenauer ist gestorben“.

Später traten dann alle Wachen an, um gemeinsam das Deutschland zu singen und zu diesem Zweck wurde die Fahne zunächst noch einmal hoch und dann wieder auf Halbmast gezogen. Wieder von mir, was eine große Ehre war.

So erlebte ich den Tag, als Adenauer starb. Das war heute vor 44 Jahren.


Wenn Sie sich jetzt wundern, warum ich mit meinen knapp 16 Jahren schon bei der Bundeswehr war, liegen Sie völlig falsch. Ich war für vier Wochen an der Kurzschule Weißenhaus. Im Spiegelarchiv fand ich heute einen schönen Artikel dazu.

Muttersprache in der Vaterstadt

Für die meisten völlig unbemerkt ist gestern der „Tag der Muttersprache“ an uns vorbeigegangen, ohne uns anzusprechen – weder in Muttersprache noch Vatersprache noch Fremdsprache noch sonst irgendwie.

Aber als ich nächtens dann zu Bette lag, habe ich mir vorgenommen, heute doch noch einmal einen kleinen Blog dazu zu schreiben.

Es geht mir wie vielen wahrscheinlich: meine „Muttesrprache“ ist nicht die Sprache meiner Mutter, sondern eher die meines Vaters. Meine Mutter kam aus einem Dorf gute 100 km entfernt und da wurde eine ganz andere Sprache gesprochen als in Darmstadt, meiner Vaterstadt.

Beides liegt zwar in Hessen, aber Darmstadt in Südhessen und das Dorf meiner Mutter liegt an der Lahn und zwar der nördlichen Seite. Just dort verläuft eine Sprachgrenze. In diesen Dörfern an der Lahn wird ein Platt gesprochen, das „Mittelhessische“, das mit dem in Südhessen gesprochenen „Rheinfränkischen“ absolut nichts zu tun hat.

Ich bin also zweisprachig und – rechnet man das Hochdeutsche, das ich aus den Büchern kannte, aber nicht sprach – hinzu, dreisprachig.

Darmstädter Heiner reden nicht, sie „hoinern“ unn schwäzze von Geburd aa drei Sprache: dumm, schlääschd unn gebroche Deitsch. Das waren also die Vatersprachen, mit denen ich aufgewachsen bin und die ich bis heute beherrsche.

Eine Kostprobe davon werde ich wieder am Fastnachtssonntag geben, wenn es bei der Predigt heißt: „Kersch mal annersder“.

Die Sprache meiner Mutter – die sie allerdings bei uns zuhause nie sprach – konnte ich zwar gut verstehen, aber nie sprechen.

Wo es in Darmstadt hieß „Ich hobb mer zwaa Ebbel genumme“, hieß es dort „Aich hunn mir zwie Äppel genemmt“. Mädchen waren Madschers, immer mit „’s“ apostrophiert, Jungen trugen keine Hosen, sondern Buxe und darunter Innerbuxe, die Tante war die Goth und der Onkel der Petter. Also eine fremde Welt.

Mein Vater heinerte zwar auch, wurde aber immer böse, wenn ich zu sehr Darmschdädderisch babbelte. Zum Beispiel korrigierte er regelmäßig, das hieße nicht „die Abodehsch“, sondern „die Apotheke“ und es sei auch kein Kleber, sondern Klebstoff.

Aber er hielt fest daran, dass Kinder „Schebbe“ sind, was meine Oma mütterlicherseits stets auf die Palme bracht: „Seid frou, dass eier Kinn grod gwachse soin“. (Schebb=schief; Kinn=Kinder)

Meine Tochter kann es nicht leiden, wenn ich Mundart rede. „Das klingt so ordinär bei dir“, meint sie.

Wenn Sie mal etwas ins Südhessische übersetzen wollen, können Sie das hier – Woannse mol ebbes ins Siedhessische iwwersedse wolle, kenne Sie des do!

Kalenderblatt: Isch bin ein Bärliner

Von Kennedy werde ich drei Erinnerungen immer bewahren.

Alle stammen sie aus dem Jahr 1963. Ich war damals 12 Jahre alt. John F. Kennedy, seiner schönen Frau Jaquie und seinen Kindern flogen die Herzen zu.

Die erste Erinnerung ist ein Bild.

John-John, wie er genannt wurde, spielt unter dem Schreibtisch seines Vaters.

