In den Trümmern

Natürlich hatte man uns verboten, in den Trümmern zu spielen. Und dass es gefährlich war, das wussten wir selbst.

Aber wir spielten nicht in den Trümmern. In den Trümmern kämpften wir uns durch Dickicht, kletterten über Geröll und manchmal auf Stahlträgern über dunkle Höhlen. In den Trümmern versteckten wir uns, zogen uns dahin zurück, wenn wir nicht gefunden werden wollten. Alleine oder zu mehreren, wenn es etwas Verbotenes zu tun gab.

Und was waren Verbote? Später habe ich in den Vorlesungen gehört: Arbeiterkinder halten sich an Verbote allenfalls aus Angst vor Strafe. Anders die Bürgerlichen, die Gebote und Verbote in ihr Innerstes als Eigenes aufnehmen. Ich war wohl irgendetwas dazwischen. Mein Gewissen meldete sich oft, viel zu oft. Aber nicht, wenn etwas verboten war. Nur, wenn etwas nicht richtig war. Stehlen war nicht richtig, Lügen war nicht richtig, Widerworte geben war nicht richtig. Gab es sonst noch etwas, was nicht richtig war? Anderen Kindern oder Tieren weh tun, also richtig weh tun, war auch nicht richtig. Sonst fällt mir nichts ein, was nicht richtig ist. Damals nicht und heute eigentlich auch nicht. In Trümmern herum zu klettern war gefährlich und verboten, aber richtig.

Eine Trümmer gab es im Hinterhof, in dem wir wohnten. Später gab es noch eine, als der starke Kasimir mit meinem Vater die Werkstatt abgerissen hatte. Aber die Trümmer eines abgerissenen Gebäudes sind etwas ganz anderes als die Trümmer eines verbombten Hauses.

Blick in unseren Hinterhof
Links die „neue“ Trümmer, rechts die alte, schon abgerissen

Die Mauern der Trümmer ragten bis in die Mitte des ersten Stocks. Guckte man hoch, sah man im oberen Mauerteil drei Fensteröffnungen, keine hatte mehr einen oberen Abschluss, links und rechts ragten jeweils Mauerreste in den Himmel und dazwischen sah man Gestrüpp herausragen.

Im Erdgeschoss waren die Tür und die beiden Fenster von innen mit Brettern vernagelt. Damit keine Kinder hineinkonnten.

Wenn man aber auf das Dächelchen – das Wellblechdach des angrenzenden Schuppens – kletterte, von dem aus man auch an die Stube des Bäckergesellen hätte klettern können oder hinunterspringen in den dunklen kleinen Nachbarhof, dann konnte man von da aus auf die Reste der Seitenmauer der Trümmer gelangen und sich von dort hinunterlassen in den dichten grünen Dschungel unserer Trümmer.

Später schafften wir es, den Bretterverschlag der Türöffnung aus seiner Verankerung zu drücken, so dass man sich dann hindurchzwängen konnte, wenn man sich ganz dünn machte.

Zum Glück hatte das Haus, das die Amis zerbombt hatten, keinen Keller. Die andere, die spätere Trümmer, hatte einen Keller. In dem Keller war meine große Schwester noch eingesperrt worden, weil sie etwas nicht essen wollte. Trümmer mit Kellern waren noch gefährlicher, weil man in tiefe Löcher stürzen konnten. Dafür waren sie aber auch noch abenteuerlicher, weil man über wuchtige Stahlträger balancieren konnte. In unserer Trümmer konnte man sich nur den Fuß verstauchen, wenn man einen Weg über die Steinhaufen suchte oder man konnte sich das Bein aufreißen, wenn man an einem der vielen rostigen Metallteile hängen blieb. Natürlich hätte auch noch eine Handgranate oder so etwas irgendwo liegen können oder eine Leiche.

Nach und nach holten wir alles, was irgendwie aus Metall war, raus. Wenn wir Glück hatten, kam der Lumpenhändler am Haus vorbei mit seinem von weitem zu hörenden Ruf „Lumpe, Alt Eise, Babier“. Oder wir zogen mit dem Leiterwagen in das dunkle Gassengewirr, in dem er seinen Laden hatte. Irgendwas zwischen 5 und 20 Pfennig bekamen wir oft dafür. Für 10 Pfennig konnte ich mir dann bei Frau Benz ein Eis holen und für 5 Pfennig gab es eine Tüte Brause.

