Kamille

„Er ließ das Wasser laufen, hörbar, während er sich mit einem Handtuch die Hände abrubbelte“ (Jonathan Franzen, Die Korrekturen)

Er ließ das Wasser laufen, hörbar, während er sich mit Kamille die Hände abrubbelte. Er hoffte, Camilla würde ihn nicht hören. Sie konnte fuchsteufelswild werden, wenn er das machte. Sie wusste, er dachte dabei an sie.

Heftig rubbelte er weiter. Seine Hände wurden schon gelb. Er blickte in seine Handflächen und rieb sie aneinander, zart.

Er liebte den Geruch von Kamille. So, wie er Camilla liebte. Vielleicht mehr noch – so wie er Friederike einmal geliebt hatte. Friederike hatte immer in Kamille gebadet, dann durfte er zusehen. Er vermisste diese Momente.

Der Geruch nach Kamille verbreitete sich im Zimmer. Intensiv, wie er ihn selten gerochen hatte.

Durch das laute Rauschen des Wassers hindurch hörte er, dass sich im Haus etwas bewegte. Hastig wusch er sich die Hände ab und legte die die Kamille in das Schränkchen, das er von seiner Oma geerbt hatte. Hinter die Bücher.

Er roch noch einmal an seinen Händen, dann drehte er sich um.

„Hallo, Camilla“ sagte er.

Schreibübung:
Nimm irgendein Buch aus Deinem Regal, schlage es irgendwo auf. Suche den 3. Satz auf der Seite links (oder was du dort für einen Satz hältst). Schreibe ihn ab.
Ersetze ein beliebiges Wort in diesem Satz durch das Wort „Kamille“. Bearbeite den Satz nun weiter oder schreibe ihn weiter oder… So, dass ein kleiner Text entsteht.

Erinnerungen: Weiß wie der Tod

Opa war der erste Tote, den ich sah. Mein lieber Opa. Mutti ging in die Schule und sagte dem Lehrer, dass wir zur Beerdigung fahren müssen. Er wollte das erst nicht erlauben, aber Mutti setzte sich durch. Natürlich.

Wir fuhren mit dem Zug 5 Stunden die 100 km an die Lahn. Opa lag auf dem Bett und sah schön aus. Später holten ihn Männer und trugen den Sarg durch das Dorf, die Familie ging hinterher. Alle standen auf der Straße, guckten sehr traurig und die Männer zogen den Hut ab. Sie gingen dann alle hinter der Familie her zum Friedhof, wo der Sarg in das Grab hinuntergelassen wurde.

Nach der Beerdigung ging man ins einzige Gasthaus, man aß „Leicheweck“ zum Kaffee und Zuckerkuchen und hinterher mussten wir Kinder zu den Leuten, die nicht kommen konnten, Kuchen und Weck bringen.

Zuhause mussten meine Geschwister wochenlang mit mir „Beerdigung“ spielen. Ich war der Pfarrer, einer musste sich ins Grab legen, ich habe etwas gesagt und wir haben gesungen.

+++

Er dachte als Kind schon manchmal an den Tod. Er stellte sich vor, wie es wäre tot zu sein und sagte sich dann, das müsse so sein wie vor seiner Geburt. Daran kann er sich nicht erinnern. Dann kann es auch nicht schlimm gewesen sein. Also könne es auch nicht schlimm sein, tot zu sein.

Er hatte eine Todessehnsucht in sich, dachte auch oft an Selbstmord. Sein Vater hatte damit auch oft gedroht. „Mich seht ihr nie mehr wieder“, hatte er dann gesagt, sich den Mantel angezogen und war zur Tür gegangen. Und er hatte dann sich dann weinend an seinem Mantelsaum geklammert.

Manchmal hörte er später auf der Schallplatte das Lied von Hermann Van Veen „Da war ein Man, der wollt so gerne nicht mehr leben“. Und dem immer etwas dazwischen kam. So ging es ihm auch. Erst viel später hatte er den Gedanken nicht mehr, vielleicht erst, als es seinen Enkel gab.

Nur der Gedanke beunruhigt ihn immer noch, dass es vielleicht keine Möglichkeit geben könne, aus dem Leben zu gehen.