John-John

Ich weiß noch, dass mich das als Kind sehr berührt hat. Dass ein Präsident spielende Kinder haben kann. Dass John-John anscheinend ein eigenes Türchen im Schreibtisch des Präsidenten hatte. Überhaupt, dass das eine so glückliche Familie war.

Die zweite Erinnerung: unsere Familie sitzt vor dem Fernseher.

Der muss irgendwann in diesem Jahr angeschafft werden sein. Extra einer in einer Vitrine mit Schlüssel. Mein Vater meinte, er wolle den Fernseher abschließen können, damit wir nicht immer davor sitzen. Wobei „immer“ sowieso nur hieß ab 17 Uhr. Vorher gabs nur das Testbild.

Aber an dem Tag sahen wir John F. Kennedy vor dem Brandenburger Tor. Und er hielt seine berühmte Rede, die in dem Ausruf gipfelte:

Ich bin ein Berliner

Die Berliner jubelten. Und mit ihnen ganz Deutschland. Zwei Jahre zuvor war die Mauer gebaut worden und noch glaubten die Menschen, dass sie vielleicht irgendwann einmal wieder abgerissen würde. Ein paar Jahre später glaubte das niemande mehr. Bis 1989.

In Amerika wurde dann erfunden, die Berliner hätten ihn ausgelacht, weil es eigentlich heißen müsste: „Ich bin Berliner“ und „Berliner“ Pfannkuchen seien.

In Wirklichkeit lachte kein Berliner über diesen Satz. Nur Jubel. Und dann einen Moment später Lachen, als Kennedy meinte: „Ich hoffe, der Dolmetscher hat das richtig übersetzt“. Kennedy hatte es mit seiner Rede und diesem einen Satz geschafft, die Berliner ganz auf seine Seite zu ziehen.

Nebenbei: Der Satz ist grammatikalisch völlig korrekt. Der Ausdruck „Ich bin Darmstädter“ bezieht sich auf die Herkunft: „ich komme aus Darmstadt“ oder „ich bin in Darmstadt geboren“. Der Satz „Ich bin ein Darmstädter“ bedeutet „Ich gehöre zu den Menschen in Darmstadt“. In der Grammatik heißt das: der unbestimmte Artikel „ein“ wird u.a. verwendet bei Hauptwörtern, die als Vertreter einer Klasse auftreten. Zum Beispiel: Das ist ein Offenbacher.

Im Übrigen waren Pfannkuchen in Berlin Pfannkuchen. Auch wir Darmstädter kannten keine „Berliner“, das waren Krebbel. Erst später vermischten sich die regionalen Bezeichnungen.

Die dritte Erinnerung

Meine kleine Schwester, damals gerade mal 7, kommt weinend ins Zimmer gelaufen: „Kennedy ist tot“. Das war am 22. November.

Keine 5 Monate vorher, nämlich heute, am 26. Juni, vor 47 Jahren hielt John F. Kennedy seine Rede in Berlin.

Manuskript mit Ausspracheerinnerung

Von Kopfnüssen und Ohrenrubbeln

An dem „Gymnasium für Jungen“, das ich die Ehre hatte, besuchen zu dürfen, hatte fast jeder Lehrer sich eine besondere Art ausgedacht:

Herr Roßkopf liebte es, die Ohren zu rubbeln. „Pohl, hol dir einen Satz heiße Ohren ab“, hieß es dann. Man musste nach vorne kommen. Herr R. legte beide Hände auf die Ohren und begann die Ohren hart und schnell zu rubbeln. Sie wurden wirklich heiß.

Herr Kociemba meinte immer: „Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen“. Er gab aber nicht leichte Schläge auf den Hinterkopf, sondern setzte eine harte Kopfnuss, die er voll von unten nach oben über den Hinterkopf zog.

Herr Dr. Oechler schlug einen „wie einen Stallhasen“. Dazu musste man sich über den Lehrertisch beugen und bekam mit der flachen Hand in den Nacken geschlagen.

Frau Zielke war Kunstlehrerin und konnte es nicht leiden, wenn Schüler sich beim Schnitzen statt in den entstehenden Holzelefanten in die Hand schnitten. Dann musste man nach vorne kommen. Der arme Noack hatte eine Brille. Den schrie sie dann an: „Brille ab!“, holte aus, so weit sie konnte und klatschte ihre Hand ihm ins Gesicht.

