Ausländisch essen gehen

Am Sonntag gab es drüben in meiner Sonntagsküche mal wieder „ausländisches“ Essen. Das ist heute ja nichts Besonderes mehr. Eher im Gegenteil: der Trend geht in Richtung „Regionale Küche“. Aber Anlass für mich, mal über die Geschichte des „ausländischen Essens“ zu schreiben.

Meine Eltern weigerten sich lange, „ausländisch essen“ zu gehen. Gut, man ging überhaupt selten auswärts essen. Der Inbegriff von „schön essen gehen“ war eigentlich der Wienerwald mit seinem genialen Werbespruch

Am Sonntag bleibt die Küche kalt,
da geh’n wir in den Wienerwald

Meine Mutter liebte es hingegen, ins Café zu gehen. Natürlich behielt sie immer den Hut auf, wie es sich für die Damen von Welt gehörte. Und natürlich hatte sie in der Handtasche einen praktischen Haken, um selbige Handtasche stilsicher an den Tisch hängen zu können.

Wenn sie mich mit „in die Stadt“ nahm, um etwas für mich einzukaufen, wusste ich schon, dass wir anschließend bei Kaufhof oder Henschel & Ropertz ins Cafè gingen. Das gehörte sich so, auch wenn wenig Geld da war.

Es war wohl Ende der 60er Jahre, dass wir die Beiden zum ersten Mal zu einem gemeinsamen Besuch eines „Italieners“ überreden konnten. Lange hatten wir ihnen vorgeschwärmt, wie gut so eine Pizza sei, die sie selbstredend noch nie gegessen hatten.

Die ersten Italiener

Dabei hatten wir in Darmstadt das Glück, schon früh eine eine vergleichsweise große Anzahl an „Pizzerias“zu haben. Und bei einigen gab es ausgezeichnete Pizze für billiges Geld. Wie zum Beispiel beim „Prinz Heinrich“ oder beim „Alten Rehberger“. Traditionslokale, die früh von einem Italiener übernommen wurden.

Was soll ich sagen: die Pizza beim Alten Rehberger hat ihnen wirklich geschmeckt. Nicht schön fand Mutti, dass ich sie überredete, doch auch mal diese kleine grüne Bohne zu probieren, die sich dann als Peperoni entpuppte, auch etwas, was sie noch nie gesehen geschweige denn geschmeckt hatte. Sie hat mir fast ein bisschen leid getan.

Italiener kamen ab 1955 nach Deutschland. Da hatte Adenauer mit Italien ein „Anwerbeabkommen“ geshlossen und mit den Italienern kamen die ersten „Gastarbeiter“. Viele arbeiteten im Gaststättengewerbe. Mit der Zeit gründeten einige eigene Restaurants, vor allem aber in den 70er Jahren, als eine Welle der Arbeitslosigkeit kam. Viele hatten den Beruf nicht gelernt.

Irgendwann wurde klar, dass die meisten „Gastarbeiter“ nicht in ihre Heimatländer zurückgingen und aus „Gastarbeitern“ wurden Migranten und schließlich Deutsche.

Die Vorläufer

Ungarische Küche

Später kam eine Erinnerung hoch, dass wir doch einmal ausländisch gegessen haben. Ich musst extra nachforschen, ob das stimmte oder ob ich mich täuschte. Und ja. Es gab in „St. Stephan“ ein ungarisches Lokal., bei dem wir im Garten gesessen und irgendetwas mit Paprika gegessen hatten.

Mitte der 50er Jahre war in Darmstadt die Siedlung „Sankt Stephan“entstanden, in der Vertriebene aus Ungarn angesiedelt wurden. Sie erhielten dort für je zwei Familien Platz für ein kleines Häuschen, das mit erheblicher Eigenhilfe gebaut wurde. Dazu gab es auch ein Stück Land, auf dem für die kärgliche Selbstversorgung Schweine gemästet und Mais, Kartoffeln und eben Paprika angebaut wurden. Bis dahin war das nahezu unbekannt, aber so gab es auf dem Darmstädter Wochenmarkt eben auch früh schon Paprika zu kaufen.

