In den Trümmern

Natürlich hatte man uns verboten, in den Trümmern zu spielen. Und dass es gefährlich war, das wussten wir selbst.

Aber wir spielten nicht in den Trümmern. In den Trümmern kämpften wir uns durch Dickicht, kletterten über Geröll und manchmal auf Stahlträgern über dunkle Höhlen. In den Trümmern versteckten wir uns, zogen uns dahin zurück, wenn wir nicht gefunden werden wollten. Alleine oder zu mehreren, wenn es etwas Verbotenes zu tun gab.

Und was waren Verbote? Später habe ich in den Vorlesungen gehört: Arbeiterkinder halten sich an Verbote allenfalls aus Angst vor Strafe. Anders die Bürgerlichen, die Gebote und Verbote in ihr Innerstes als Eigenes aufnehmen. Ich war wohl irgendetwas dazwischen. Mein Gewissen meldete sich oft, viel zu oft. Aber nicht, wenn etwas verboten war. Nur, wenn etwas nicht richtig war. Stehlen war nicht richtig, Lügen war nicht richtig, Widerworte geben war nicht richtig. Gab es sonst noch etwas, was nicht richtig war? Anderen Kindern oder Tieren weh tun, also richtig weh tun, war auch nicht richtig. Sonst fällt mir nichts ein, was nicht richtig ist. Damals nicht und heute eigentlich auch nicht. In Trümmern herum zu klettern war gefährlich und verboten, aber richtig.

Eine Trümmer gab es im Hinterhof, in dem wir wohnten. Später gab es noch eine, als der starke Kasimir mit meinem Vater die Werkstatt abgerissen hatte. Aber die Trümmer eines abgerissenen Gebäudes sind etwas ganz anderes als die Trümmer eines verbombten Hauses.

Blick in unseren Hinterhof
Links die „neue“ Trümmer, rechts die alte, schon abgerissen

Die Mauern der Trümmer ragten bis in die Mitte des ersten Stocks. Guckte man hoch, sah man im oberen Mauerteil drei Fensteröffnungen, keine hatte mehr einen oberen Abschluss, links und rechts ragten jeweils Mauerreste in den Himmel und dazwischen sah man Gestrüpp herausragen.

Im Erdgeschoss waren die Tür und die beiden Fenster von innen mit Brettern vernagelt. Damit keine Kinder hineinkonnten.

Wenn man aber auf das Dächelchen – das Wellblechdach des angrenzenden Schuppens – kletterte, von dem aus man auch an die Stube des Bäckergesellen hätte klettern können oder hinunterspringen in den dunklen kleinen Nachbarhof, dann konnte man von da aus auf die Reste der Seitenmauer der Trümmer gelangen und sich von dort hinunterlassen in den dichten grünen Dschungel unserer Trümmer.

Später schafften wir es, den Bretterverschlag der Türöffnung aus seiner Verankerung zu drücken, so dass man sich dann hindurchzwängen konnte, wenn man sich ganz dünn machte.

Zum Glück hatte das Haus, das die Amis zerbombt hatten, keinen Keller. Die andere, die spätere Trümmer, hatte einen Keller. In dem Keller war meine große Schwester noch eingesperrt worden, weil sie etwas nicht essen wollte. Trümmer mit Kellern waren noch gefährlicher, weil man in tiefe Löcher stürzen konnten. Dafür waren sie aber auch noch abenteuerlicher, weil man über wuchtige Stahlträger balancieren konnte. In unserer Trümmer konnte man sich nur den Fuß verstauchen, wenn man einen Weg über die Steinhaufen suchte oder man konnte sich das Bein aufreißen, wenn man an einem der vielen rostigen Metallteile hängen blieb. Natürlich hätte auch noch eine Handgranate oder so etwas irgendwo liegen können oder eine Leiche.

Nach und nach holten wir alles, was irgendwie aus Metall war, raus. Wenn wir Glück hatten, kam der Lumpenhändler am Haus vorbei mit seinem von weitem zu hörenden Ruf „Lumpe, Alt Eise, Babier“. Oder wir zogen mit dem Leiterwagen in das dunkle Gassengewirr, in dem er seinen Laden hatte. Irgendwas zwischen 5 und 20 Pfennig bekamen wir oft dafür. Für 10 Pfennig konnte ich mir dann bei Frau Benz ein Eis holen und für 5 Pfennig gab es eine Tüte Brause.

