Wie hat uns die Burg verbunden, unvergessen jeder Tag…

So begann ein Lied, das wir manchmal auf Fahrt gesungen haben. Zum Beispiel bei unserer Rheinhöhenwanderung in den frühen 60ern.

Wir wanderten von Oberwesel nach Bingerbrück, eine Station war die Jugendburg Stahleck in Bacharach.

Jugendburg Stahleck
(Foto: Sir Garwain/Wikimedia)

Nicht bewusst war mir bei unserer letzten Lahnwanderung, dass Burg Balduinstein die Jugendburg des Nerother Wandervogels ist (betrieben vom „Freien Bildungswerk“).

Jugendburg Balduinstein
(Foto Hermann Hammer/Wikimedia)

Viele Male war ich mit Konfirmanden auch auf der Jugendburg Rieneck der Christlichen Pfadfinder am Main.

Jugendburg Rieneck
Foto: © JD (de.wikipedia.org)

„Jugendburgen“ sind mittelalterliche Burgen, die seit der Jugendbewegung im Laufe des 20. Jahrhunderts als Begegnungstätten umgebaut wurden. Davon gibt es in Deutschland 23.

Am bekanntesten ist vielleicht Burg Waldeck durch die legendären Waldeck-Festivals, die erste Open-Air-Festivals Deutschlands.

Jugendburg Waldeck
© CEphoto, Uwe Aranas

Ende der 60er kam ich dann zum ersten Mal auf „unsere“ Jugendburg, Burg Hohensolms, ein paar Kilometer von hier.

Jugendburg Hohensolms
(Foto: Solmesius / Wikimedia)

Heute bin ich dort im Vorstand des „Freundeskreises Hohensolms“.


Eine Reise in meine Vergangenheit: Besuch im Archiv der Jugendbewegung

Letzte Woche unternahm ich eine kleine Reise in einen wichtigen Teil meiner Vergangenheit.

Wir besuchten die Jugendburg Ludwigstein im Werratal. Ludwigstein ist „die“ Burg der Jugendbewegung. Sie wurde 1920 gekauft und von den den Bünden der Jugendbewegung zur Jugendburg und zum „Erinnerungsmal für die im 1. Weltkrieg gefallenen Kameraden“ erbaut.

Heute arbeiten dort das „Archiv der Deutschen Jugendbewegung“, inzwischen Teil des Hessischen Staatsarchives , eine Jugendbildungsstätte und die Burg als Begegnungs- und Tagungsstätte. Sie ist Sitz des „Rings Junger Bünde“, in dem sich viele Nachfolgeorganisationen der Jugendbewegung zusammengeschlossen haben.

Burg Ludwigstein
Burg Ludwigstein
Blickt rüber zum Hanstein
Die gegenüberliegende Burg Hanstein lag schon in der DDR
Auf der Burg finden sich die alten Symbole
Mit dem Wandervogel begann die Jugendbewegung
Aus grauer Städte Mauern…
Historisches
Halstücher sauberlich im Archiv…
… und in meinem Arbeitszimmer

Dass Halstuch, Knoten und Koppel noch in meinem Zimmer hängen, zeigt wie wichtig für mich die Evangelische Jugend war.

Wie ich dorthin kam, habe ich hier beschrieben.

Wir gehörten nicht zur Bündischen Jugend, waren Teil der verfassten Kirche. Aber wir betrachteten uns durchaus als Nachkommen der Jugendbewegung.

Zeltlager, Wander- und Trampfahrten, Abende am Lagerfeuer und viele viele Lieder verbanden uns.

In den 6oer Jahren blühten die Jugendbünde neu auf, neben den „Jugendverbänden“ gab es auch alte Bünde: die Nerother, die Freischar, die d.j.1.11., den Bund Deutscher Jungenschaften und wie sie alle hießen, Wir trafen uns bei Zeltlagern und Treffen des Stadtjugenrings.


Die „Christdeutschen“

Hohensolms entstand als Jugendburg des „Bundes Christdeutscher Jugend“. Mein Vater gehörte zu den Christdeutschen, bis sie 1933 in die HJ überführt wurden.