Die Siedlung lag neben dem ehemaligen Militärflugplatz auf dem „Griesheimer Sand“, wo mein Vater bei Stars & Stripes arbeitete. Kollegen von ihm hatten ihm wohl vorgeschwärmt, wie gut man dort essen konnte.

Die Jugoslawen

„Balkan-Grills“ waren mit die ersten ausländischen Gaststätten, manche wurden schon Anfang der 50er Jahre von displaced persons, heimatlosen Ausländern nach dem Krieg gegründet.

Ich erinnere mich aber nicht, dass es in Darmstadt früh einen „Jugoslawen“ gab. Erst mit zwanzig war ich beim ersten „Jugoslawen“, wie sie damals noch alle hießen.

Ich war damals Praktikant in der Hessischen Jugendbildungsstätte Dietzenbach und das Team fuhr oft abends noch essen. Eines der Ziele war der Jugoslawe in Offenbach hinter der Berliner Straße. Rechts und links der Eingangstür ging es in zwei große Säle, alles wie oft damals bei den Jugoslawen in Nischen aufgegliedert. Ich aß einen flabierten Spieß. Sowas hatte ich noch nie gesehen. Später bin ich noch ein paarmal da gewesen, jetzt gibt es das Lokal schon lange nicht mehr. „Dubrovnik“ hieß es glaube ich.

Die Chinesen

Aber kaum zu glauben: schon als Schüler war ich bei einem Chinesen essen. Die Geschichte dazu ist auch unglaublich.

1969 war das Jahr, in dem wir in Darmstadt die „Theologie der Revolution“ verkündeten. Wir tingelten mit dieser Botschaft durch die Gemeinden. Der Leiter eines evangelischen Altenwohnheims lud uns ein, einen Gottesdienst dort zu halten. Die Alten fanden das ziemlich exotisch und zum Dank lud uns der Diakon zum Mittagessen zum ersten Darmstädter Chinesen ein.

Chinesische Gaststätten hatten in Deutschland eine längere Tradition, alle Betreiber kamen aus einigen Familien aus der Provinz Zheijang. Hinzu kamen später Küchenkräfte aus Hongkong.

Das zweite Chinesische Restaurant lernte ich 1972 in Marburg kennen, ein paar Häuser über der Theologischen Fakultät neben dem legendären Cafè Vetter, das es im Gegensatz zu dem Chinesen immer noch gibt. 1972 übernahm ich mit einem Freund den Vorsitz im landeskirchlichen Studierendenkonvent und natürlich musste die Übergabe durch den alten Vorstand auf Kosten der Landeskirche stilvoll begangen werden. Das Essen dort war außerordentlich gut und dank de hessen-nassauischen Kirche außerordentlich billig.

Die Griechen

Kaum hatte ich den Führerschein, fuhr ich 1969 mit einer „Sendgruppe“ der Evangelischen Jugend mit einem VW-Bus zu unserer Patenschule nach Nord-Griechenland, hoch über die Gebirgspässe Österreichs musste man noch und dann den Autoput runter. Da lernte ich die griechische Küche kennen und lieben. Glücklicherweise gab es bis dahin dann auch in Darmstadt einen Griechen. Meist aß ich Souvlaki, wunderte mich, dass das etwas anderes war als in Griechenland, aber es schmeckte. Dazu natürlich Retsina getrunken, schließlich war ich in Griechenland.

Anfang der 70er machte dann auch in Neu-Kranichstein ein Grieche in einer Holzbaracke auf.

Internationale Küche in Deutschland

Internationale Küche gab es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg fast nicht. Im Nationalsozialismus wurde auch hier gleichgeschaltet. Fast nur in der Nähe angrenzender Länder gab es entsprechende Lokale, in Hamburg und Schleswig-Holstein skandinavische Küche, in Rheinland-Pfalz und im Saarland französische Küche, in Bayern österreich-böhmische und damit auch ungarische Küche – wobei die Ausnahme natürlich auch hier die Regel bestätigt.