Als im Vorderhaus die deckenhohen grünen Kachelöfen den platzsparenden Kohleöfen weichen mussten, lud mein Vater die Kacheln in die Trümmer ab. Es machte einen Heidenspaß, die in meiner Erinnerung wunderschönen grünen Reliefkacheln zu zerschmeißen. Warf man sie richtig gegen eine Mauer, zerschellten sie laut und ihre Teile flogen in alle Richtungen.

Die Stufen vor der Bretterverschlag waren ein guter Platz, auf den sich zwei oder sogar drei Kinder nebeneinander setzen konnten, um etwas zu besprechen oder um auf den Pflastersteinen davor Zündplättchen aufschlagen zu können.

Da, wo später eine Hauptstraße durchgeführt wurde, gab es auch ein Trümmergundstück. In der Mauer gab es kleine Öffnungen. Einer aus meiner Klasse verriet mir ein Geheimnis. Wenn man in diese Öffnungen etwas hineinlegte und die Öffnung dann mit einem Stein verschloss, lag einen Tag später Geld darin.

Ich glaubte das nicht wirklich. Und ich wusste auch, dass der Junge einer von den Frechen war. Aber ich tat es trotzdem. Nachher schämte ich mich, weil er anderen erzählte, wie blöd ich war.

Kleine Geschichte meines Lesens

Als Kind habe ich alles gelesen, was ich in die Finger bekam. Sobald ich lesen konnte und das ging schnell. Onkel Werner hat sein Leben lang jedem erzählt: „Der konnte als Kind die Zeitung von hinten lesen“, damit meinte er, dass ich sogar von gegenüber mitlas, wenn er am Küchentisch seine Bildzeitung las, die ich ihm morgens bei Ketters Pat für 10 Pfennig holte.

Ich habe wirklich alles gelesen und noch heute ertappe ich mich dabei. Ja, ich habe auch schon das Telefonbuch gelesen. Und sobald ich lesen konnte, las ich jedes Reklameschildchen in unserer Umgebung.

Ich weiß noch, wie ich meine Mutter in Verlegenheit brachte mit der mitgebrachten Erkenntnis: „Camelia schenkt allen Frauen Sicherheit und Selbstvertrauen“. Ich wusste zwar nicht, wer diese Camelia ist, aber das hing bei Herrn Stenger im Schaufenster der Drogerie gegenüber.

Bei ihm gab es auch im Laden viel zu lesen. Das war noch eine von den Drogerien mit Wänden voller Holzschubladen und auf jeder ein Emailleschild mit fremdartigen Namen.

Manchmal fand ich in der Schublade, in der mein Vater Kruschtelkram aufbewahrte, einen Sexroman. Den habe ich dann natürlich auch verschlungen, ich meine jetzt geistig, da war ich aber schon ein bisschen älter. Irgendwann habe ich den Armen dann scheinheilig, wie ich damals manchmal sein konnte, damit konfrontiert, was er heimlich für Sachen liest. Er hat es einfach abgestritten.

Bei meinem Geburtstag in diesem Jahr erzählte mir mein Bruder zu fortgeschrittener Runde, dass er die Bücher damals in der Schublade versteckt hatte. Lieber Vati, ich hoffe, Du hörst meine Abbitte.

Zwei Bücher konnte ich nur mit Mühe lesen
. Ich glaube, ich habe sie gar nicht zu Ende gelesen: „Onkel Toms Hütte“, wo ich zum ersten Mal von Sklaven las und furchtbar fand, wie man die Neger behandelte (damals durfte man noch arglos „Neger“ sagen, das war etwas ganz anderes als „Nigger“)war das eine, das andere war „Oliver Twist“. Dem armen Jungen ging es noch viel schlimmer als mir und das war manchmal schon schlimm genug.

Einmal kam „Aunt Emily“ zu Besuch
. Aunt Emily kam aus Amerika, war eine reiche, alte Dame aus einem im 19. Jahrhundert ausgewanderten Zweig unserer Familie. Nach ihrer Rückkehr bekam ich Monat für Monat den „Readers Digest“ in der deutschen Fassung zugeschickt, ein Sammelsurium von Geschichten. Herrlich.

Noch herrlicher war das „Neue Universum“,
ein dickes Buch, das es jedes jahr neu gab mit einer Mischung von spannenden Geschichten, Bildern aus Afrika und sonstwo und interessanten Zukunftsvisionen. Das Jahr „2000“ stand damals für „soweit weg, dass man sich noch gar nicht vorstellen kann, wie es dann sein wird“. Ich fand das sehr merkwürdig, als ich damals nachrechnete, dass ich das Jahr 2000 vielleicht einmal erleben würde, aber als ganz alter Mann, fast 50.