„Was für ein Name“ wirst Du jetzt denken. Und hast teilweise, aber nur teilweise, Recht.

Der Name „Christdeutsch“ zeigt, wem sich dieser Bund verpflichtete: dem Christlichen und dem Deutschen. Bewusst wurde das „Christ“ an den Anfang gestellt, es sollte an erster Stelle stehen – in der Konsequenz sind die Christdeutschen später zur Bekennenden Kirche gestoßen.

Nicht ohne erbitterte Auseinandersetzungen und viele, die sich abwandten.

Aber da stand eben auch das „Deutsch“. Dahinter stand wie nahezu der gesamten Jugendbewegung völkisches Gedankengut, vielleicht die Gruppen der Arbeiterjugend ausgenommen.

Der „Freundeskreis Hohensolms“ ist sozusagen die Nachfolgeorganisation der Christdeutschen. Weil Teile unseres Archivs an das Ludwigsteiner Archiv abgegeben wurde, sind wir dorthin gefahren, um ein wenig in unseren alten Unterlagen zu stöbern.

Wie hat uns die Burg verbunden!
Unvergessen jeder Tag,
unvergeßne Abendstunden,
da das Land im Traumlicht lag!

Steht noch einmal auf dem Felsen,
blickt ins Tal, wie sich’s gebührt,
wo der Strom im Weiterwälzen
seine Strudel mit sich führt.

Lieder, die wir hier gesungen,
Fragen, die wir hier gefragt,
und was innen mitgeklungen,
ungefragt und ungesagt,

laßt es uns getreu bewahren,
all das leise Überein!
Wer wie wir das Glück erfahren,
kann nie wieder glücklos sein.


Manfred Hausmann


Eines unserer Lieblingslieder auf unseren Fahrten:

Trampen wir durchs Land


Fortsetzung folgt: Die „dunkle Seite“ der Jugendbewegung

Nahtod

Ich ersticke. Oder ertrinke. Um mich herum ist es tiefschwarz. So schwarz, wie ich es noch nie erlebt habe.

Jetzt weiß ich, wo ich bin. Tief unten im Brunnenschacht in unserem Hof. Ein enger Schacht, man konnte von oben nicht bis auf den Grund sehen.

Nur wenn man einen Stein hinweinwarf, konnte man zählen, wie lange er bis zum Wasser brauchte.

Der Schacht war immer zugedeckt, nur in ganz heißen Sommern wurde daraus Wasser hochgeholt. Unsere Eltern haben uns davor immer gewarnt.

Nun liege ich im Brunnen unter Wasser und drohe zu ertrinken. Aber das ist kein Wasser, merke ich, so schwarz kann das nicht sein.

Es ist Blut. Tiefschwarzes Blut. Ich liege im schwarzen Blut und ersticke, ertrinke.

Todesangst.

Ein heller Punkt ist zu sehen. Leuchtend.

Ich werde in die Sonne gezogen

Er wird heller – jetzt merke ich, dass es die Sonne ist. Ich werde geblendet und kann nur mit Mühe ins Licht sehen.

Ich werde gezogen. Etwas zieht mich nach oben, hinauf ins Licht. Oben sind Menschen. Ich weiß nicht, wer. Weiß nur, dass ich sie kenne.

Es sind gute Freunde.

„Ach, da bist Du ja wieder“, sagen sie.

Ich erwache und jetzt ersticke ich wirklich. Ich bekomme keine Luft, etwas ist in meiner Nase. Ein Schlauch.

Ich muss ihn herausziehen, sonst sterbe ich.

Ich ziehe und ziehe, er wird immer länger. Jetzt habe ich ihn raus. Ein Magenschlauch.

Faro, Portugal, 1983. Ich bin aus der Notoperation erwacht, bei der mir der ganze Bauch aufgeschnitten wurde. Ein Blinddarmdurchbruch wurde nicht entdeckt, er muss schon ein paar Tage her sein. Nach 5 Wochen 40 Fieber werde ich nach Deutschland geflogen.


