Geschichte meines Lesens II

Was Loco_just_Loco über seine Lesensgeschichte erzählt hat,
ließ mich manchmal laut auflachen, weil ich mich sehr darin wiederfand. Manches hatte ich bei meiner Geschichte vergessen, manches nur angedeutet.

Nur angedeutet
habe ich das „Alles Lesen“. Ja, lieber Loco, ich habe auch alles gelesen und noch heute ertappe ich mich dabei. Ja, ich habe auch schon das Telefonbuch gelesen. Und sobald ich lesen konnte, las ich jedes Reklameschildchen in unserer Umgebung.

Ich weiß noch, wie ich meine Mutter in Verlegenheit brachte mit der mitgebrachten Erkenntnis: „Camelia schenkt allen Frauen Sicherheit und Selbstvertrauen“. Ich wusste zwar nicht, wer diese Camelia ist, aber das hing bei Herrn Stenger im Schaufenster der Drogerie gegenüber. Und ich dachte, meine Mutter würde das freuen.
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Wer war’s – wie geschah’s

Heute gibt es im Fernsehen einen Rückblick auf 50 Jahre „Das Erste“, also ARD.

Früher habe ich nur „Das Erste“ gesehen. Da gabs nichts anderes. Und noch früher habe ich nur „Das Erste“ gehört. Da hatten wir noch keinen Fernseher.

Wenn meine Eltern dann abends zu Geiers Fernsehgucken gegangen sind, konnte ich Radio hören. An einem Riesengerät mit einer Skala. Beromünster, Hilversum und wie diese wichtigen Sendeorte alle hießen.

Drehte man am Knopf, kam durch den „Äther“, wie man das damals nannte, ein Knattern und Rauschen es, bis man schließlich einen Sender hörte. Der „Äther“ war aber nicht etwa das Gerät, sondern so nannte man diese merkwürdigen Luftschichten, durch die Radiowellen zu uns getragen werden, so ähnlich wie man bei der Operation betäubt wird, wenn man einen Wattebausch mit Äther vor die Nase gehalten bekommt.

Donnerstag waren meine Eltern immer bei Geiers. Das war mein Lieblingsabend.
Es ging um 8 los mit Hans Werres „Schlagerbörse“, dann ertönte um 9.15 ein einem durch Mark und Bein gehendes Sirenengeheul, eine tiefe Stimme fragte:

Wer war’s – wie geschah’s – was war los?
Das Wort hat Kriminalrat Obermoos

Dann erzählte Kriminalrat Obermoos eine schröckliche Kriminalgeschichte, ohne die Lösung zu verraten. Es wurde eine Pause eingelegt mit Musik. Danach löste er den Kriminalfall auf.
Tierische Freude, wenn ich auf die Lösung selbst gekommen war.

Damit war immer noch nicht Schluss. Danach gabs „Quiz zwischen Frankfurt und London“. dafür wurde extra eine Telefonleitung zwischen Frankfurt und London geschaltet und die beiden konnten sich gegenseitig Quizfragen stellen. Die aus London konnte man leider oft nicht verstehen.

Uffm Hoinerfest gewese…

Für jeden echten Darmstädter ist das ein Muss, auch wenn man über 30 Jahre weg ist: „Mer mache uffs Hoinerfest“. Im letzten Jahr haben wir es aus hier nicht näher zu erörtenden Gründen nicht geschafft, deshalb konnte mich dieses Jahr nichts abhalten und lieb wie sie ist, ist meine Liebste auch wieder mitgegangen und meien Geschwister sind auch gekommen.

Am Freitagabend waren nur die auf dem Heinerfest, die gar nichts abschrecken kann. Strömender Regen hätte einem schon die Lust austreiben können. Aber was solls. Sind wir halt erst mal zu einem der ältesten Italiener gegangen, schön was gegessen und getrunken, in der Vergangenheit geschwelgt, versucht, uns zu erinnern, wer wohl der erste Italiener in Darmstadt war (meint natürlich: die erste Pizzeria) und nach zwei Stunden sind wir wieder losmarschiert ins Schloss und noch ein paar Weinchen gesüffelt. Deshalb musste es Freitagabend sein, weil am Sonntagmorgen muss ich ja raus und möglichst ohne viel Aspirin.