Und als wir in der Schule „1984“ gelesen haben, stand 1984 auch noch für eine ferne Zukunft

Bei uns zuhause gab es keine Bildzeitung, sondern das Darmstädter Tageblatt, das irgendwann -wie man munkelte auf krummen Touren – vom Darmstädter Echo aufgekauft wurde, das wiederum echte Darmstädter gar nicht schätzten, weil es aus Mainz gesteuert wurde. Jedenfalls war ein Glück, dass das Tagblatt viel dicker war als das Echo und deshalb mehr drin war zum Lesen.

Jetzt sagen Sie nicht: „ein kleiner Junge liest doch nicht die ganze Zeitung“ – ich tat das. Und nicht nur das. Ich las sogar die zerrissenen Zeitungsstücke, die bei Onkel Werner im Klo an einem Drahthaken hingen.

Seitdem macht mich der Gedanke krank, ich müsste einmal aufs Klo gehen ohne etwas zum Lesen dabei zu haben.

Aber meine Eltern hatten auch ein Bücherregal. Sie waren einfache Leute – aber sie lasen. Ich möchte gar nicht wissen, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht gelesen hätte.

Aus dem Buchregal meiner Eltern

Ihr Bücherregal war eine kleine Fundgrube. Nichts davon war für einen kleinen Jungen geeignet und alles habe ich gelesen. Meine Eltern hat das belustigt, aber sie fanden es gut.

Ich las also Gedichte von Goethe, einen Ganghofer-Roman, einen Bildband über die Hitlerjugend, das Gesangbuch, die Mappe meines Urgroßvaters, Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer und wie die Bücher alle hießen.

Zum Glück gab es im Vorderhaus einen kleinen Schreibwarenladen, in dem ein Regal mit „Leihromanen“ stand. Für 10 oder 20 Pfennig lieh meine Mutter dann einen Roman aus der Reihe „Stiefkinder des Glücks“, den ich in einer Nacht verschlang und mir die Tränen ausweinte. Seitdem weine ich immer bei „Nur die Liebe zählt“.

Ich war noch im Kindergarten, als meine Mutter von einem Elternabend zurückkam, auf den sie für den Bücherbund geworben wurde. Seitdem kam alle drei Monate ein neues Buch, manchmal wusste meine Mutter nicht, wie sie es bezahlen konnte. Aber wir hatten zu lesen. Meistens hat sie nichts ausgesucht und es kam der „Hauptvorschlagsband“. So kam die ganze Angelique-Sammlung in unser Haus. Die mochte ich nicht so.

In der dritten Klasse machten wir einen Ausflug in die Stadtbücherei. Von dan an schleppte ich jede Woche drei Bücher nach Hause, mehr durfte man nicht mitnehmen und früher als nach einer Woche durfte man auch nicht wiederkommen. Das hätte nie gereicht für die ganze Woche!

Ja, das grenzenloseste aller Abenteuer der Kindheit, das war das Leseabenteuer. Für mich begann es, als ich zum erstenmal ein eigenes Buch bekam und mich da hineinschnupperte. In diesem Augenblick erwachte mein Lesehunger, und ein besseres Geschenk hat das Leben mir nicht beschert.
Astrid Lindgren

Für mein erstes selbst gekauftes Buch habe ich alles Geld genommen, was ich für einen Schulausflug mit einer Schifffahrt auf dem Rhein bekommen habe. Ich habe halt kein Sinalco getrunken und kein Würstchen gegessen, sondern „Die schönsten Sagen vom Rhein“ gekauft.

Irgendwann stellte ich fest, dass ich genug Taschengeld bekam, um mir jeden Monat ein Buch kaufen zu können. Ein Taschenbuch kostete nämlich 2,20 und dafür reichte mein Geld gerade.
Das erste, was ich erstand war Borcherts „Draußen vor der Tür“. Sie sehen, meine Ansprüche waren gewachsen.

Bei Onkel Werner, bei dem ich in den Ferien immer war und einmal ein paar Monate verbrachte und in die Zwergschule ging, wo sie noch mit Griffeln auf Schiefertafeln schrieben, gab es nur eine Kiste mit Büchern auf dem Speicher. Da musste ich halt die Bildzeitung und die Romanhefte lesen, die sich da stapelten. Jerry Cotton vor allem. Seitdem bin ich Krimifan.