Am Tag vorher war ich mittags hier eingeliefert worden. Hatte in der Notaufnahme neben einem Kind Mann gelegen, von dem ich wusste, der stirbt gerade.

Aber ich konnte nicht mehr operiert werden, zu viel war los. Abends werde ich in ein Zimmer gefahren, alle meine Sachen werden in einen Plastiksack gepackt. Auch der Ehering.

Schwarze Männer kommen herein, mit Ruß geschwärzt.

Es sind die Kohlenmänner, die ich aus meiner Kindheit kenne. Schwere Säcke mit Kohlen haben sie auf dem Rücken geschleppt und in die Kellerluken geschüttet.

Jetzt holen Sie hier schwere Säcke ab. Mich will auch einer hochheben, aber der andere sagt:

„Bei dem braucht ihr nichts mehr zu machen – der ist sowieso gleich tot.“


Gestern hat jemand in einem Herzforum gefragt, ob einer schon einmal eine Nahtoderfahrung gehabt habe.

Da ist mir aufgefallen, dass ich hier noch nie von dieser wohl schlimmsten Erfahrung meines Lebens erzählt habe. Natürlich nicht die Nahtoderfahrung, sondern die Krankheit und vor allem die Begleitumstände. Aber davon ein anderes Mal mehr.

Und auch von den anderen Träumen, die den Tod und die Auferstehung ankündigten. Prophetische Träume.

Wie Menschen einen prägen. Ich trauere um eine Lehrerin.

1968 (ich Mitte 2. Reihe)

Leider habe ich kein Bild von ihr. Aber ihr Bild ist mir aus vielen, vielen Begegnungen noch deutlich in Erinnerung. Inge Volp war meine erste Religionslehrerin auf dem Gymnasium, ein Lichtblick in diesem „Gymnasium für Jungen“, in dem die meisten Lehrer – und ja, auch Lehrerinnen – noch schlugen oder irgendeine Art hatten, Kinder zu quälen.

Und zwar wirklich, nicht nur mit Aufgaben. Neben Schlägen waren verbale Demütigungen an der Tagesordnung. Und Kinder aus dem Arbeitermilieu wie ich bekamen von vielen ihre Verachtung zu spüren.

Letzte Woche ist Inge gestorben und in der nächsten Woche werden wir sie zu Grabe tragen. Nächsten Monat wäre sie 94 geworden.

Inge Volp hat mein Leben mit geprägt. Ich weiß nicht, was ohne sie, ohne ihren Mann „Carlito“ (Karl-Heinrich) und einer Handvoll anderer Menschen, die mir als Kind und Jugendlicher begegneten, geworden wäre.

Meine früheste Erinnerung ist, dass ich mit ihr als „Sextaner“, wie das damals hieß, und einem Klassenkameraden zusammen einkaufen war. Wir beide waren Klassensprecher und wollten ein Geschenk für unsere Klassenlehrerin besorgen – weshalb auch immer. Da wir ratlos waren, fragten wir die junge (damals 36), hübsche und lebhafte Lehrerin um Rat und sie verabredete sich mit uns vor einem Darmstädter Kunstladen (für Darmstadt-Kenner: in den ehemaligen Baracken des Mathildenplatzes, wo heute das Luisencenter steht). Eine fremde Welt für mich, ich habe noch genau das Bild der modernen und wie ich glaube schönen Vase vor Augen, die wir erstanden.

Damals wusste ich noch gar nicht, dass sie Pfarrerin ist. Das war sie auch noch nicht. Sie war nämlich verheiratet, verheiratete Frauen durften damals nicht Pfarrerin werden und auch ledige Frauen wurden nur „Vikarin“. Unsere Kirche war die erste, die die rechtliche Gleichstellung von Frauen im Pfarramt verwirklichte. das war aber erst 1971 – nach meinem Abitur.