Vor dem Dritten Reich gab es dagegen durchaus schon internationale Restaurants oder eben meist Restaurants mit internationaler Küche – natürlich vor allem in den ganz großen Städten, allen voran Berlin und Hamburg.

Kaum bekannt ist, dass die Eröffnung von Gaststätten in Deutschland nach dem Krieg sehr streng geregelt war. Es gab ein „Bedürfnisprinzip“, das die vorhandenen Gaststätten schützen sollte und erst 1970 bundesweit aufgehoben wurde. Aber vor allem war es für „Gastarbeiter“ schwer, eine Genehmigung zu bekommen. Für Nicht EWG-Angehörige war eine Gaststättengründung lange nahezu unmöglich.

Aus einem Wechselspiel zwischen Migration und Urlaubserfahrungen der Deutschen entwickelten sich dann Spezialitätenrestaurants.

Die Spanier

Die ersten Urlaubserfahrungen im Ausland machten die Westdeutschen in Italien und Spanien. Außer Österreich natürlich, aber das galt ja fast nicht als Ausland. Trotzdem gab – und gibt es – vergleichsweise wenige spanische Restaurants. Eine Ausnahme machte das Las Palmas in Darmstadt, wohin mich ein Freund 1971 führte. Auf ein Chateubriand, gar nicht spanisch.

Mit Spanien hatte die Bundesrepublik erst 5 Jahre nach Italien ein Abkommen geschlossen, aber immerhin schon 1960, ein jahr später dann mit Griechenland und auch schon mit der Türkei. Aber wie gesagt: dass die Menschen kommen durften, bedeutete mitnichten, dass sie auch Lokale eröffnen durften, das kam erst mit der Zeot.

Mit dieser Entwicklung hängt auch zusammen, dass viele Lokale der Anwerbenationen nicht von Fachkräften eröffnet wurden, sondern von Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – sich selbständig machen wollten oder mussten. Weil sie oft keine Bankkredite bekamen, waren sie auf Abkommen mit Brauereien angewiesen, die immer mit einem Mindestumsatz der jeweiligen Marke verbunden waren. Das führte oft in eine Schuldenfalle. Beides trifft aber auch für die einfachere Gastronomie überhaupt zu.

Die Türken

Das erste Mal türkisch essen war ich Anfang der 70er im „At Nali“ auf der Rutschbahn in Hamburg, vielleicht dem ersten türkischen Lokal in Deutschland überhaupt, ein tolles Lokal im Univiertel Rotherbaum, in dem sich alles traf. Der Wirt, Ali Riza Kaya, war auch der erste, der in Deutschland ein türkisches Kochbuch herausgab.

Türkisch essen zu gehen und damit meine ich jetzt, gut türkisch essen zu gehen ist in Deutschland aber immer noch fast unbekannt – für die meisten Mitmenschen beshränkt sich die Kenntnis der Türkischen Küche auf den Döner, weil der bekannterweise schöner macht.

Was ich sonst noch kennenlernte (in Deutschland)

Indische Küche in Amsterdam um 1970
MacDonald in Amsterdam um 1972 (dem ersten in Europa)
Böhmische Küche in Frankfurt um 1977
Japanische Küche bei einem Edeljapaner in Düsseldorf 1982
Portugiesische Küche in Darmstadt um 1990
Kreolische Küche in Frankfurt um 1990
Südkoreanische Küche in Frankfurt um 2000

und weiß nicht was noch alles.

Ab heute dürfen Sie weiterlernen – wie ich meinen Führerschein bekam und verlor

Ich hätte nicht damit gerechnet, dass ich ihn bekomme, mein Fahrlehrer auch nicht. Aber der Prüfer hatte wohl einen guten Tag oder er mochte hübsche junge Männer wie mich. Jedenfalls bekam ich den den Lappen ausgehändigt. So nannte man damals diese grauen Teile. Die Liebste hat ihren heute noch.