Bei Onkel Wernerwurde eigentlich nie Licht angemacht. Wenn es dunkel wurde, ging man ins Bett. Ich musste aber einfach nachts weiterlesen. Einfach war das nicht, weil die Zimmertür eine kleine Milchglasscheibe hatte, durch die das Licht durchschimmerte. Also das Nachttischlämpchen abgeschirmt oder ins Bett gestellt, dass es vom Nachttisch verdeckt wurde (in dem natürlich noch ein Nachttopf stand, was jetzt aber nichts zur Sache tut).

Glücklicherweise bekam man auch was umsonst zum Lesen. Beim Schuhkaufen bekam man Lurchis Abenteuer, beim Bäcker damals schon die Bäckerblume, beim Metzger die Fleischerpost und beim Friseur konnte man „Micky Maus“ oder „Fix und Foxi“ lesen. Das hätte ich zuhause nie gedurft, das war Schundliteratur. In der Jungschar haben sie uns jedes Heft Schundliteratur gegen ein wertvolles Erbauuungsheftchen ausgetauscht.

Ehrlich gesagt, verstehe ich Menschen nicht, die sich ein Schild „Hier keine Werbung einwerfen“ an den Briefkasten babben. Ich würde am liebsten eins hinkleben: „Hier bitte jede Werbung einwerfen“

Bücher lese ich heute nur noch im Zug zweimal die Woche, auf dem Klo und im Urlaub. Nur wenn mich ein Buch absolut fesselt, lese ich abends im Bett und in jeder freien Minute weiter. Oder ich lege mich für zwei Stunden in die Badewanne, drehe von Zeit zu Zeit mit den Füßen den Heißwasserkran auf und lese.

Wenn der Urlaub naht, bekomme ich aber leichte Panik, ob ich genügend gute Bücher finde, die ich noch nicht kenne und mitnehmen kann. Bücher und Unterhosen rechne ich ein Teil pro Tag. Meistens muss ich unterwegs nachkaufen. Bücher. Unterhosen reichen meistens.

Verloren gehen

Meine Mutter hat mich im Kaufhof verloren. Oder ich habe sie verloren. Ich laufe nur um einen Kleiderständer herum, dass sie mich nicht sieht und schon ist sie weg. Ich laufe in die andere Richtung, aber da ist sie auch nicht. Ich suche und suche und finde sie nicht. Ich bin verzweifelt. Ohne sie werde ich nie wieder nach Hause finden. Die „Stadt“ ist ganz weit von unserem Haus weg.

Irgendwann findet eine Frau den weinenden kleinen Jungen und nimmt ihn an die Hand. Er ist so verzweifelt, dass er mitgeht. Obwohl er weiß, dass er das nicht darf und Schlimmes passieren kann.

Sie durchqueren das ganze Kaufhaus bis zu einem kleinen Zimmer. In dem sitzt eine andere Frau, die ihn nach seinem Namen fragt. Den weiß er schon: „Horst Pohl“, flüstert er schluchzend.

Die Frau sagt etwas in ein merkwürdiges Gerät und dann hört er im Lautsprecher: „Der kleine Horst Paul sucht seine Mutter“. Da heult er noch einmal laut los. Seine Mutter wird ihn nicht finden, er heißt ja gar nicht Horst Paul, sondern Horst Pohl. Sie weiß bestimmt nicht, dass er das ist.

Seine Mutter wird ihn nicht finden, er heißt ja gar nicht Horst Paul, sondern Horst Pohl. Sie weiß bestimmt nicht, dass er das ist.

Aber dann steht sie da. Sie hat ihn tatsächlich auch gesucht. Plötzlich sei er weg gewesen und niemand habe ihn gesehen.

In dem anderen Kaufhaus fahren wir immer mit dem Fahrstuhl. Den bedient ein einarmiger Mann, der Fahrstuhlführer. Jeder kennt ihn. Den Arm hat er im Krieg verloren.

Wie mein Onkel sein Bein und Herr R. im Vorderhaus den Mittelfinger. Das sieht ganz furchtbar aus, man hat richtig Angst vor ihm.