Viele, viele Diskussionen hatte ich mit ihr. Im Unterricht und in dem kleinen theologisch-politischen Gesprächskreis mit ihr und ihrem Mann, der damals Schulpfarrer an unserer Schule war – ihn hatte ich dann auch im Unterricht.

Später hat sie bei Begegnungen jedem erzählt, die Begegnung mit mir und unserer Klasse sei eine der wichtigsten und besten Erfahrungen in ihrem Berufsleben gewesen. Und die war so:

1968 (ich Mitte 2. Reihe)
1968 (ich Mitte 2. Reihe)

Wir Schüler übernehmen den Unterricht

Bis in die 68er hinein nahmen praktisch alle Schüler am Religionsunterricht teil. Der Religionsunterricht, die Schulgottesdienste am Reformationstag und ab und an die „Religiösen Schulwochen“ (auch die gab es im roten Hessen) bildeten einen wichtigen Teil des Schullebens.

Dann änderte sich an unserer Schule etwas grundlegend. Wir bekamen ab der 11. Klasse „Entschuldigungsfreiheit“. Ein hessisches Modellprojekt, Vorläufer des „Kursmodells“. Man musste nicht mehr am Unterricht teilnehmen, Noten gab es nur noch auf Klassenarbeiten. Wir machten eifrig Gebrauch davon, so viel, dass der Direktor eine Schulkonferenz einberief und uns händeringend bat, doch wenigstens vor Beginn einer Stunde zu entscheiden, ob wir teilnehmen wollten oder nicht. Man müsse doch verstehen, dass es für Lehrer nicht einfach sei, wenn Schüler einfach aufstehen und gehen.

In manchen Fächern saßen nur noch ein paar Schüler zusammen, eigentlich nur die, die noch büffeln mussten. Die anderen saßen im Café Gutenberg ein paar Ecken weiter oder im „Lagerhaus“.

Anders in Reli. Unvorstellbar heute, aber da kamen wir noch hin. Wohl, weil im Prinzip der Religionsunterricht immer schon freiwillig war und die Lehrer deshalb gewohnt waren, ihn interessant zu gestalten. Hier wurde wirklich diskutiert.

Aber bei Frau Volp, wie ich sie damals noch nannte, kam das in diesem Jahr nicht wirklich in Fahrt. Ich besorgte mir Rückendeckung und meldete mich: „Frau Volp, so kann das nicht weitergehen. Uns interessiert das nicht, was Sie da machen. Wir haben beschlossen: entweder WIR übernehmen jetzt den Unterricht und sie setzen sich dazu, melden sich und diskutieren einfach mit wie die anderen – oder wir treten aus.“

Inge zögerte nicht lange. Wir überlegten uns Themen und jedes Mal hielt einer ein Referat, ein anderer leitete das Gespräch. Und Inge dikutierte mit.

Es war sicher der engagierteste Unterricht, den ich erlebt habe. Ich hielt ein Referat über einen hochtheologischen Aufsatz „Christi Gegenwart: das Kreuz“ (und fand da wohl den Hauptbezugspunkt meiner Theologie). Und die anderen fanden das interessant.

Diskussionen und Vergnügen auch in der Freizeit

Einmal in der Woche trafen wir uns bei Volps zum Diskutieren und Schwätzen. Oft bestellten sie dann eine Pizza, es gab ein Bier und heiße Ohren. Erst hieß das schuloffiziell „Arbeitskreis“, dann nannten wir uns um in „Bibelkreis“, das hatte einer gelesen aus der Geschichte der Bekennenden Kirche.

Zwei- oder dreimal sind wir mit Volps zu Tagungen der Evangelischen Akademie nach Arnoldhain gefahren. Ich erinnere an eine Schülertagung zur „Pille“ und eine Tagung zum „Neuen Deutschen Film“. Unglaublich: die 1961 „erfundene“ Anti-Baby-Pille war noch äußerst umstritten, damals nicht wegen ihrer Nebenwirkungen, sondern aus religiös-ethischen Gründen. Die Nächte diskutierten und soffen wir.