+++

Die zweite Leiche sah ich mit 18. Ich war bei den Johannitern und das war unser erster Autobahneinsatz. 20 km sind wir mit unserem Opel Blitz in der Nacht zum Zweiten Weihnachtsfeiertag zu einem Unfall über die eisglatte Straße gefahren. Die Polizei hatte ein Blaulicht fünf Meter hoch ausgefahren. Wir fuhren an dem Unfallauto vorbei und im Vorbeifahren sah ich schon den Mann neben dem Auto liegen – so weiß, wie ich noch nie jemanden gesehen hatte.

„Da braucht ihr nichts mehr zu machen, der ist tot“, sagte ein Mann, der dabeistand. Woher er das wisse? Er sei Arzt, aus dem kleinen Krankenhaus in der Nähe extra gekommen. Später im Krankenhaus hat er dann die junge Verlobte des Toten an der Hand gefasst, als sie nach ihrem Freund fragte: „Du musst jetzt ganz stark sein“.

Wir mussten ihn auf der Autobahn liegen lassen. Tote dürfen nicht in den Rettungswagen. Unterwegs hatte sie immer wieder gefragt. „Er kommt in einem anderen Wagen“ hatte ich gesagt.

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Was ist der Tod? Ich weiß es nicht. – Die Frage beschäftigt die Lebenden, nicht die Toten, habe ich einmal gelesen. Ich fand das beruhigend.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Schreib über Sterben. Den Tod, den Verlust. Heul dir die Augen aus dem Kopf beim Schreiben. Es bringt dich nicht um.

Der alte Trick: In der dritten Person zu schreiben, wenn es zu kompliziert oder zu traurig wird. Das macht es oft leichter, manchmal kann man sogar ehrlicher sein in als in der ersten Person.

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Erinnerungen: Freundinnen und andere Probleme

Wie gerne hätte ich eine Freundin gehabt. Aber es ging nicht. Ich hätte mich nie getraut, sie mit zu uns nach Hause zu bringen.

Meine Geschwister machten das, aber ich habe mich viel zu sehr für den Hinterhof geschämt, in dem wir wohnten und das kleine Zimmer, das ich mir mit meinem Bruder teilte.

Es war wohl so, dass man als Arbeiterkind, das aufs Gymnasium ging, damals in zwei Welten lebte, die sich nicht miteinander vereinbaren ließen.

Es gab Mädchen, die standen dann einfach bei uns im Hof. Mir war das entsetzlich peinlich.

Wie gerne hätte ich eine Freundin gehabt. Aber es ging nicht. Ich hätte mich nie getraut, sie mit zu uns nach Hause zu bringen.

H. lernte ich auf der Skifreizeit kennen. Ein unglaublich schönes Mädchen – und sie verliebte sich in mich – ein Wunder. Auf dem Rückweg von Südtirol im Bus küssten wir uns ununterbrochen. Das Lied „Hej – du bist Musik für mich“ werde ich deshalb nie vergessen, das spielte immer wieder.

Der Diakon schwärmte meiner Mutter vor, was für ein tolles Mädchen ich da habe. So klug, so nett, so hübsch. Meine Mutter wollte sie natürlich kennenlernen, ich vertröstete sie.

Wir trafen uns sonntags beim Tanztee der Tanschule und schrieben uns liebe Briefe. Mehr ging nicht. Ihr Vater war Professor.

Ich brach den Kontakt ab und war totunglücklich. Eines Abend rief ein Schulkamerad an und fragte, ob ich nicht zu seiner Party kommen wolle, ein Mädchen warte da auf mich. Es brach mir das Herz und ich heulte fürchterlich.

Ich begnügte mich damit, bei allen möglichen Gelegenheiten – und die gab es in diesen späten 60er viele – herumzuknutschen. Und nicht nur das. Bei McKinsey hatte ich gelesen, dass man das „Petting“ nannte.

Anscheinend fanden die Mädchen mich auch gut.

Zum ersten Mal „richtigen“ Sex hatte ich im hohen Alter. Mit 21, auf einem Seminar. Wieder ein unglaublich schönes Mädchen, wilde rote Locken. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick bei uns beiden.

Nach dem Sex fragte sie mich, ob ich eine Freundin habe – und ich schämte mich wieder. Diesmal dafür, keine Freundin zu haben. Also sagte ich „Ja“,

Das war eindeutig das kleinere Übel. Schließlich war es völlig in Ordnung Sex neben einer Beziehung zu haben. Aber es war nicht in Ordnung, keine Freundin zu haben. Den begriff „Looser“ kannten wir damals noch nicht.