Es muss schlimm sein, im Krieg ein Bein zu verlieren. Ein Panzer ist dem Onkel über das Bein gefahren und da mussten sie es ihm wegnehmen. Jetzt steht das Holzbein nachts neben seinem Bett. Einmal habe ich das gesehen, aber die Tante hat schnell die Tür zugemacht, weil ich sowas nicht sehen soll. Wie das wohl für meine Tante ist, ihn immer mit dem abbenen Bein zu sehen.

Wenn er abends mit dem Zug kommt und ich ihn am Lahnbahnhof abhole, muss er immer sein Bein hinterher ziehen und ich muss langsam gehen.

Aber noch schlimmer ist, dass meine Tante ihren Bruder sucht, der aus dem Krieg noch nicht zurückgekommen ist. Es werden viele noch vermisst und sie hoffen, dass er irgendwann doch noch wiederkommt. Wie er wohl aussieht? Komisch, dass ich einen Onkel habe, den ich gar nicht kenne.

Wie die Zwillinge, die meine Mutter verloren hat. Das wären meine Schwestern gewesen, aber ich habe sie auch nicht gekannt. Sie sind kurz nach der Geburt gestorben und liegen jetzt nebeneinander auf dem Friedhof und wir gießen immer die Blumen.

Manchmal wollte ich auch verloren gehen, damit meine Eltern mich suchen und wissen, was sie an mir haben. Am liebsten hätte ich gehabt, dabei zusehen zu können. So setzte ich mich in einen Verschlag im Hof und heulte.

Ein anderes Mal wollte ich abhauen und nie mehr zurück kommen. Aber ich bin nur bis Langen gekommen. Der Wind hat mir auf dem Fahrrad zu sehr in Gesicht geblasen. Ich kam nur mit Mühe wieder nach Hause.

Einmal habe ich einen Freund verloren. H-G, wir waren unzertrennlich. Er hat mich geschlagen und ich bin gegangen. Später kam er und hat sich entschuldigt, aber es war nicht mehr wie vorher.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Erinnerungen: Kleidungsstücke

Ganz, ganz, ganz früher haben wir noch Leibchen getragen. So klein ich war, erkannte ich die Schmach: als Junge ein Leibchen tragen. Als Junge!

An Strapsen wurden mit einem Pfennig – weil der ursprüngliche Knopf meist verloren gegangen war – lange Strümpfe befestigt.

Ich hasste lange Strümpfe. Mein einziges Glück war, dass ich nicht wie andere Buben lange Strümpfe unter kurze Hosen anziehen musste. Zu kurzen Hosen gab es nur Kniestrümpfe. Ich glaube, Socken gab es gar nicht.

Die Leibchen wurden abgeschafft, als es Strumpfhosen gab. Die hasste ich genauso. Ich schämte mich immer furchtbar in ihnen, wenn ich im Hallenbad in die Sammelumkleidekabine musste. Dann habe ich mich in eine Ecke gestellt und rumgetrödelt, bis ich mich unbeobachtet fühlte und das Ding überziehen konnte.

Manchmal schaffte ich es, mich in eine Einzelkabine zu schmuggeln. Das war für Kinder verboten, aber wenn man drin war, war man eben drin. Vor allem wegen der grünen Strumpfhosen liebte ich Einzelkabinen.

Deshalb fand ich es toll, als mir ein netter Mann einmal sagte, ich dürfe mit ihm in seine Kabine kommen. Ich sagte ja, aber dann plötzlich bekam ich weißnichtweshalb Angst und ich habe mich vor ihm versteckt.

Wir hatten natürlich nur selbstgestrickte Pullover. Die kratzten ganz fürchterlich und ich hasste sie auch. Ich glaube, ich habe jedesmal geheult, wenn ich einen über den Kopf gezogen bekam . Sie waren natürlich eng und man musste durch einen langen Höllentunnel durch, bis man oben wieder rauskam.

Wahrscheinlich wollte ich deshalb später lange keine Pullover anziehen und erst langsam finde ich Gefallen daran. Aber immer noch hasse ich Rollkragenpullover, weil man bei ihnen auch durch diesen Höllentunnel muss wie bei den Kratzepullis und sie so eng um den Hals liegen, dass man erstickt.

Als Hosen hatten wir Sommers wie Winters Lederhosen. Im Sommer kurze, im Winter dreiviertellange. Mit einer Tasche an der Seite, um ein Messer reinstecken zu können und einen Hirschen am Träger, um einen Groschen reinstecken zu können, wenn man einen hatte.

„Heil Hitler“ haben Kinder gegrüßt, als ich mit 13 zum Schüleraustausch in England war und mit meiner „Leaderhose“ auftauchte.