Ich habe meinen Lappen verloren. Oder wie ich bei der Polizei sagte, gestohlen bekommen. Der ansonsten etwas mürrisch blickende Beamte, der mir die Tür zum Revier öffnete und dann zu Protokoll nehmen wollte, was ich anzugeben hatte, hatte nur kurz aufgeblickt: „Sie meinen sicher gestohlen“. Gut, ich hatte gesagt „verloren“, aber so, wie er mich anblickte, mochte er anscheinend auch hübsche jüngere Männer wie mich. Das ließ er zwar nicht erkennen, aber auf meine Antwort mit leicht fragendem Unterton „Ach, das kann natürlich auch sein“, ließ er sich doch auf eine kleine Unterhaltung ein. „Ja, wenn Sie ihn verloren hätten, müssten Sie mehr für die Wiederausstellung der Dokumente zahlen. – Also, die Geldbörse mit den Dokumenten wurde ihnen gestohlen“. „Ja, da bin ich sicher.“ Ich glaubte fast, ein kleines Lächeln zu sehen. Oder die kleine Freude darüber, dass sein Tag gerettet war. One good act a day keeps the devil away.

Jetzt habe ich nur noch eine kleine Karte. Schade.

Wie ich zu meinem Führerschein kam

„Mit diesem Dokument erhalten Sie die Erlaubnis, alleine weiterlernen zu dürfen“, meinte der Prüfer theatralisch, während er seine Unterschrift in die Innenseite des grauen Leinendokuments setzte. „Nach bestandener Prüfung ausgehändigt“, stand da. Ich glaubte es erst, als ich das Ding in der Hand hielt.

Dreiundzwanzig Stunden brauchte ich. Damals musste man sich dafür schämen, manche brauchten zehn. Und ein Heidengeld hat das Ding gekostet. 13,50 die Stunde. Bei der „Fahrschule des Studentenwerkes“ der Technischen Hochschule.

Die erste Fahrt war mit einem Automatikwagen. BMW, totschick. Ich konnte nichts. Trotzdem herrschte mich der Fahrlehrer an „Sie sind schon schwarz gefahren“. Ich muss ihn sehr verwundert angeguckt haben, jedenfalls klang er etwas versöhnlicher, als er erklärte, dass er die Schwarzfahrer sofort daran erkenne, dass sie mit dem linken Fuß das Bremspedal beim Automatikwagen treten. Heute, wo ich seit einigen Jahren Automatik fahre, bezweifle ich seine Erkenntnis.

„Was studieren Sie denn“, fragte der Fahrlehrer interessiert, als er die Motorhaube öffnete, um mir ein paar Dinge zu zeigen.

„Ich bin noch Schüler“
„Oh. Und was wollen Sie einmal studieren“
„Theologie“
Er atmete hörbar ein „Ach so“, stieß er aus und knallte die Haube wieder zu. Wie gesagt, die Fahrschule der Technischen Hochschule. Irgendwie fühlte ich mich sehr fehl am Platz.

Immerhin war ich nicht ganz so schlecht wie der dürre Student mit der dicken Hornbrille, der den Nacken nach vorne drücken musste, um ins Auto zu passen. Bei gutem Wetter hätte der Fahrlehrer vielleicht das Schiebedach öffnen können, aber bei unserer Nachtfahrt regnete es.

Natürlich während meiner Ausbildung war diese Schikane eingeführt worden: eine Nachtfahrt und eine Autobahnfahrt waren zur Pflicht gemacht worden. Auch damals gab es schon Willkürmaßnahmen des Staates.

Wir fuhren also nachts durch den Odenwald, hinauf durch das Balkhäuser Tal. Normalerweise eine hübsches, romatisches Sträßchen. Aber in dieser Nacht war die Straße nur eng, glatt und vor allem sehr dunkel.