Als im Vorderhaus die deckenhohen grünen Kachelöfen den platzsparenden Kohleöfen weichen mussten, lud mein Vater die Kacheln in die Trümmer ab. Es machte einen Heidenspaß, die in meiner Erinnerung wunderschönen grünen Reliefkacheln zu zerschmeißen. Warf man sie richtig gegen eine Mauer, zerschellten sie laut und ihre Teile flogen in alle Richtungen.

Die Stufen vor der Bretterverschlag waren ein guter Platz, auf den sich zwei oder sogar drei Kinder nebeneinander setzen konnten, um etwas zu besprechen oder um auf den Pflastersteinen davor Zündplättchen aufschlagen zu können.

Da, wo später eine Hauptstraße durchgeführt wurde, gab es auch ein Trümmergundstück. In der Mauer gab es kleine Öffnungen. Einer aus meiner Klasse verriet mir ein Geheimnis. Wenn man in diese Öffnungen etwas hineinlegte und die Öffnung dann mit einem Stein verschloss, lag einen Tag später Geld darin.

Ich glaubte das nicht wirklich. Und ich wusste auch, dass der Junge einer von den Frechen war. Aber ich tat es trotzdem. Nachher schämte ich mich, weil er anderen erzählte, wie blöd ich war.

Ausländisch essen gehen

Am Sonntag gab es drüben in meiner Sonntagsküche mal wieder „ausländisches“ Essen. Das ist heute ja nichts Besonderes mehr. Eher im Gegenteil: der Trend geht in Richtung „Regionale Küche“. Aber Anlass für mich, mal über die Geschichte des „ausländischen Essens“ zu schreiben.

Meine Eltern weigerten sich lange, „ausländisch essen“ zu gehen. Gut, man ging überhaupt selten auswärts essen. Der Inbegriff von „schön essen gehen“ war eigentlich der Wienerwald mit seinem genialen Werbespruch

Am Sonntag bleibt die Küche kalt,
da geh’n wir in den Wienerwald

Meine Mutter liebte es hingegen, ins Café zu gehen. Natürlich behielt sie immer den Hut auf, wie es sich für die Damen von Welt gehörte. Und natürlich hatte sie in der Handtasche einen praktischen Haken, um selbige Handtasche stilsicher an den Tisch hängen zu können.

Wenn sie mich mit „in die Stadt“ nahm, um etwas für mich einzukaufen, wusste ich schon, dass wir anschließend bei Kaufhof oder Henschel & Ropertz ins Cafè gingen. Das gehörte sich so, auch wenn wenig Geld da war.

Es war wohl Ende der 60er Jahre, dass wir die Beiden zum ersten Mal zu einem gemeinsamen Besuch eines „Italieners“ überreden konnten. Lange hatten wir ihnen vorgeschwärmt, wie gut so eine Pizza sei, die sie selbstredend noch nie gegessen hatten.

Die ersten Italiener

Dabei hatten wir in Darmstadt das Glück, schon früh eine eine vergleichsweise große Anzahl an „Pizzerias“zu haben. Und bei einigen gab es ausgezeichnete Pizze für billiges Geld. Wie zum Beispiel beim „Prinz Heinrich“ oder beim „Alten Rehberger“. Traditionslokale, die früh von einem Italiener übernommen wurden.

Was soll ich sagen: die Pizza beim Alten Rehberger hat ihnen wirklich geschmeckt. Nicht schön fand Mutti, dass ich sie überredete, doch auch mal diese kleine grüne Bohne zu probieren, die sich dann als Peperoni entpuppte, auch etwas, was sie noch nie gesehen geschweige denn geschmeckt hatte. Sie hat mir fast ein bisschen leid getan.

Italiener kamen ab 1955 nach Deutschland. Da hatte Adenauer mit Italien ein „Anwerbeabkommen“ geshlossen und mit den Italienern kamen die ersten „Gastarbeiter“. Viele arbeiteten im Gaststättengewerbe. Mit der Zeit gründeten einige eigene Restaurants, vor allem aber in den 70er Jahren, als eine Welle der Arbeitslosigkeit kam. Viele hatten den Beruf nicht gelernt.

Irgendwann wurde klar, dass die meisten „Gastarbeiter“ nicht in ihre Heimatländer zurückgingen und aus „Gastarbeitern“ wurden Migranten und schließlich Deutsche.