Ich konnte toll Briefe schreiben und ich spannte einem anderen Jungen ein Mädchen aus. Die nahm ich sogar zu einem Abendessen bei meiner Schwester mit der ganzen Familie mit. Meine Schwester war baff: „Wo hast Du die denn kennengelernt, die ist ja sooo hübsch…“

Meine Freundinnen mussten schön sein. OK fand ich das nicht von mir.

Bei ihr zuhause küssten wir uns, ich durfte ihren schönen Busen streicheln und sie ließ mich einen Blick in ihre Schreibtischschublade werfen, wo die Pille lag.

Ich natürlich traute mich nicht mehr als ein bisschen rumzumachen. Natürlich sprachen wir nicht darüber.

Sie hat dann bald Schluss gemacht. Das hätte ich auch an ihrer Stelle.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
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Verloren gehen

Meine Mutter hat mich im Kaufhof verloren. Oder ich habe sie verloren. Ich laufe nur um einen Kleiderständer herum, dass sie mich nicht sieht und schon ist sie weg. Ich laufe in die andere Richtung, aber da ist sie auch nicht. Ich suche und suche und finde sie nicht. Ich bin verzweifelt. Ohne sie werde ich nie wieder nach Hause finden. Die „Stadt“ ist ganz weit von unserem Haus weg.

Irgendwann findet eine Frau den weinenden kleinen Jungen und nimmt ihn an die Hand. Er ist so verzweifelt, dass er mitgeht. Obwohl er weiß, dass er das nicht darf und Schlimmes passieren kann.

Sie durchqueren das ganze Kaufhaus bis zu einem kleinen Zimmer. In dem sitzt eine andere Frau, die ihn nach seinem Namen fragt. Den weiß er schon: „Horst Pohl“, flüstert er schluchzend.

Die Frau sagt etwas in ein merkwürdiges Gerät und dann hört er im Lautsprecher: „Der kleine Horst Paul sucht seine Mutter“. Da heult er noch einmal laut los. Seine Mutter wird ihn nicht finden, er heißt ja gar nicht Horst Paul, sondern Horst Pohl. Sie weiß bestimmt nicht, dass er das ist.

Seine Mutter wird ihn nicht finden, er heißt ja gar nicht Horst Paul, sondern Horst Pohl. Sie weiß bestimmt nicht, dass er das ist.

Aber dann steht sie da. Sie hat ihn tatsächlich auch gesucht. Plötzlich sei er weg gewesen und niemand habe ihn gesehen.

In dem anderen Kaufhaus fahren wir immer mit dem Fahrstuhl. Den bedient ein einarmiger Mann, der Fahrstuhlführer. Jeder kennt ihn. Den Arm hat er im Krieg verloren.

Wie mein Onkel sein Bein und Herr R. im Vorderhaus den Mittelfinger. Das sieht ganz furchtbar aus, man hat richtig Angst vor ihm.

Es muss schlimm sein, im Krieg ein Bein zu verlieren. Ein Panzer ist dem Onkel über das Bein gefahren und da mussten sie es ihm wegnehmen. Jetzt steht das Holzbein nachts neben seinem Bett. Einmal habe ich das gesehen, aber die Tante hat schnell die Tür zugemacht, weil ich sowas nicht sehen soll. Wie das wohl für meine Tante ist, ihn immer mit dem abbenen Bein zu sehen.

Wenn er abends mit dem Zug kommt und ich ihn am Lahnbahnhof abhole, muss er immer sein Bein hinterher ziehen und ich muss langsam gehen.

Aber noch schlimmer ist, dass meine Tante ihren Bruder sucht, der aus dem Krieg noch nicht zurückgekommen ist. Es werden viele noch vermisst und sie hoffen, dass er irgendwann doch noch wiederkommt. Wie er wohl aussieht? Komisch, dass ich einen Onkel habe, den ich gar nicht kenne.

Wie die Zwillinge, die meine Mutter verloren hat. Das wären meine Schwestern gewesen, aber ich habe sie auch nicht gekannt. Sie sind kurz nach der Geburt gestorben und liegen jetzt nebeneinander auf dem Friedhof und wir gießen immer die Blumen.