Volps unterstützen mich, wo sie konnten. Beide Volps waren ein paarmal bei uns zuhause, ich weiß nicht mehr, aus welchem Anlass. Sie müssen wissen: das klingt hier jetzt alles nach einem guten und engagierten Schüler. Das Gegenteil war der Fall. Ich war so schüchtern, dass ich praktisch nie etwas im Unterricht sagte. Ich traute mich einfach nicht. Ich bin einmal sitzen geblieben und nur mit Mühe (mit drei Fünfen in Hauptfächern der Vornoten!!!) durchs Abitur gekommen.

Aber Volps mochten mich und haben wohl sehr schnell Stärken in mir erkannt. Vor der vollbesetzen Kirche durfte ich 1969 die Ansprache zur Weihnachtsfeier halten. Als Schüler! Natürlich waren manche Eltern entsetzt über das „Von wegen Frieden auf Erden“.

Weil ich immer wenig Geld hatte, vermittelten sie mir einen Nachhilfeschüler. Immerhin: mein Deutsch war so gut, dass ich jüngeren Gymnasiasten Grammatik und Rechtschreibung beibringen konnte.

Bei Volps konnte ich immer vor der Tür stehen, sie freuten sich – auch wenn sie manchmal wohl überrascht waren. Außer ihrer Wohnung in Darmstadt und später dann in Offenbach hatten sie ein Häuschen in Lindenfels im Odenwald, in das sie nach dem Ruhestand auch gezogen sind. Auch dort war ich oft zu Gast, wenn ich im Freizeitenheim der Stadt Darmstadt Betreuer bei Freizeiten war. Im Hof sind wir lachend Stelzen gelaufen.

Noch als Student und Vikar bin ich abends ab und zu in Offenbach bei ihnen vorbeigefahren, klingelte einfach und stand da. fand offene Türen, ein Glas Wein und tolle Gespräche.

Ihre beiden schon immer bildhübschen Töchter „Püppi“ Isabell und „Fränzi“ Franziska (was für schöne Namen für die damalige Zeit) habe ich aufwachsen sehen. Hinterher lachten wir ab und zu, wie Carlito am Darmstädter Oberwaldhaus verzweifelt rumlief „Hat jemand hier eine kleine Isabell gesehen?“.

Zuletzt traf ich Inge bei einer Feier zum 60jährigen „Jubiläum“ der Frauenordination. Wir verabredeten natürlich schnelles Wiedersehen, daraus ist nie etwas geworden. Im letzten Jahr ist Carlito gestorben und ich habe erst nach der Trauerfeier davon erfahren, Inge einen langen Brief geschrieben und wollte wieder vorbeikommen.

In meinem Alter sollte man das auch tun und nicht nur schreiben.

+++

Kinder, wie ich eins war – und vielleicht jedes Kind – , brauchen solche Menschen, die „von außen“ in ihr Leben treten, etwas in ihnen sehen, was werden kann, sie unterstützen und ihnen etwas vorleben.

Von Auschwitz aus erlebt: Invasion des Warschauer Paktes in die CSSR

Heute, am 21. August 2018, jährt sich zum 50. Mal die Besetzung der damaligen CSSR durch die Staaten des damaligen Warschauer Paktes.

Prager Einwohner vor sowjetischem Panzer
Prager Einwohner vor sowjetischem Panzer

Die DDR war an diesem Einmarsch nicht beteiligt. Nicht, weil sie nicht gewollt hätte, sondern weil sie nicht durfte. In Moskau wollte man nicht die Erinnerung an deutsche Besatzung provozieren. Die DDR-Führung empfand das als Diskriminierung und erfand Berichte über Mitwirkung der NVA (Nationale Volksarmee). Weiterlesen

Ostern damals – Teil II – Ostern auf dem Dorf

Eierkibbeln

Eierkibbeln
Eierkibbeln

Am aufregendsten war Ostern in Aumenau, jenem damals kleinen Dorf an der Lahn, in dem ich als Kind immer wieder war, weil dort meine Oma und mein Opa wohnten, in dem ich auch einmal, als meine Mutter krank war, die Schule besuchte. Da saß man noch im Pult mit Tintenfässchen, schrieb mit einem Griffel auf Schiefertafeln und bekam ab und zu von Lehrer Wenzel mit dem Rohrstöckchen auf die Finger geschlagen, wenn man böse war oder seine Fingernägel nicht sauber gemacht hatte, die man vorzeigen musste.