Die Vorläufer

Ungarische Küche

Später kam eine Erinnerung hoch, dass wir doch einmal ausländisch gegessen haben. Ich musst extra nachforschen, ob das stimmte oder ob ich mich täuschte. Und ja. Es gab in „St. Stephan“ ein ungarisches Lokal., bei dem wir im Garten gesessen und irgendetwas mit Paprika gegessen hatten.

Mitte der 50er Jahre war in Darmstadt die Siedlung „Sankt Stephan“entstanden, in der Vertriebene aus Ungarn angesiedelt wurden. Sie erhielten dort für je zwei Familien Platz für ein kleines Häuschen, das mit erheblicher Eigenhilfe gebaut wurde. Dazu gab es auch ein Stück Land, auf dem für die kärgliche Selbstversorgung Schweine gemästet und Mais, Kartoffeln und eben Paprika angebaut wurden. Bis dahin war das nahezu unbekannt, aber so gab es auf dem Darmstädter Wochenmarkt eben auch früh schon Paprika zu kaufen.

Die Siedlung lag neben dem ehemaligen Militärflugplatz auf dem „Griesheimer Sand“, wo mein Vater bei Stars & Stripes arbeitete. Kollegen von ihm hatten ihm wohl vorgeschwärmt, wie gut man dort essen konnte.

Die Jugoslawen

„Balkan-Grills“ waren mit die ersten ausländischen Gaststätten, manche wurden schon Anfang der 50er Jahre von displaced persons, heimatlosen Ausländern nach dem Krieg gegründet.

Ich erinnere mich aber nicht, dass es in Darmstadt früh einen „Jugoslawen“ gab. Erst mit zwanzig war ich beim ersten „Jugoslawen“, wie sie damals noch alle hießen.

Ich war damals Praktikant in der Hessischen Jugendbildungsstätte Dietzenbach und das Team fuhr oft abends noch essen. Eines der Ziele war der Jugoslawe in Offenbach hinter der Berliner Straße. Rechts und links der Eingangstür ging es in zwei große Säle, alles wie oft damals bei den Jugoslawen in Nischen aufgegliedert. Ich aß einen flabierten Spieß. Sowas hatte ich noch nie gesehen. Später bin ich noch ein paarmal da gewesen, jetzt gibt es das Lokal schon lange nicht mehr. „Dubrovnik“ hieß es glaube ich.

Die Chinesen

Aber kaum zu glauben: schon als Schüler war ich bei einem Chinesen essen. Die Geschichte dazu ist auch unglaublich.

1969 war das Jahr, in dem wir in Darmstadt die „Theologie der Revolution“ verkündeten. Wir tingelten mit dieser Botschaft durch die Gemeinden. Der Leiter eines evangelischen Altenwohnheims lud uns ein, einen Gottesdienst dort zu halten. Die Alten fanden das ziemlich exotisch und zum Dank lud uns der Diakon zum Mittagessen zum ersten Darmstädter Chinesen ein.

Chinesische Gaststätten hatten in Deutschland eine längere Tradition, alle Betreiber kamen aus einigen Familien aus der Provinz Zheijang. Hinzu kamen später Küchenkräfte aus Hongkong.

Das zweite Chinesische Restaurant lernte ich 1972 in Marburg kennen, ein paar Häuser über der Theologischen Fakultät neben dem legendären Cafè Vetter, das es im Gegensatz zu dem Chinesen immer noch gibt. 1972 übernahm ich mit einem Freund den Vorsitz im landeskirchlichen Studierendenkonvent und natürlich musste die Übergabe durch den alten Vorstand auf Kosten der Landeskirche stilvoll begangen werden. Das Essen dort war außerordentlich gut und dank de hessen-nassauischen Kirche außerordentlich billig.

Die Griechen

Kaum hatte ich den Führerschein, fuhr ich 1969 mit einer „Sendgruppe“ der Evangelischen Jugend mit einem VW-Bus zu unserer Patenschule nach Nord-Griechenland, hoch über die Gebirgspässe Österreichs musste man noch und dann den Autoput runter. Da lernte ich die griechische Küche kennen und lieben. Glücklicherweise gab es bis dahin dann auch in Darmstadt einen Griechen. Meist aß ich Souvlaki, wunderte mich, dass das etwas anderes war als in Griechenland, aber es schmeckte. Dazu natürlich Retsina getrunken, schließlich war ich in Griechenland.