Manchmal wollte ich auch verloren gehen, damit meine Eltern mich suchen und wissen, was sie an mir haben. Am liebsten hätte ich gehabt, dabei zusehen zu können. So setzte ich mich in einen Verschlag im Hof und heulte.

Ein anderes Mal wollte ich abhauen und nie mehr zurück kommen. Aber ich bin nur bis Langen gekommen. Der Wind hat mir auf dem Fahrrad zu sehr in Gesicht geblasen. Ich kam nur mit Mühe wieder nach Hause.

Einmal habe ich einen Freund verloren. H-G, wir waren unzertrennlich. Er hat mich geschlagen und ich bin gegangen. Später kam er und hat sich entschuldigt, aber es war nicht mehr wie vorher.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

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Erinnerungen: Kleidungsstücke

Ganz, ganz, ganz früher haben wir noch Leibchen getragen. So klein ich war, erkannte ich die Schmach: als Junge ein Leibchen tragen. Als Junge!

An Strapsen wurden mit einem Pfennig – weil der ursprüngliche Knopf meist verloren gegangen war – lange Strümpfe befestigt.

Ich hasste lange Strümpfe. Mein einziges Glück war, dass ich nicht wie andere Buben lange Strümpfe unter kurze Hosen anziehen musste. Zu kurzen Hosen gab es nur Kniestrümpfe. Ich glaube, Socken gab es gar nicht.

Die Leibchen wurden abgeschafft, als es Strumpfhosen gab. Die hasste ich genauso. Ich schämte mich immer furchtbar in ihnen, wenn ich im Hallenbad in die Sammelumkleidekabine musste. Dann habe ich mich in eine Ecke gestellt und rumgetrödelt, bis ich mich unbeobachtet fühlte und das Ding überziehen konnte.

Manchmal schaffte ich es, mich in eine Einzelkabine zu schmuggeln. Das war für Kinder verboten, aber wenn man drin war, war man eben drin. Vor allem wegen der grünen Strumpfhosen liebte ich Einzelkabinen.

Deshalb fand ich es toll, als mir ein netter Mann einmal sagte, ich dürfe mit ihm in seine Kabine kommen. Ich sagte ja, aber dann plötzlich bekam ich weißnichtweshalb Angst und ich habe mich vor ihm versteckt.

Wir hatten natürlich nur selbstgestrickte Pullover. Die kratzten ganz fürchterlich und ich hasste sie auch. Ich glaube, ich habe jedesmal geheult, wenn ich einen über den Kopf gezogen bekam . Sie waren natürlich eng und man musste durch einen langen Höllentunnel durch, bis man oben wieder rauskam.

Wahrscheinlich wollte ich deshalb später lange keine Pullover anziehen und erst langsam finde ich Gefallen daran. Aber immer noch hasse ich Rollkragenpullover, weil man bei ihnen auch durch diesen Höllentunnel muss wie bei den Kratzepullis und sie so eng um den Hals liegen, dass man erstickt.

Als Hosen hatten wir Sommers wie Winters Lederhosen. Im Sommer kurze, im Winter dreiviertellange. Mit einer Tasche an der Seite, um ein Messer reinstecken zu können und einen Hirschen am Träger, um einen Groschen reinstecken zu können, wenn man einen hatte.

„Heil Hitler“ haben Kinder gegrüßt, als ich mit 13 zum Schüleraustausch in England war und mit meiner „Leaderhose“ auftauchte.

Luba hatte auch eine Lederhose. Sie kam damit in die erste Klasse und ich verliebte mich sofort in sie. Dass Mädchen Hosen tragen können, hatte ich noch nie im Leben gesehen. Und dann Luba mit ihren schwarzen Augen und Locken.

Sie hat mich glaube ich keines Blickes gewürdigt. Meine erste heimliche Liebe. In ihrer Lederhose. Mit rotem Träger.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Schreib über ein Kleidungsstück, dass du als Kind hattest; Dass du geliebt oder gehasst hast, das wie eine Rüstung für dich war oder dich der Lächerlichkeit preisgegeben hat.

Erinnerungen: Essen, Krank sein

Beim Essen saßen wir immer um den großen Tisch in der Küche, Mutti am Kopfende, dann neben ihr Vati, dann die Kinder, nach Alter geordnet.