Besagter Technischer Student fuhr, wir beiden anderen Fahrschüler versuchten, zwischen den beiden Vordersitzen und den Scheibenwischern hindurch zu sehen. Der Technische Student hielt auf die Mitte der Fahrbahn. Von weitem sah man Scheinwerfer. „Etwas nach rechts“, meinte der Fahrlehrer. Technischer Student hielt nach links, Farlehrer griff ihm ins Lenkrad und steuerte gegen.

Technischer Student orientierte sich offenbar an der weißen Linie in der Mitte. Nur, dass er anscheinend versuchte, nie rechts davon zu fahren. Beim nächsten Auto noch einmal das Gleiche.

„Halten Sie an“, schrie der Fahrlehrer und trat wohl selbst auf die Bremse. „Mit Ihnen fahre ich nie wieder. Sie wollen uns ja umbringen“.

So böse wurde er mit mir nie. Aber ich merkte immer eine gewisse Ironie in seinen Mundwinkeln, wenn ich in sein Auto stieg.

Einmal stieg ich gar nicht in sein Auto. Oben im Büro hatte er mir den Schlüssel gegeben. „Machen Sie schon einmal alles fertig“. Also: Sitz zurechtschieben, Rückspiegel innen und außen (von Hand natürlich) einstellen.

Ich tat, wie mir geheißen, schloss den weißen Opel Kapitän auf, zog den Sitz ganz nach vorne, so dass ich fast mit den Füßen an die Pedale reichte, stellte den Rückspiegel ein – und wunderte mich, dass der kleine Spiegel des Fahrlehrers fehlte. Bringt er den immer mit? Aber warum fehlen die Pedale des Fahrlehrers? Was zum Teufel…

Ich saß im falschen Auto. Der weiße Kapitän hinter uns stellte sich als das richtige Auto heraus. Der Schlüssel passte an ihm jedenfalls auch und Pedale und Spiegel waren vorhanden.

Wie ich meinen Führerschein verlor

Weiterlernen durfte ich dann seit nun über 50 Jahren. Gut, mit zwei – oder waren es sogar drei? – kleinen Unterbrechungen.

Ich verlor meinen Führerschein im Herbst 1975. Diplompädagoge in meiner ersten Stelle in Nürnberg., mit jungen 23 Jahren angetreten. Federweißer beim Elternabend, danach natürlich mit dem Vikar in unsere Stammkneipe in Johannis.

Ich schwöre, ich war nicht so betrunken wie vorher ab und und zu einmal. Gut, die Fahrbahn teilte sich vor mir, aber ich konnte noch gut fahren. Polizeikontrolle.
„Haben Sie getrunken?“
„Ja, aber nur Glas Federweißer“
„Pusten Sie einmal“.

„Sie wirken eigentlich auch gar nicht betrunken. Aber Sie müssen mitkommen“.

„Trunkenheitsfahrt“ stand in den damals schon vergilbten Dokument, dass ich anstelle meines schönen Führerscheins, den ich nie mehr wiederbekommen sollte, ausgehändigt bekam.

Jetzt übertreibt er aber, meinen Sie sicher. Nie mehr wiederbekommen. Sie irren. Ein Fahrverbot von mehr als drei Monaten führt zum Verlust des Führerscheins. Die Behörde entscheidet dann, ob und wenn ja mit welchen Auflagen Du einen neuen bekommst. Ich bekam ihn nach einer neuen theoretischen Prüfung.

Der neue Führerschein war dann noch mal ein grauer. Aber als bleibende Mahnmal enthielt er einen Säuferbalken, woran jedermann erkennen konnte, dass ich einmal ein Trunkenheitsdelikt begangen habe. In einem solcherart neu ausgestellten Dokument war nämlich der Vermerk „Nach bestandener Prüfung ausgehändigt“, durchgestrichen. Das nannte der kundige Volksmund „Säuferbalken“, obwohl es durchaus auch einige andere Gründe gab, weshalb dieser Vermerk durchgestrichen sein konnte. Etwa weil man das Original nicht durch eine Trunkenheitsfahrt, sondern durch bloße Schusseligkeit verloren oder eben gestohlen bekommen hatte.

Später verlor ich meinen Führerschein nur noch einmal, als er mir gestohlen wurde.