Luba hatte auch eine Lederhose. Sie kam damit in die erste Klasse und ich verliebte mich sofort in sie. Dass Mädchen Hosen tragen können, hatte ich noch nie im Leben gesehen. Und dann Luba mit ihren schwarzen Augen und Locken.

Sie hat mich glaube ich keines Blickes gewürdigt. Meine erste heimliche Liebe. In ihrer Lederhose. Mit rotem Träger.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Schreib über ein Kleidungsstück, dass du als Kind hattest; Dass du geliebt oder gehasst hast, das wie eine Rüstung für dich war oder dich der Lächerlichkeit preisgegeben hat.

Erinnerungen: Essen, Krank sein

Beim Essen saßen wir immer um den großen Tisch in der Küche, Mutti am Kopfende, dann neben ihr Vati, dann die Kinder, nach Alter geordnet.

„Nicht mal beim Essen kann man in Ruhe Nachrichten hören“, sagte mein Vater manchmal, der eigentlich am Tisch fast nie etwas sagte, stand auf und schleifte sein Messer unten am Teller. Ein Quietschgeräusch, das ich nicht ausstehen konnte.

Er aß manches nicht, vor allem keinen Fisch, deshalb gab es den nur, wenn er nicht da war. Abends aß er am liebsten seinen „Stinkekäse“ Romadur. Manchmal machte er sich auch „Handkäs mit Musik“. Natürlich bekam er, wenn es mal Fleisch gab, das größte Stück ab. Bei Fleisch und beim Nachtisch passten wir immer genau auf, dass jeder gleich viel bekam, außer Vati natürlich.

Am liebsten mochte ich, wenn Mutti Grießbrei machte, dann malte sie mit Marmelade ein lachendes Gesicht auf den Brei und voll Lust konnte man dann das Gesicht zerrühren.

Mein Bruder mochte keine Kartoffelklöße. Weil ich neben ihm saß, sah ich immer, dass er die Stücke hinter die Eckbank warf. Das war ein stabiler „Rollschrank“ und man konnte nicht dahintersehen.

Gleich als ich aufs Gymnasium kam, gewöhnte ich mir an, nach dem Essen mit meiner Mutter eine Tasse Kaffee zu trinken, danach legte ich mich lang auf den harten Rollschrank und schlief da erst mal.

Morgens gab es Haferflocken. Heute würde man „Müsli“ sagen, aber den Begriff gab es noch nicht. Wir bekamen Haferflocken, einfach Mit etwas Milch verrührt oder auch mal mit etwas Kakau. Feine Haferflocken mochte ich nicht und schon gar nicht Haferschleim oder Haferflockensuppe. Die sollten wir essen, wenn wir krank waren, aber ich musste darauf brechen.

Noch heute liebe ich es hingegen, ein Glas warme Milch mit Honig zu trinken, wenn ich krank bin. Das ist Labsal für die Seele.

Krank sein war in unserer Familie immer etwas Besonders. Kranke Kinder bekamen besondere Fürsorge. Das Zimmer wurde verdunkelt, eine Decke über die Stehlampe gehängt. Wer krank war, durfte sich wünschen, was es zu essen geben sollte. Man musste aber aufpassen, dass man keinen Hunger zeigte, das war ein Zeichen für Gesundheit.

Die andere Grundbedingung war: man musste im Bett bleiben. Wer aufstehen konnte, wurde schnell für gesund erklärt.

Noch heute habe ich ein ambivalentes Verhältnis zum Kranksein. In gewisser Weise genieße ich es immer noch.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Schreibe über das Essen in deiner Kindheit. Wer saß mit am Tisch?

Erinnerungen: Zimmer, Hof, Gärtchen

Die ersten Erinnerungen sind die an die beiden Zimmer, in denen wir zuerst wohnten. „Hausten“ muss man eher sagen.

Zwei kleine Zimmer, eine klitzekleine Küche mit wohl nicht mehr als 2 m² und ein kleines Klo. Zwei Erwachsene und zwei Kinder, kann sein, dass wir so auch noch wohnten, als mein Bruder schon auf die Welt gekommen war. Also drei Kinder.