„Nicht mal beim Essen kann man in Ruhe Nachrichten hören“, sagte mein Vater manchmal, der eigentlich am Tisch fast nie etwas sagte, stand auf und schleifte sein Messer unten am Teller. Ein Quietschgeräusch, das ich nicht ausstehen konnte.

Er aß manches nicht, vor allem keinen Fisch, deshalb gab es den nur, wenn er nicht da war. Abends aß er am liebsten seinen „Stinkekäse“ Romadur. Manchmal machte er sich auch „Handkäs mit Musik“. Natürlich bekam er, wenn es mal Fleisch gab, das größte Stück ab. Bei Fleisch und beim Nachtisch passten wir immer genau auf, dass jeder gleich viel bekam, außer Vati natürlich.

Am liebsten mochte ich, wenn Mutti Grießbrei machte, dann malte sie mit Marmelade ein lachendes Gesicht auf den Brei und voll Lust konnte man dann das Gesicht zerrühren.

Mein Bruder mochte keine Kartoffelklöße. Weil ich neben ihm saß, sah ich immer, dass er die Stücke hinter die Eckbank warf. Das war ein stabiler „Rollschrank“ und man konnte nicht dahintersehen.

Gleich als ich aufs Gymnasium kam, gewöhnte ich mir an, nach dem Essen mit meiner Mutter eine Tasse Kaffee zu trinken, danach legte ich mich lang auf den harten Rollschrank und schlief da erst mal.

Morgens gab es Haferflocken. Heute würde man „Müsli“ sagen, aber den Begriff gab es noch nicht. Wir bekamen Haferflocken, einfach Mit etwas Milch verrührt oder auch mal mit etwas Kakau. Feine Haferflocken mochte ich nicht und schon gar nicht Haferschleim oder Haferflockensuppe. Die sollten wir essen, wenn wir krank waren, aber ich musste darauf brechen.

Noch heute liebe ich es hingegen, ein Glas warme Milch mit Honig zu trinken, wenn ich krank bin. Das ist Labsal für die Seele.

Krank sein war in unserer Familie immer etwas Besonders. Kranke Kinder bekamen besondere Fürsorge. Das Zimmer wurde verdunkelt, eine Decke über die Stehlampe gehängt. Wer krank war, durfte sich wünschen, was es zu essen geben sollte. Man musste aber aufpassen, dass man keinen Hunger zeigte, das war ein Zeichen für Gesundheit.

Die andere Grundbedingung war: man musste im Bett bleiben. Wer aufstehen konnte, wurde schnell für gesund erklärt.

Noch heute habe ich ein ambivalentes Verhältnis zum Kranksein. In gewisser Weise genieße ich es immer noch.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

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2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Schreibe über das Essen in deiner Kindheit. Wer saß mit am Tisch?

Erinnerungen: Zimmer, Hof, Gärtchen

Die ersten Erinnerungen sind die an die beiden Zimmer, in denen wir zuerst wohnten. „Hausten“ muss man eher sagen.

Zwei kleine Zimmer, eine klitzekleine Küche mit wohl nicht mehr als 2 m² und ein kleines Klo. Zwei Erwachsene und zwei Kinder, kann sein, dass wir so auch noch wohnten, als mein Bruder schon auf die Welt gekommen war. Also drei Kinder.

Ich schlafe mit meiner großen Schwester im hinteren Zimmer, durch die Tür kommt man nach vorne ins Wohnzimmer. Es ist dunkel, ich klettere aus dem Bett und tappe barfuß über die alten rotgebohnerten Holzdielen. Den schwarzen Bakelittdrehschalter berühre ich nicht, meine Schwester soll nicht aufwachen. Meine Eltern sind nicht da, sie sind wohl im Vorderhaus bei G’s Fernsehgucken. Das machen sie oft. Später darf meine Schwester manchmal mit, dann passe ich auf meine mittlerweile zwei kleinen Geschwister auf.

In der Küche ist ein Minifensterchen, durch das man nach hinten in einen anderen Hof gucken kann. B’s haben hier zwei große Bulldozzer stehen. Die sehen aus wie die Traktoren bei Oma, sind aber noch viel größer.

B’s haben auch einen großen schwarzen Hund., der frei im Garten herumläuft, einem schönen großen Garten. Manchmal kann ich nicht fassen, dass direkt an unser Haus ein so schöner Garten grenzt. Aber wir dürfen nicht hinein. Bei uns gibt es nur ein kleines „Gärtchen“, das vom gepflasterten Hof abgegrenzt ist.