Früher standen wir Kinder Schlange am Kiosk vor dem Hallenbad. Da haben wir uns Abzeichen und Programme zum Verkaufen abgeholt und sind dann durch die Stadt und die Lokale gezogen und haben versucht, jedem zumindest ein Abzeichen zu verkaufen. 5 Pfennig haben wir für eins gekriegt und 10 für ein Progarmmheft. Ganz schön viel, wenn man bedenkt, dass ein Eis 10 Pfennig gekostet hat. Und da jeder echte Darmstädter natürlich ein Abzeichen wollte, konnte man sich ein paar Lose damit verdienen. Für die gabs dann kleine Schraubenzieher oder nen Kamm.

Die Hauptattraktion stand immer gegenüber vom Hallenbad. Für 50 Pfennig konnte man sein Gewciht schätzen lassen. Da stand dann mitten in einer johlenden Menschenmenge eine meist etwas kräftigere Frau, musste sich drehen und wenden und der oben befahl im schönsten Schwäbisch, was allein in Darmstadt natürlich zu Lachkrämmpfen hinreißt: „Dreh disch emol um“, „heb emal des Boin“. Um schließlich seine Schättzung abzugeben. Das endete meist mit einem stürmisch beklatschten: „Hoscht verlohre !!!“, wenn er sich um weniger als 1 kg verschätzt hatte.

Meine Schwester hat beim Heinerfest sogar ihren Mann kennengelernt, auch nen Schwaben, was uns auch zu Lachstürmen hingerissen hat. Aber nach jetzt 40 Jahren haben wir uns an ihn gewöhnt und er schwäbelt auch nicht mehr ganz so schlimm.

Nächstes Jahr müssen Sie auch mal hinkommen. WildSchoen war auch da, aber gesehen hab ich sie nicht.

Ausgestorbener Beruf: Geldbriefträger

Heute klingelte es an der Tür: ein Paketbote. Für meine Liebste nahm ich das Päckchen in Empfang. Sie kam die Treppe herunter und fragte: „Wer war denn das?“ Ich: „Der Geldbriefträger“

Das war die Standardantwort meiner Eltern, wenn wir Kinder fragten: „Wer war denn das?“ – „Der Geldbriefträger“.

Geldbriefträger war die A-Klasse unter den Briefträgern (die in meiner Kindheit übrigens noch zweimal täglich kamen). Sie hatten eine dicke Geldtasche umhängen und brachten einem Geld, das irgendjemand „bar“ angewiesen hatte.

Man brauchte ja nicht unbedingt ein Bankkonto. Den Lohn oder das Gehalt gabs mit einem Lohnstreifen zusammen, einem meterlangen 1 1/2 cm breiten Papierstreifen, auf dem der Lohn ausgerechnet war, in der Firma. Die Miete kassierte der Vermieter selbst ein und für den Parteibeitrag kam der Kassierer ins Haus und klebte einem ein Märkchen ins Parteibuch. Den Gewerkschaftsbeitrag kassierte auf die gleiche Weise der Kassierer des Ortsvereins. Das restliche Geld steckte man beim Bäcker in die Spardose der Sparkasse.

„Geldbriefträger“ – das stand für die Hoffnung, vielleicht unerwartet ein kleines bisschen Geld zu bekommen. Heute lacht man sich schief darüber, wenn schon Hoffnung auf Geld, dann gleich bei „Wer wird Millionär“.

Der bekannteste Geldbriefträger war Herr Sparbier, der bei Peter Frankenfeld den Gewinnern das Geld brachte. Er hieß tatsächlich so (nur mit h) und wurde später von Wim Thölke übernommen (der „Thööööölke“).
Selbst hat er nie ne Gage genommen, das wurde für Behinderte gespendet.

Ach ja, das waren noch Zeiten

Herr Spahrbier, hier mit Wim Thölke

Verbrecherkinder

Viel schlimmer ist in meiner Seele aber die Erinnerung an jene Untat eingebrannt, die mir ebenfalls bei dieser Zeitungsnotiz einfiel, über die ich gerade geschrieben habe. Den Blog sollten Sie zuerst lesen sollten.