Anfang der 70er machte dann auch in Neu-Kranichstein ein Grieche in einer Holzbaracke auf.

Internationale Küche in Deutschland

Internationale Küche gab es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg fast nicht. Im Nationalsozialismus wurde auch hier gleichgeschaltet. Fast nur in der Nähe angrenzender Länder gab es entsprechende Lokale, in Hamburg und Schleswig-Holstein skandinavische Küche, in Rheinland-Pfalz und im Saarland französische Küche, in Bayern österreich-böhmische und damit auch ungarische Küche – wobei die Ausnahme natürlich auch hier die Regel bestätigt.

Vor dem Dritten Reich gab es dagegen durchaus schon internationale Restaurants oder eben meist Restaurants mit internationaler Küche – natürlich vor allem in den ganz großen Städten, allen voran Berlin und Hamburg.

Kaum bekannt ist, dass die Eröffnung von Gaststätten in Deutschland nach dem Krieg sehr streng geregelt war. Es gab ein „Bedürfnisprinzip“, das die vorhandenen Gaststätten schützen sollte und erst 1970 bundesweit aufgehoben wurde. Aber vor allem war es für „Gastarbeiter“ schwer, eine Genehmigung zu bekommen. Für Nicht EWG-Angehörige war eine Gaststättengründung lange nahezu unmöglich.

Aus einem Wechselspiel zwischen Migration und Urlaubserfahrungen der Deutschen entwickelten sich dann Spezialitätenrestaurants.

Die Spanier

Die ersten Urlaubserfahrungen im Ausland machten die Westdeutschen in Italien und Spanien. Außer Österreich natürlich, aber das galt ja fast nicht als Ausland. Trotzdem gab – und gibt es – vergleichsweise wenige spanische Restaurants. Eine Ausnahme machte das Las Palmas in Darmstadt, wohin mich ein Freund 1971 führte. Auf ein Chateubriand, gar nicht spanisch.

Mit Spanien hatte die Bundesrepublik erst 5 Jahre nach Italien ein Abkommen geschlossen, aber immerhin schon 1960, ein jahr später dann mit Griechenland und auch schon mit der Türkei. Aber wie gesagt: dass die Menschen kommen durften, bedeutete mitnichten, dass sie auch Lokale eröffnen durften, das kam erst mit der Zeot.

Mit dieser Entwicklung hängt auch zusammen, dass viele Lokale der Anwerbenationen nicht von Fachkräften eröffnet wurden, sondern von Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – sich selbständig machen wollten oder mussten. Weil sie oft keine Bankkredite bekamen, waren sie auf Abkommen mit Brauereien angewiesen, die immer mit einem Mindestumsatz der jeweiligen Marke verbunden waren. Das führte oft in eine Schuldenfalle. Beides trifft aber auch für die einfachere Gastronomie überhaupt zu.

Die Türken

Das erste Mal türkisch essen war ich Anfang der 70er im „At Nali“ auf der Rutschbahn in Hamburg, vielleicht dem ersten türkischen Lokal in Deutschland überhaupt, ein tolles Lokal im Univiertel Rotherbaum, in dem sich alles traf. Der Wirt, Ali Riza Kaya, war auch der erste, der in Deutschland ein türkisches Kochbuch herausgab.

Türkisch essen zu gehen und damit meine ich jetzt, gut türkisch essen zu gehen ist in Deutschland aber immer noch fast unbekannt – für die meisten Mitmenschen beshränkt sich die Kenntnis der Türkischen Küche auf den Döner, weil der bekannterweise schöner macht.

Was ich sonst noch kennenlernte (in Deutschland)

Indische Küche in Amsterdam um 1970
MacDonald in Amsterdam um 1972 (dem ersten in Europa)
Böhmische Küche in Frankfurt um 1977
Japanische Küche bei einem Edeljapaner in Düsseldorf 1982
Portugiesische Küche in Darmstadt um 1990
Kreolische Küche in Frankfurt um 1990
Südkoreanische Küche in Frankfurt um 2000

und weiß nicht was noch alles.

Ab heute dürfen Sie weiterlernen – wie ich meinen Führerschein bekam und verlor

Ich hätte nicht damit gerechnet, dass ich ihn bekomme, mein Fahrlehrer auch nicht. Aber der Prüfer hatte wohl einen guten Tag oder er mochte hübsche junge Männer wie mich. Jedenfalls bekam ich den den Lappen ausgehändigt. So nannte man damals diese grauen Teile. Die Liebste hat ihren heute noch.