Im Gärtchen steht eine Teppichstange, an der wir manchmal turnen können und unter einem Wellblechdach hängen Wäscheleinen. Im Winter gefrieren die Hemden an der Leine und man muss aufpassen, dass man nicht die Ärmel abbricht, wenn man sie von der Leine nimmt.

An eine Wand hat mein Vater Bohnen gepflanzt, deshalb gibt es immer Bohnen. Ich hasse Bohnen. Aber es gibt sie in allen Variationen und es ist genug da, dass sie für den Winter noch eingemacht werden.

Im Hof und im Gärtchen treffen wir uns mit den anderen Kindern im Haus zum Spielen. Wer mit den Hausaufgaben fertig ist, klingelt bei den anderen: „Darf der Klausi“ rauskommen?“

Wir heißen eigentlich alle mit i, Horsti, Wolfi, Klausi, Gardi. Nur Fritz ist das Fritzje. Und manche Namen gehen einfach nicht mit i.

Das Problem ist in der Küche, dass ich zu klein bin, um durch das Fensterchen zu gucken. Und weil die Küche so klein ist, steht der Backofen direkt vor dem Fenster. Eigentlich ist das praktisch, ich kann die Klappe aufmachen, mich draufstellen und rausgucken.

Das ist wohl meine erste Erinnerung: ich stelle mich auf die Klappe vom Backofen und sie bricht ab. Ich falle auf den Boden, tue mir ziemlich weh. Aber schlimmer ist, dass meine Mutter sehr traurig ist, weil der Backofen kaputt ist. Ein neuer kostet viel Geld und das müssen wir erst mal haben.

Von meinem Vater bekomme ich mit dem Kochlöffel. Vielleicht auch mit dem Teppichklopfer, das weiß ich nicht mehr so genau. Mit dem Schürhaken sicher nicht, das war nur ein paar Mal, wenn’s besonders schlimm war.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Gehe durch die Wohnung Deiner Kindheit, gehe in die verschiedenen Zimmer. Lass Dich nicht unterbrechen.

Erinnerungen: Kinderbuch, Möbel…

Als Kind habe ich alles gelesen, was ich in die Finger bekam. Wirklich alles. Zeitungen, Werbezettel, Flaschenetiketten und natürlich Bücher.

Mein liebstes „Kinderbuch“ war das Neue Universum. Das war ein dicker Wälzer, jedes Jahr neu. Ganz unterschiedliche Geschichten waren da drin.

Abenteuergeschichten aus der ganzen Welt. Von einem „Hobo“, der auf dem Dach eines Zuges durch den ganzen Wilden Westen fährt. Berichte aus der Forschung, in denen ich erfuhr, dass man bei Autos im Jahr 2000 nur noch einen Knopf drücken müsste, um an ein bestimmtes Ziel zu kommen. Die Waschmaschinenprogramme seien ja schon so weit. Und warum sollten Autos nicht in Zukunft auf Fließbändern transportiert werden? Und dass ein Zug nie schneller als 100 Stundenkilometer fahren könnte, weil sonst die Vögel nicht mehr ausweichen können. (Für den Begriff „Stundenkilometer“ wurden wir in der Schule bestraft. Die gibt es nicht nur km pro Stunde.)

Und dass man irgendwann einmal statt mit Geld mit einer Art Schlüssel bezahlen wird, den man einfach in die Kasse steckt.

Eine ganze Welt tat sich da vor mir auf in den 50er Jahren. Wie auf dem Dachboden meiner Großeltern. Da gab es verstaubte Möbel, einen Schwellkopp, eine verstaubte Spinnmaschine und kistenweise Bücher. Daneben die Jerry-Cotton-Romane von Onkel W.

Alle habe ich gelesen, nachts im Bett die Bücher ausgelesen, vorher konnte ich nicht schlafen. Egal, ob das Opernlexikon oder das Gesangbuch, ein Liebsroman oder ein Handbuch der Hitlerjugend. Alles wurde von mir von vorne bis hinten gelesen.

Das geheimnisvollste Möbelstück in unserer Wohnung war das Vertiko. Obendrauf stand ein Samowar und die große Schublade, für die ich auf einen Stuhl steigen musste, war gefüllt mit Hunderten von Bildern und Geheimnissen meines Vaters.