Ostern spielte sich dort vorwiegend nicht im eigenen Haus, sondern in der Dorfgemeinschaft ab.

Am Ostermorgen fanden wir Kinder im Hof irgendwo ein vom Osterhasen verstecktes Körbchen – das war wie zuhause in der Stadt. Aber jetzt ging es los.

In dem Körbchen war nämlich noch viel Platz. Und damit gingen wir dann von Haus zu Haus. Wünschten überall frohe Ostern und bekamen überall Eier in die Körbchen gelegt.

Das war immer noch nicht alles. Alle Kinder aus dem Dorf trafen sich dann an der Lahn. es eignete sich nur eine Stelle, die vor dem Hotel „Lahngold“, weil es da einen kleinen Abhang zur Lahn hin gab. Den brauchte man für da Eierrollen.

Es gab nämlich zwei Spiele da: das „Eierkibbeln“ und das „Eierrollen“

Beim Kibbeln stoßen die Kinder jeweils ein Ei gegen das eines anderen Kindes, vorsichtig, aber fest genug. Und das Ei, dessen Schale dabei platzt, bekommt das andere Kind.

Dann wurde das Eierrollen gespielt. Dazu musste man das Ei vorsichtig werfen, so dass es zwar möglichst weit kam, aber nicht kaputt ging. Wessen Ei heil blieb, der bekam die anderen.

Alle Kinder hatten durch das Sammeln bei den Nachbarn Unmengen von Eiern. Der Haken für mich war: ich aß damals gar keine gekochten Eier!

Aber zu meinem – natürlich nicht gezeigten – Staunen gab es immer Kinder, die man überreden konnte, ein Schokoladenei gegen zwei, drei oder meinetwegen zehn gekochte Eier zu tauschen.

Kindheit in den 50ern und frühen 60ern

Blick in unseren Hinterhof

Blick in unseren Hinterhof
Blick in unseren Hinterhof

Geprägt durch die Nachkriegszeit

Meine Kindheit war von der Nachkriegszeit geprägt. Nachkriegszeit, das bedeutete bei uns Armut, Trümmer, Gewalterfahrung in Schule und Familie, spießige Einengung. Der Krieg und seine Folgen waren noch allgegenwärtig.

Man war froh, den Krieg überlebt zu haben, trauerte aber vielfach den „guten“ Errungenschaften der Nazizeit nach. Das „Wirtschaftswunder“ hielt nur langsam Einzug, bei uns nur sehr langsam.

Im September 1944 war Darmstadt in einer Nacht in Schutt und Asche gefallen. Wir spielten in den Trümmern, die es überall um uns herum gab.

Familie

Wir waren vier Geschwister, außer mir eine ältere Schwester, ein jüngerer Bruder und eine „kleine“ Schwester, fünf Jahre jünger als ich. Zwei andere Schwestern, Zwillinge, waren beide kurz nach Kriegsende gestorben, noch bevor sie ein Jahr alt wurden.

Unsere Familie hatte einen alteingesessenen Handwerksbetrieb, mein Vater war Installateur- und Spenglermeister. Während der Nazizeit war er hauptberuflicher HJ-Führer und nach dem Krieg fand er mit dem Betrieb keinen Boden unter den Füßen.

Wir wussten damals oft nicht, wovon wir leben sollten. Als ich in die Schule kam, ging meine Mutter neben der Versorgung der vier Kinder (einschließlich Wäschewaschen ohne Waschmaschine) noch halbtags arbeiten. Erst Anfang der 60er änderte sich unsere Situation, als mein Vater bei den Amerikanern eine Stelle bekam.