Ich schlafe mit meiner großen Schwester im hinteren Zimmer, durch die Tür kommt man nach vorne ins Wohnzimmer. Es ist dunkel, ich klettere aus dem Bett und tappe barfuß über die alten rotgebohnerten Holzdielen. Den schwarzen Bakelittdrehschalter berühre ich nicht, meine Schwester soll nicht aufwachen. Meine Eltern sind nicht da, sie sind wohl im Vorderhaus bei G’s Fernsehgucken. Das machen sie oft. Später darf meine Schwester manchmal mit, dann passe ich auf meine mittlerweile zwei kleinen Geschwister auf.

In der Küche ist ein Minifensterchen, durch das man nach hinten in einen anderen Hof gucken kann. B’s haben hier zwei große Bulldozzer stehen. Die sehen aus wie die Traktoren bei Oma, sind aber noch viel größer.

B’s haben auch einen großen schwarzen Hund., der frei im Garten herumläuft, einem schönen großen Garten. Manchmal kann ich nicht fassen, dass direkt an unser Haus ein so schöner Garten grenzt. Aber wir dürfen nicht hinein. Bei uns gibt es nur ein kleines „Gärtchen“, das vom gepflasterten Hof abgegrenzt ist.

Im Gärtchen steht eine Teppichstange, an der wir manchmal turnen können und unter einem Wellblechdach hängen Wäscheleinen. Im Winter gefrieren die Hemden an der Leine und man muss aufpassen, dass man nicht die Ärmel abbricht, wenn man sie von der Leine nimmt.

An eine Wand hat mein Vater Bohnen gepflanzt, deshalb gibt es immer Bohnen. Ich hasse Bohnen. Aber es gibt sie in allen Variationen und es ist genug da, dass sie für den Winter noch eingemacht werden.

Im Hof und im Gärtchen treffen wir uns mit den anderen Kindern im Haus zum Spielen. Wer mit den Hausaufgaben fertig ist, klingelt bei den anderen: „Darf der Klausi“ rauskommen?“

Wir heißen eigentlich alle mit i, Horsti, Wolfi, Klausi, Gardi. Nur Fritz ist das Fritzje. Und manche Namen gehen einfach nicht mit i.

Das Problem ist in der Küche, dass ich zu klein bin, um durch das Fensterchen zu gucken. Und weil die Küche so klein ist, steht der Backofen direkt vor dem Fenster. Eigentlich ist das praktisch, ich kann die Klappe aufmachen, mich draufstellen und rausgucken.

Das ist wohl meine erste Erinnerung: ich stelle mich auf die Klappe vom Backofen und sie bricht ab. Ich falle auf den Boden, tue mir ziemlich weh. Aber schlimmer ist, dass meine Mutter sehr traurig ist, weil der Backofen kaputt ist. Ein neuer kostet viel Geld und das müssen wir erst mal haben.

Von meinem Vater bekomme ich mit dem Kochlöffel. Vielleicht auch mit dem Teppichklopfer, das weiß ich nicht mehr so genau. Mit dem Schürhaken sicher nicht, das war nur ein paar Mal, wenn’s besonders schlimm war.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Gehe durch die Wohnung Deiner Kindheit, gehe in die verschiedenen Zimmer. Lass Dich nicht unterbrechen.

Erinnerungen: Kinderbuch, Möbel…

Als Kind habe ich alles gelesen, was ich in die Finger bekam. Wirklich alles. Zeitungen, Werbezettel, Flaschenetiketten und natürlich Bücher.

Mein liebstes „Kinderbuch“ war das Neue Universum. Das war ein dicker Wälzer, jedes Jahr neu. Ganz unterschiedliche Geschichten waren da drin.

Abenteuergeschichten aus der ganzen Welt. Von einem „Hobo“, der auf dem Dach eines Zuges durch den ganzen Wilden Westen fährt. Berichte aus der Forschung, in denen ich erfuhr, dass man bei Autos im Jahr 2000 nur noch einen Knopf drücken müsste, um an ein bestimmtes Ziel zu kommen. Die Waschmaschinenprogramme seien ja schon so weit. Und warum sollten Autos nicht in Zukunft auf Fließbändern transportiert werden? Und dass ein Zug nie schneller als 100 Stundenkilometer fahren könnte, weil sonst die Vögel nicht mehr ausweichen können. (Für den Begriff „Stundenkilometer“ wurden wir in der Schule bestraft. Die gibt es nicht nur km pro Stunde.)

Und dass man irgendwann einmal statt mit Geld mit einer Art Schlüssel bezahlen wird, den man einfach in die Kasse steckt.