Nicht nur, dass ich auch ein eingesperrtes Kind war, ich habe auch einen Erpresserbrief geschrieben. Zu dieser vernichtenden Wahrheit zu stehen, fällt mir noch heute schwer.

Wie dieser arme Junge hatte ich gerade Schreiben gelernt. Wie immer spielten wir im Hof. Aber diesmal hat Ingrid nicht mitgespielt. Ich weiß nicht mehr warum, jedenfalls hat uns das geärgert. Weil dann unsere Bande, die „Schwarze Hand“ nicht vollständig war.

Also haben Klausi, Reinhold und ich einen teuflischen Plan ausgeheckt. Wir haben einen Erpresserbrief geschrieben:

Erpressung

Den Zettel haben wir bei ihrer Familie in den Briefkasten geschmissen. Hinterher haben wir verzweifelt versucht, ihn wieder rauszubekommen, aber wir haben es nicht geschafft.

Ich kann Ihnen sagen: wir haben höllische Angst gehabt, dass die Polizei kommt. Beruhigt haben wir uns nur damit, dass die sicher nicht rauskriegen, dass wir das waren.

Trotzdem haben wir natürlich auch immer unter die Mülltonne geguckt, ob da Geld für uns liegt, aber die wollten anscheinend für ihre Tochter kein Lösegeld bezahlen. Wahrscheinlich, weil sie ja zuhause war und mit ihrem blöden Puppenhaus spielte.

Richtig schlimm wurde es für mich aber, als ich am nächsten Tag einen Häuserblock weiter eine furchtbare Entdekung machte. Da sah ich ein Schild am Haus:

Zahnarzt Gerdes

Mir ist sofort der Angstschweiß ausgebrochen. Klausi hatte uns überredet, den Erpresserbrief mit „Kommisar Gerdes“ zu unterschreiben. Ich wusste zwar nicht, wieso ein Kommisar einen Erpresserbrief unterschreiben sollte, aber Klausi durfte öfters Fernseh gucken und wusste, dass es einen Kommisar Gerdes gab. Na gut.

Aber jetzt wohnte hier wirklich ein lebendiger Mensch, der Gerdes hieß. Der würde bestimmt verhaftet werden und dann käme alles raus.

Ich rannte zurück, klingelte bei Klausi und sagte ihm, dass wir alles gestehen müssten. Er wollte aber nicht und allein hab ich mich nicht getraut.

Merkwürdigerweise ist unsere Untat nie ans Tageslicht gekommen. Aber sie sehen, sie quält mich heute noch.

Aus tiefer Not schrei ich zu dir

Wer kennt schon die tiefe Not eines kleinen Jungen? Ehrlich gesagt: ich kenne sie!

Zum einen, weil in mir selbst immer noch ein kleiner Junge steckt (jetzt lachen Sie nicht los, ich meine das rein bildlich, nicht in Anspielung auf meine Körpergröße), zum anderen, weil ich ein fotografisches Gedächtnis hunderter Szenen aus meiner Kindheit habe.

Als ich heute morgen in der Frankfurter Rundschau von der tiefen Not eines kleinen Leidensgenossen las, sind zwei Erinnerungen aus der Tiefe meiner armen Kinderseele in mir hochgestiegen.

Tiefe Not

Was muss in diesem armen kleinen Jungen vorgegangen sein? Eingesperrt und zum Aufräumen verurteilt von einer brutalen Mutter.

Wahrscheinlich hatte sie ihm selbst noch geraten, falls er einmal entführt werden sollte (was heutzutage angeblich tagtäglich und hinter jeder Straßenecke passiert) einfach einen Zettel aus dem Fenster zu werfen, falls es eines gibt und er gerade etwas zu schreiben zur Hand hat.

Aber man denke auch an die arme alte Frau: die hätte glatt einen Herzkasper kriegen können.

Und was hätte passieren können, wenn die mutigen Männer vom SEK durchs Fenster hereingesprungen wären und auf die wahrscheinlich vor der verriegelten Tür ihres Sohnes geballert hätten?