Alle fanden ihre Späßchen äußerst lustig. Wir Jungs nicht.

Ich kannte das von der Volksschule, wie sie damals hieß, nicht. Jedenfalls nicht in diesem Ausmaß. Einmal hat mir allerdings Herr Scholz in der Vierten Klasse eine Ohrfeige gegeben, dass ich Nasenbluten bekam. Die Mädchen in der Klasse haben empört aufgeschrien, dass ich nicht schuld sei. Das hat mich dann ein bisschen stolz gemacht.

In der Volksschule wurde eher mit „In die Ecke stellen“ bestraft und die Nuckel-Liese, die immer am Daumen lutschte, bekam ihren Daumen dick eingewickelt.

In der Dorfschule, die ich für ein knappes Jahr besuchte, hatte der Lehrer noch einen Rohrstock. Man musste die Hände vorzeigen und wer schmutzige Hände hatte, bekam eins übergezogen.

Hat’s was geschadet? Und wie.

 

Nüchtern zur Konfirmation, gar nicht so einfach

1965

Während meine Liebste sich auf der Terrasse sonnt, muss ich mich mental auf morgen vorbereiten: Konfirmation! Und wie könnte ich das besser, als schnell mal einen kleinen Blog zu schreiben.

Meine erste Erinnerung an eine Konfirmation ist wohl die Konfirmation meiner Schwester, das wird 1961 gewesen sein. Mit ihren 14 Jahren sieht sie auf dem Konfirmationsbild schon sehr erwachsen aus, was wohl an den hochtoupierten Haaren liegt, die damals üblich waren.

Wenn Sie nicht auch aus dieser Zeit stammen, erraten Sie nicht, was sie damals vor allem geschenkt bekommen hat: Sammeltassen!

Das waren hässliche Tassen nebst Untertassen und Teller, die man sich ins „Buffet“, wie die Wohnzimmerschränke hießen, stellen konnte.

Jungen bekamen keine Sammeltassen, zum Glück. Das machte es den Nachbarn nicht einfacher. Denn selbstverständlich brachte jeder Nachbar sein Geschenk vorbei. Und jeder Laden, bei dem die Familie einkaufte, brachte ein Geschenk.

Für Jungen gab es so sinnvolle Geschenke wie Taschentücher, Portemanes, Strümpfe, Fotoalben, Nyltesthemden,

Sie sehen, Konfirmation war immer – wahrscheinlich sogar früher mehr als heute – das Fest der Geschenke. Ein riesengroßer Geschenketisch wartete darauf, gefüllt zu werden.

Mein Hauptgeschenk war ein Fotoapparat „Agfa Optima Ia“ – ein wunderbares halbautomatisches Gerät (Bei richtiger Belichtung leuchtete ein grünes Lichtchen).

Da ich zum Zeitpunkt meiner Konfirmation aber schon beschlossen hatte, fromm zu werden, nahm ich die Sache ernster und war sehr stolz, als ich zum ersten Mal zum Abendmahl gehen durfte – nüchtern!

Denken Sie jetzt bitte nicht „na, der hat ja früh angefangen“. Nüchtern hieß, dass man noch nichts gegessen haben durfte, wenn man zum Abendmahl kam – warum auch immer. Es hatte irgendetwas mit der „Würdigkeit“ zu tun.

Weil ich trotz meiner selbsterworbenen Frömmigkeit aber nicht ganz sicher was, ob ich würdig war, suchte ich mir den entsprechenden Konfirmationsspruch aus: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine“. Den Prüfauftrag habe ich bislang noch nicht zurückgezogen.

Merkwürdig berührt hat mich immer, wenn ich ins Dorf meiner Großeltern kam. Dort fragten die Leute immer „Biste dann schon aus de Schul?“, womit sie aber nicht etwa wissen wollten, ob ich schon aus der Schule zurück sei, sondern eben, ob ich schon konfirmiert war. Was im Grunde gleichbedeutend war. Nur bei mir nicht, weil ich aufs Gymnasium ging und irgendwie habe ich mich bei der Frage dafür geschämt.

Morgen konfirmiere ich als 7 Mädchen und Jungen, alles nette kleine Nervbolzen, aber ich mag sie. Aufgeregt sind sie auch schon, wie ich früher auch. Mal sehen, was sie zu der Sanmmeltasse sagen.

Waren wir nicht süß?