Eine ganze Welt tat sich da vor mir auf in den 50er Jahren. Wie auf dem Dachboden meiner Großeltern. Da gab es verstaubte Möbel, einen Schwellkopp, eine verstaubte Spinnmaschine und kistenweise Bücher. Daneben die Jerry-Cotton-Romane von Onkel W.

Alle habe ich gelesen, nachts im Bett die Bücher ausgelesen, vorher konnte ich nicht schlafen. Egal, ob das Opernlexikon oder das Gesangbuch, ein Liebsroman oder ein Handbuch der Hitlerjugend. Alles wurde von mir von vorne bis hinten gelesen.

Das geheimnisvollste Möbelstück in unserer Wohnung war das Vertiko. Obendrauf stand ein Samowar und die große Schublade, für die ich auf einen Stuhl steigen musste, war gefüllt mit Hunderten von Bildern und Geheimnissen meines Vaters.

Ich habe grundsätzlich alles durchwühlt. Ich musste einfach alles wissen, musste alle Geheimnisse ergründen. Es gab da welche.

Unser großer Tisch in der Küche war ein riesiger Ausziehtisch aus Eiche. Darauf wurde so ziemlich alles gemacht. Essen vorbereitet, zu sechst daran gegessen, wir haben daran Hausaufgaben gemacht und zum Bügel wurde ein dicker Kolter auf den Tisch gelegt.

Eines Tages kam ein Mann, redete eine Zeit mit meiner Mutter und ich sah, dass er etwas unter den Tisch klebte. Meine Mutter weinte.

Der Gerichtsvollzieher war öfters bei uns zu Gast und ab und zu musste ich ihm Geld bringen. Aber der Tisch blieb uns erhalten, der Kuckuck klebte bis zum Schluss darunter.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Erinnere dich an ein Kinderbuch. An die Bilder und daran, was sie ausgelöst haben. Wo hast du das Buch gelesen? Mit wem?
Schreib zehn Minuten über ein Möbelstück, an das du dich erinnerst.

Ostern damals – Teil II – Ostern auf dem Dorf

Eierkibbeln

Eierkibbeln
Eierkibbeln

Am aufregendsten war Ostern in Aumenau, jenem damals kleinen Dorf an der Lahn, in dem ich als Kind immer wieder war, weil dort meine Oma und mein Opa wohnten, in dem ich auch einmal, als meine Mutter krank war, die Schule besuchte. Da saß man noch im Pult mit Tintenfässchen, schrieb mit einem Griffel auf Schiefertafeln und bekam ab und zu von Lehrer Wenzel mit dem Rohrstöckchen auf die Finger geschlagen, wenn man böse war oder seine Fingernägel nicht sauber gemacht hatte, die man vorzeigen musste.

Ostern spielte sich dort vorwiegend nicht im eigenen Haus, sondern in der Dorfgemeinschaft ab.

Am Ostermorgen fanden wir Kinder im Hof irgendwo ein vom Osterhasen verstecktes Körbchen – das war wie zuhause in der Stadt. Aber jetzt ging es los.

In dem Körbchen war nämlich noch viel Platz. Und damit gingen wir dann von Haus zu Haus. Wünschten überall frohe Ostern und bekamen überall Eier in die Körbchen gelegt.

Das war immer noch nicht alles. Alle Kinder aus dem Dorf trafen sich dann an der Lahn. es eignete sich nur eine Stelle, die vor dem Hotel „Lahngold“, weil es da einen kleinen Abhang zur Lahn hin gab. Den brauchte man für da Eierrollen.

Es gab nämlich zwei Spiele da: das „Eierkibbeln“ und das „Eierrollen“

Beim Kibbeln stoßen die Kinder jeweils ein Ei gegen das eines anderen Kindes, vorsichtig, aber fest genug. Und das Ei, dessen Schale dabei platzt, bekommt das andere Kind.

Dann wurde das Eierrollen gespielt. Dazu musste man das Ei vorsichtig werfen, so dass es zwar möglichst weit kam, aber nicht kaputt ging. Wessen Ei heil blieb, der bekam die anderen.

Alle Kinder hatten durch das Sammeln bei den Nachbarn Unmengen von Eiern. Der Haken für mich war: ich aß damals gar keine gekochten Eier!

Aber zu meinem – natürlich nicht gezeigten – Staunen gab es immer Kinder, die man überreden konnte, ein Schokoladenei gegen zwei, drei oder meinetwegen zehn gekochte Eier zu tauschen.