Spielen

Das freie Spielen war die Kehrseite der Enge und Not. Wir durften überall spielen, soweit rausgehen, wie wir uns trauten. Trümmer waren eigentlich verboten, aber auch da galt, das man alles tat, was man sich traute, solange die Eltern nicht in Sicht waren und kein Erwachsener, der petzen konnte.

Auf dem Dorf

Ein anderer Teil meiner Kindheit spielte sich in einem Dorf ab. Aus Aumenau, einem kleinen Dorf an der Lahn kam meine Mutter und dort lebten meine Großeltern. ich war dort in fast allen Schulferien. Im ersten Schuljahr wurde meine Mutter krank und ich verbrachte ein Dreiviertel Jahr dort.

Jungschar

Mit 7 kam ich in die „Jungschar“. Die Zeit in der Evangelischen Jugend beeinflusste mein Leben außerordentlich. Jungschar war jeden Samstag um 3. Vorher ging’s in die Badewanne, die aus Zink. Sie wurde in der Küche auf zwei Stühle gestellt. Ziemlich schnell nach der Konfirmation, also mit 14 wurde ich dann schon selbst Jungscharleiter.

Schule

Mit 10 kam ich auf’s Gymnasium, für ein Kind aus einfachen Verhältnissen damals sehr ungewöhnlich. Ich spürte das sehr. nicht nur, dass ich eine andere Sprache lernen musste, das Hochdeutsche. Man spürte auch das Herabsehen der Lehrer und Mitschüler und immer wider war das Geld ein Problem.

Weiterlesen:

  • Episoden in den 50ern
  • Episoden in den 60ern
  • Leben in der Stadt
  • Leben im Dorf

1961: eine Mauer wird gebaut

1961 - Bundesarchiv
1961 – Bundesarchiv

Für heute¹ hat der rbb den „Zirkeltag“ ausgerufen. Die „Mauer“ in Berlin ist heute genauso lange weg wie sie gestanden hat, nämlich 28 Jahre, 2 Monate und 27 Tage. Anlass, meine Erinnerungen an die Mauer zu schreiben.

Am 13. August 1961 war ich in der Sexta, so hieß die 5. Klasse im Gymnasium damals. Wir mussten jeder ein besonderes Heft zur „Mauer“ und zum Leben in der „Sowjetisch Besetzen Zone“, der SBZ, anlegen. „DDR“ durften wir nicht sagen, später sagte man dann manchmal „Die Sogenannte DDR“.

In diesem Heft sammelten wir alles, was wir an Zeitungsartikeln oder ähnlichem finden konnten. Es sollte besonders schön geführt werden und wurde jede Woche eingesammelt. Ich weiß noch, dass ich einen Spottvers in Schönschrift hineinschrieb, den ich irgendwo aufgeschnappt hatte:

Keine Butter, keine Sahne –
auf dem Mond die Rote Fahne

Ein paar Tage nach dem Mauerbau begann die BILD-Zeitung die Tage zu zählen: „Schon soundsoviel Tage Mauer in Berlin“ las man da jeden Tag direkt unter dem BILD-Schriftzug. Tatsächlich hielt sie das dann ein paar Jahre durch. Irgendwann stellte sie das sang- und klanglos ein, man hatte sich an die Mauer gewöhnt.

Ich sah sie dann zum ersten Mal, als ich als Delegierter bei der Tagung der „Landesjugendkonvente“ der Evangelischen Jugend in Berlin war. Da traf man sich zunächst im Osten und Westen, um dann – heimlich natürlich – ein gemeinsames Treffen in Ost-Berlin zu haben.

Ich weiß nicht mehr, an welchem Übergang wir die Mauer passiert haben. Ich weiß nur noch, dass ich gefilzt wurde. Mein schöne Personalausweishülle wurde aufgeschlitzt, ob ich da irgendwas eingeklebt hatte.

Später war ich oft bei meinem Freund Peter, der in Kreuzberg in der Liegnitzer wohnte. Sozusagen um die Ecke saßen wir dann am Landwehrkanal und beguckten die Mauer.

¹ 5. Februar 2018