Aber mein Mitgefühl gilt dem kleinen Jungen in seiner dunklen Kammer.
Denn auch ich war ein eingesperrtes Kind.

Nicht oft, bei uns gab es eher Prügel als Hausarrest. Aber mit Scghrecken erinnere ich mich an einen schönen Nachmittag – wohlgemerkt: draußen war es schön – als ich nicht nur Zimmerarrest bekommen hatte, sondern sogar ins Bett musste!

Der aufgeklärte Zeitgenosse, der reglmäßig seine Supernanny sieht, weiß natürlich, dass das pädagogisch gesehen eine Sünde ist. Man kann der kleinen Kinderseele wirklich dauerhaft Schaden zufügen, wenn man das Bett als Strafe einführt. Nicht nur, dass die Bälger dann abends sich weigern, in ihr Bettchen zu steigen, nein – viel schlimmer:

es kann zu einer dauerhaften Bettphobie kommen, die dann den längst gereiften Menschen noch um seinen gesunden Schlaf und – nicht ganz so schlimm, aber auch nicht schön – um ein gesundes Sexualleben bringt, welches ja auch heutzutage noch meist im Bett stattfindet.

Glücklicherweise habe ich, nicht zuletzt mit tatkräftiger Unterstützung meiner Liebsten, meine Bettphobie überwunden. Wir haben dafür eine kleine Selbsthilfegruppe gegründet, nur wir zwei natürlich.

Aber zurück: ich also in meinem Bett, draußen spielten die anderen Kinder. Nun müssen Sie wissen, dass wir im Hinterhaus wohnten und nachmittags üblich war, dass wer mit den Hausaufgaben fertig war, zum Spielen in den Hof kommt.

Einfach rauszugehen hätte ich mich nie getraut, damals waren die Kinder ja noch lieb. Aber ich bin leise aufgestanden, habe das Fenster aufgemacht und rausgeguckt.

Nun hätte ich nicht einmal einen Zettel rauswerfen müssen, es hätte gereicht, wenn ich einfach gerufen hätte: „Duht schnell die Bolizei rufe, die hawwe mich eigeschberrd!“.

Aber Polizisten gehörten nicht gerade zu unseren Freunden, haben wir ihnen doch immer nachgerufen „Bolizei – Osterei“, deshalb haben wir uns lieber versteckt, wenn welche vorbeikamen.

Klausi im Hof hat hochgerufen: „Komm doch runter“. Klausi war sonst mein Freund, aber das war gemein!

Er wusste nämlich genau, dass ich nicht runterkomnmen durfte. Weil nämlich jeder, der in den Hof ging, bei den anderen Kindern klingelte und höflich fragte. „Derff der Horst e bissje rauskomme?“

Ich schämte mich furchtbar, dass ich am helllichten Tag im Bett bleiben musste, deshalb rief ich runter:

„Ich habe keine Lust, ich lese gerade einen ganz spannenden Karl May“

Dann habe ich schnell das Fenster wieder zugemacht und bin ins Bett gekrochen, bevor meine Mutter was merkt.

Onkel Paul. Noch mehr Frisörgeschichten.

Onkel Paul war kein ganz richtiger Onkel, jedenfalls nicht von mir. Aber irgendwie gehörte er zum weiten Kreis der Verwandtschaft. Onkel Paul kam auf dem Moped aus der Kreisstadt angefahren mit einem kleinen Köfferchen, in dem er alles Nötige mitbrachte.

Sie wissen schon: als Stadtkind habe ich jedes Jahr einige Wochen auf dem Land bei meiner Oma verbracht, einmal bin ich dort auch in die Schule gegangen. Ich kann Ihnen sagen: Stadt und Land sind zwei Paar Schuhe.

Im Dorf meiner Oma gab es zwar auch einen Frisörladen, aber da gingen die Frauen nur hin, wenn sie eine Dauerwelle brauchte. Denn normale „Wasserwellen“ (gibt es die eigentlich heute noch, meine Damen?) konnte auch Onkel Paul machen.