Weitergelernt

Ich durfte noch viel lernen. Gleich das erste Auto bot glänzende Gelegenheit. Ein VW 1953. Zwischengang und Zwischenkuppeln. Die ersten Fahrten gab es ohrenbetaubende Schläge, wenn ich versuchte, einen anderen Gang einzulegen.

Bis ich lernte, dass man ab und zu nach dem Öl gucken musste, war es wohl schon zu spät. Jedenfalls musste ich bei meinen Fahrten die knapp 30 Kilometer von Darmstadt zur Karl-Marx-Universität in Frankfurt regelmäßig unterwegs Öl nachfüllen.

Aber ich beherrschte die Kunst, nachts vor einer Kurve abzubremsen, dabei zwischenzuschalten, im richtigen Moment zwischenzukuppeln, also das Pedal noch einmal durchzutreten und vorsichtig kommen zu lassen, so dass die Zahnräder synchronisieren können und dabei (!) mit dem linken Fuß den Knopf zu treten, mit dem das schwache Fernlicht aus der 6-Volt-Batterie auf das noch schwächere Abblendlicht geschaltet wurde, danach wieder auf Fernlicht zu schalten und mit dem gleich Fuß das Rädchen, das als Gaspedal diente, zu suchen.

Ab und zu musste man auch noch mit dem Fuß vorne den kleinen Hebel auf Reservetank umlegen, um noch ein paar Kilometer bis zur Tankstelle fahren zu können, wo man dann für 10 Mark tanken konnte, 49 Pfennig der Liter. Allerdings musste man erst den Kofferraumdeckel vorne aufklappen und die Taschen ausräumen, um an den Tank zu kommen.

19778 kostete das Benzin schon 86 Pf.

Der Führerschein wurde heute vor 110 Jahren (1910) in Deutschland eingeführt.

Erinnerungen: Freundinnen und andere Probleme

Wie gerne hätte ich eine Freundin gehabt. Aber es ging nicht. Ich hätte mich nie getraut, sie mit zu uns nach Hause zu bringen.

Meine Geschwister machten das, aber ich habe mich viel zu sehr für den Hinterhof geschämt, in dem wir wohnten und das kleine Zimmer, das ich mir mit meinem Bruder teilte.

Es war wohl so, dass man als Arbeiterkind, das aufs Gymnasium ging, damals in zwei Welten lebte, die sich nicht miteinander vereinbaren ließen.

Es gab Mädchen, die standen dann einfach bei uns im Hof. Mir war das entsetzlich peinlich.

Wie gerne hätte ich eine Freundin gehabt. Aber es ging nicht. Ich hätte mich nie getraut, sie mit zu uns nach Hause zu bringen.

H. lernte ich auf der Skifreizeit kennen. Ein unglaublich schönes Mädchen – und sie verliebte sich in mich – ein Wunder. Auf dem Rückweg von Südtirol im Bus küssten wir uns ununterbrochen. Das Lied „Hej – du bist Musik für mich“ werde ich deshalb nie vergessen, das spielte immer wieder.

Der Diakon schwärmte meiner Mutter vor, was für ein tolles Mädchen ich da habe. So klug, so nett, so hübsch. Meine Mutter wollte sie natürlich kennenlernen, ich vertröstete sie.

Wir trafen uns sonntags beim Tanztee der Tanschule und schrieben uns liebe Briefe. Mehr ging nicht. Ihr Vater war Professor.

Ich brach den Kontakt ab und war totunglücklich. Eines Abend rief ein Schulkamerad an und fragte, ob ich nicht zu seiner Party kommen wolle, ein Mädchen warte da auf mich. Es brach mir das Herz und ich heulte fürchterlich.

Ich begnügte mich damit, bei allen möglichen Gelegenheiten – und die gab es in diesen späten 60er viele – herumzuknutschen. Und nicht nur das. Bei McKinsey hatte ich gelesen, dass man das „Petting“ nannte.

Anscheinend fanden die Mädchen mich auch gut.