Ich habe grundsätzlich alles durchwühlt. Ich musste einfach alles wissen, musste alle Geheimnisse ergründen. Es gab da welche.

Unser großer Tisch in der Küche war ein riesiger Ausziehtisch aus Eiche. Darauf wurde so ziemlich alles gemacht. Essen vorbereitet, zu sechst daran gegessen, wir haben daran Hausaufgaben gemacht und zum Bügel wurde ein dicker Kolter auf den Tisch gelegt.

Eines Tages kam ein Mann, redete eine Zeit mit meiner Mutter und ich sah, dass er etwas unter den Tisch klebte. Meine Mutter weinte.

Der Gerichtsvollzieher war öfters bei uns zu Gast und ab und zu musste ich ihm Geld bringen. Aber der Tisch blieb uns erhalten, der Kuckuck klebte bis zum Schluss darunter.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Erinnere dich an ein Kinderbuch. An die Bilder und daran, was sie ausgelöst haben. Wo hast du das Buch gelesen? Mit wem?
Schreib zehn Minuten über ein Möbelstück, an das du dich erinnerst.

Erinnerungen: Haut, Pickel, Rassismus

Ich erinnere mich,

dass ich als Kind jeden Sommer einen furchtbaren Sonnenbrand hatte und hohes Fieber bekam. Sonnenöl gab es nur mit geringer Wirkung und war viel zu teuer. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass ich immer, wenn ich aus dem Wasser komme, sofort ein T-Shirt anziehen muss.

Ich war sehr stolz darauf keine Pickel zu haben wie viele andere Jungen, auch später in der Pubertät nicht. Ich habe meine Haut gerne angesehen und manchmal gestreichelt.

Das einzige, was mich störte, war, dass ich viele Leberflecke hatte. Ich glaube, das stimmte gar nicht, aber ich hatte jedenfalls überall Leberflecke.

Ich dachte, jeder müsste das sehen und was würden sie dann von mir denken? „Der mit den vielen Leberflecken“?

Also legte ich immer ein Handtuch über die Schulter, betont lässig, aber so dass man möglichst keine Leberflecken sehr konnte.

Einen besonders dicken Leberfleck am Bauch hat mir mein Bruder im Streit einmal rausgerissen. Beim Spielen in der Trümmer hatten wir Krach bekommen. Es hat furchtbar geblutet und weh getan. In das alte Poesiealbum meiner Mutter schrieb er dann „Wenn dir dein Bruder weh getan, sei wieder gut und denk nicht dran…“

Vor dem Hallenbad habe ich auch zum ersten Mal einen Neger – wie wir damals noch arglos sagten – gesehen. Jedenfalls bewusst gesehen. Er wollte ins Hallenbad, was ich irgendwie merkwürdig fand.

Ich habe nie ganz verstanden, was an der Bezeichnung „Neger“ rassistisch ist, aber ich halte mich daran, weil jeder einfach darüber selbst entscheiden kann, wie er benannt werden will. Oder er oder sie oder wie immer man heute sagt.

Didi sagte damals: „Guck mal, da kommt ein Brikett“. Das fand ich gemein, heute würde ich „rassistisch“ sagen. Aber ich mochte Didi trotzdem. Er war ein Jahr älter als ich und ein toller Junge. Er wohnte nebenan in einem Haus, das noch finsterer war als unseres. Ein richtiges Loch, fand ich.

Meine Haut macht mir selten zu schaffen. Ab und zu taucht eine Allergie auf, dann bekomme ich vom Arzt eine Salbe und sie ist wieder weg,

Schreib über deine Haut. Über Pickel, Deine Hautfarbe, Deinen Rassismus.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

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2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Die Themen leiten sich aus einer Erinnerung ab, die sie selbst geschrieben hat.

Leben Schreiben Atmen

So heißt ein Buch von Doris Dörrie, in dem sie anleitet, die eigene Lebensgeschichten zu schreiben.

Darin schreibt sie selbst wunderbare kleine Geschichten und rät:

Der Schlüssel zum Schreiben ist, nicht nachzudenken, um die Inspiration nicht zu unterbrechen, Probier es aus. Schreib los. Jetzt!

Dafür drei Regeln:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Ich habe nicht sofort angefangen. Erst einmal habe ich ein paar Abende in ihrem Buch gelesen. Aber jetzt geht es los.