Onkel Paul kam alle paar Wochen einmal angebraust und schnitt allen die Haare. Das Besondere daran war, dass das eine riesige Abwechslung war und Onkel Paul als guter Frisör immer etwas zu erzählen hatte.
Onkel Paul hatte einen furchtbar dicken Sohn, der gar nicht zu ihm passte. Den habe ich zwar nur einmal gesehen, aber jedes Mal, wenn Onkel Paul kam, dachte ich an den dicken Sohn.

Ich stellte mich immer dazu und guckte zu, wenn Onkel Paul Haare abschnitt. Alle kamen der Reihe nach dran, außer meiner Oma.

Meine Oma hatte nämlich wunderschöne Haare, an die schon lange kein Frisör mehr dran durfte. Tagsüber hatte sie sie zum Dutt gebunden. Als mein Opa tot war, durfte ich in seinem Bett schlafen und da konnte ich manchmal morgens sehen, wie sie im weißen Nachthemd da stand, ihre Haare öffnete und die – eine Mischung aus immer noch schwarzen und weißen Haaren – über ihren Po bis fast auf den Boden fielen.

Meine Oma sah dann wie ein Engel aus, fand ich.

Onkel Paul durfte das nicht sehen, der Arme. Abder die anderen auch nicht. Nur ich.

Wenn ich dran war, holte Onkel Paul einen Beistelltisch, den er vor das Spülbecken in der Küche stellte. Obendrauf stellte er einen Stuhl und da wurde ich drauf gesetzt. Bei Onkel Paul gabs keine kratzende Kreppbänder um den Hals, dafür juckten die Haare hinterher im Kragen.

Aber die Haare hat er schön geschnitten, fand ich. Manche Jungen mussten damals „Meckis“ tragen, weil sie dann nicht so oft zum Frisör mussten. Onkel Paul hat mir immer einen schönen Scheitel gekämmt und zum Schluss noch ein bisschen „FIT“ reingeschmiert. Das sah doch viel besser aus als so ein Mecki.

„Salon Wegener“. Mehr Frisörgeschichten

In meiner Kindheit war ich bei zwei Frisören, im „Salon Wegener“ und bei Onkel Paul.

Im Salon Wegner am Herrngarten in Darmstadt gab es sogar Micky Maus Hefte, was damals unter die „Schmutz und Schund“-Kategorie zählte. Aber immerhin war „Salon Wegener“ auf Kinder eingestellt. (Da fällt mir auf, dass ich schon lange keine Kinder mehr beim Frisör gesehen habe. Gibt es eigentlich extra Kinderfrisöre?)

Im Salon Wegener bedienten ein ganz alter Mann, Herr Wegener selbst, und ein älterer Mann, Herr Mertens. Sie hatten hochmoderne Frisörstühle aus Holz, die sie für Kinder oder andere kleine Menschen in die Höhe fahren konnten.

Für einen soo kleinen Menschen genügte das aber nicht, deshalb gab es im Salon Wegener ein Holzbrett, das dann quer über den Stuhl gelegt wurde, Herr Wegener hob einen dann hoch und setzte einen hoch oben auf das Brett. Lustig, aber ein bisschen peinlich.

Dann bekam man einen Kittel umgehängt und schließlich eine ganz furchtbar kratzende überdimensionale Halskrause aus Krepp, die furchtbar kratzte, zumindest am Anfang, bis sie dann umgeschlagen wurde.

In diesem zarten Alter ist wahrscheinlich meine Friseurkonversationsphobie entstanden.

Mit Grausen erinner ich mich an das Gelächter, das Salon Wegner bei diesem Gespräch erfüllte:

Herr Wegener: „Na, was habt ihr denn am Wochenende gemacht?“
Ich: „Wir waren im Wald!“
Herr Wegener: „Ach im Wald? In welchem dann?“

Hier musste ich kurz überlegen, was „in welchem Wald“ heißen sollte. Ich kannte nur den „Wald“ – das war der Wald um Darmstadt und den „Odenwald“, der war zwar auch nicht weit, aber nur mit dem Bus zu erreichen. Gestern waren wir im Wald, aber besonders tief drinnen, also richtig im Wald, da wo er schon ganz dunkel war. Also wollte ich besonders klug antworten, weil ich dachte, das hieße so:

Ich: „Wir waren im Schwarzwald!“
Herr Wegener (höchst erstaunt): „Im Schwarzwald??? Wie seid Ihr denn da hin gekommen?“
Ich: „Mit der Straßenbahn“

Herr Wegener hätte mir vor Lachen fast die Ohren abgeschnitten. Am Lachen des ganzen Salons merkte ich: ich musste etwas sehr Dummes gesagt haben.