Zum ersten Mal „richtigen“ Sex hatte ich im hohen Alter. Mit 21, auf einem Seminar. Wieder ein unglaublich schönes Mädchen, wilde rote Locken. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick bei uns beiden.

Nach dem Sex fragte sie mich, ob ich eine Freundin habe – und ich schämte mich wieder. Diesmal dafür, keine Freundin zu haben. Also sagte ich „Ja“,

Das war eindeutig das kleinere Übel. Schließlich war es völlig in Ordnung Sex neben einer Beziehung zu haben. Aber es war nicht in Ordnung, keine Freundin zu haben. Den begriff „Looser“ kannten wir damals noch nicht.

Ich konnte toll Briefe schreiben und ich spannte einem anderen Jungen ein Mädchen aus. Die nahm ich sogar zu einem Abendessen bei meiner Schwester mit der ganzen Familie mit. Meine Schwester war baff: „Wo hast Du die denn kennengelernt, die ist ja sooo hübsch…“

Meine Freundinnen mussten schön sein. OK fand ich das nicht von mir.

Bei ihr zuhause küssten wir uns, ich durfte ihren schönen Busen streicheln und sie ließ mich einen Blick in ihre Schreibtischschublade werfen, wo die Pille lag.

Ich natürlich traute mich nicht mehr als ein bisschen rumzumachen. Natürlich sprachen wir nicht darüber.

Sie hat dann bald Schluss gemacht. Das hätte ich auch an ihrer Stelle.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Feiern wir die Internationale

Endlich mal wieder ein Sonntag, wie er sein soll: Wärme, strahlende Sonne, strahlende Gesichter, gute Musik, gutes Bier, gute Laune.

StadtfestStadtfestIn Marburg war Stadtfest „3 Tage Marburg“ nennen Sie es und ein wunderbarer Anlass, mal wieder hin zu fahren. Obwohl ich dieses Jahr zum „Elisabethjahr“ (800 Jahre Hl. Elisabeth) schon dreimal da war. Aber schon wenn ich von Stauffenberg her Richtung Marburg fahre und dann das Schloss über der Stadt sehe, finde ich das jedesmal wieder ein wunderbares Bild.

Nostalgie? Schließlich habe ich da Anno Tubak (sprich Anfang der Siebziger Jahre) studiert. Obwohl das zumn Studieren vielleicht die schönsten und aufregendsten Zeiten waren, die man sich vorstellen kann, beneide ich die Studenten heute doch ein bisschen – vor allem natürlich um ihre Studentinnen. Nicht nur, weil die so schön jung sind. Wenn meine Erinenrung mich nicht trübt, waren wir das früher auch. Nein, vor allem: wie eintönig das damals war. Fast nur Deutsche. Und heute alle Nationen versammelt.

Früher gab es das Stadtfest nicht. Da gab es das DKP-Fest. Sonst hielt ich ja nichts von denen, gehörte zu einer anderen Fraktion. Aber Marburg war nun mal DIE DKP-Hochburg überhaupt. Und feiern konnten die, dass muss man ihnen lassen.

Auf den Lahnwiesen haben sie jedes Jahr im Sommer ein riesengroßes Bierzelt aufgestellt, das war gerammelt voll von Leuten und eine große Blechkapelle spielte wunderbare Lieder: „Bandiera rossa“ zum Beispiel.

Wie? Sie denken, sowas spielt ein Blechorchester doch nicht? Da irren Sie. Dieses schon. Das war nämlich das „Wiebelskirchener Schamlmeienorchester“. Die kam extra immer aus dem Saarland angereist und machte 1971 Erich Honecker zu ihrem Ehrenmitglied. War ja auch der prominenteste Sohn des Dorfes und hatte die neuen Intrumente gestiftet.

Das waren noch Zeiten. Gestern gabs dafür heiße afrikanische Rhytmen. Auch nicht schlecht. Früher haben wir die Internationale gesungen und heute sind wirs.

Afrikanische Rhytmen: Sir Mystik