Im Salon Wegener war es auch, dass auf der Theke ein kleiner Werbezettel lag: „R3“ und ich Herrn Wegener neugierig fragte, was das sei. „Ach, das ist noch nichts für dich“.

Sowas hätte es bei Onkel Paul nicht gegeben. Aber von dem erzähle ich Ihnen später.

Barbierisch. Frisörgeschichten

Meine Mutter selig hätte mich am liebsten dauernd zum Friseur geschickt. Jedenfalls in den Jahren zwischen meinem 18. und 30. Lebensjahr etwa. Wer etwas auf sich hielt, hatte damals lange Haare.

Zum Abschied pflegte sie mir immer noch schnell einen Kamm durch die Haare zu ziehen und als ich einmal wirklich beim Frisör, wie das damals noch hieß, war, strahlte sie mich an: „Siehst du, jetzt kann ich dich doch wenigstens wieder lieb haben“. Brrrr…., Mütter sind merkwürdige Wesen.

Aber in dieser Zeit war es auch – immerhin war ich aber schon Pfarrer – als ein Frisör, bei dem ich schnell mal vorbeischaute, mich anfuhr:

„Mit so Haaren würde ich mich aber schämen rumzulaufen“.

Fand ich nicht gerade nett.

So ähnlich hat es damals auch ein alter, etwas mürrischer Mann gesagt, dem ich als junger Pfarrer einen Besuch abstattete: „Wie kann man so rumlaufen“. Dem habe ich wenig seelsorgerlich geantwortet: „Mit Ihrer Frisur würd ich auch nicht rumlaufen“. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Naja fast.

Waldbardie

Gestern ist mir die Entscheidung leicht gefalllen. Ich bin nicht zur „Waldbaddie“ gegangen. Ums im feinsten Darmschdädderisch zu sagen:

Friejer sinn mer als an Himmelfahrd in de Wald gemacht uff die Waldbaddie.

Erstens hat es viel zu stark „gerejend un geschdermd“ und zweitens weiß ich gar nicht, ob es diese legendären Waldbardies überhaupt noch gibt, die mit zu den herausragenden Festen meiner Kindheit gehörten.

Allein das Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Die „Waldpartie“, um es mal hochdeutsch zu sagen, ist nicht etwa eine „Party“ – hell erstaunt war ich, als ich im Englischunterricht zum ersten Mal dieses Wort hörte – sondern ein Ausflug in den Wald, so etwas wie eine Landpartie.

Und da war dann ganz Darmstadt am Bernhardsbrünnche versammelt. Für Kinder gabs Eierlauf und Sackhüpfen, für Vadder und Mudder ein Glas Bier, für uns ne Sinalco und sogar ein Würstchen. Und man hat Hinz und Kunz getroffen.

Komisch, das dass dür KInder immer so ein Erlebnis ist, wenn Kinder irgendwo „Bekannte“ treffem- Schon beim Stehenbleiben zupft man ungeduldig am Ärmel: „Wer issn das“ – Den Eltern ist das unangenehm: „Psccht“. „Wer issn das?“. Nette Menschen erkennt man als Kind dann daran, dass die einem dann selbst sagen, wer sie sind.

Praktisch war früher, wenn den Eltern ein Mann begegnete. Der zog nämlich schon von weitem den Hut und man konnte rechtzeitig flüstern „Wer issn das?“

Seit ich selbst Hut trage, versuch ich mir diese etwas altmodische Sitte anzugewöhnen. Aber jetzt bin ich wieder vom Hundertsten ins Tausendste gekommen.

Ähnlich schee wie auf der Waldbaddie ist es nur im Ossenheimer Wäldchen. Da mache mer am Wäldchesdach hin. Aber davon dann mehr.