Ich habe meinen Lappen verloren. Oder wie ich bei der Polizei sagte, gestohlen bekommen. Der ansonsten etwas mürrisch blickende Beamte, der mir die Tür zum Revier öffnete und dann zu Protokoll nehmen wollte, was ich anzugeben hatte, hatte nur kurz aufgeblickt: „Sie meinen sicher gestohlen“. Gut, ich hatte gesagt „verloren“, aber so, wie er mich anblickte, mochte er anscheinend auch hübsche jüngere Männer wie mich. Das ließ er zwar nicht erkennen, aber auf meine Antwort mit leicht fragendem Unterton „Ach, das kann natürlich auch sein“, ließ er sich doch auf eine kleine Unterhaltung ein. „Ja, wenn Sie ihn verloren hätten, müssten Sie mehr für die Wiederausstellung der Dokumente zahlen. – Also, die Geldbörse mit den Dokumenten wurde ihnen gestohlen“. „Ja, da bin ich sicher.“ Ich glaubte fast, ein kleines Lächeln zu sehen. Oder die kleine Freude darüber, dass sein Tag gerettet war. One good act a day keeps the devil away.

Jetzt habe ich nur noch eine kleine Karte. Schade.

Wie ich zu meinem Führerschein kam

„Mit diesem Dokument erhalten Sie die Erlaubnis, alleine weiterlernen zu dürfen“, meinte der Prüfer theatralisch, während er seine Unterschrift in die Innenseite des grauen Leinendokuments setzte. „Nach bestandener Prüfung ausgehändigt“, stand da. Ich glaubte es erst, als ich das Ding in der Hand hielt.

Dreiundzwanzig Stunden brauchte ich. Damals musste man sich dafür schämen, manche brauchten zehn. Und ein Heidengeld hat das Ding gekostet. 13,50 die Stunde. Bei der „Fahrschule des Studentenwerkes“ der Technischen Hochschule.

Die erste Fahrt war mit einem Automatikwagen. BMW, totschick. Ich konnte nichts. Trotzdem herrschte mich der Fahrlehrer an „Sie sind schon schwarz gefahren“. Ich muss ihn sehr verwundert angeguckt haben, jedenfalls klang er etwas versöhnlicher, als er erklärte, dass er die Schwarzfahrer sofort daran erkenne, dass sie mit dem linken Fuß das Bremspedal beim Automatikwagen treten. Heute, wo ich seit einigen Jahren Automatik fahre, bezweifle ich seine Erkenntnis.

„Was studieren Sie denn“, fragte der Fahrlehrer interessiert, als er die Motorhaube öffnete, um mir ein paar Dinge zu zeigen.

„Ich bin noch Schüler“
„Oh. Und was wollen Sie einmal studieren“
„Theologie“
Er atmete hörbar ein „Ach so“, stieß er aus und knallte die Haube wieder zu. Wie gesagt, die Fahrschule der Technischen Hochschule. Irgendwie fühlte ich mich sehr fehl am Platz.

Immerhin war ich nicht ganz so schlecht wie der dürre Student mit der dicken Hornbrille, der den Nacken nach vorne drücken musste, um ins Auto zu passen. Bei gutem Wetter hätte der Fahrlehrer vielleicht das Schiebedach öffnen können, aber bei unserer Nachtfahrt regnete es.

Natürlich während meiner Ausbildung war diese Schikane eingeführt worden: eine Nachtfahrt und eine Autobahnfahrt waren zur Pflicht gemacht worden. Auch damals gab es schon Willkürmaßnahmen des Staates.

Wir fuhren also nachts durch den Odenwald, hinauf durch das Balkhäuser Tal. Normalerweise eine hübsches, romatisches Sträßchen. Aber in dieser Nacht war die Straße nur eng, glatt und vor allem sehr dunkel.

Besagter Technischer Student fuhr, wir beiden anderen Fahrschüler versuchten, zwischen den beiden Vordersitzen und den Scheibenwischern hindurch zu sehen. Der Technische Student hielt auf die Mitte der Fahrbahn. Von weitem sah man Scheinwerfer. „Etwas nach rechts“, meinte der Fahrlehrer. Technischer Student hielt nach links, Farlehrer griff ihm ins Lenkrad und steuerte gegen.

Technischer Student orientierte sich offenbar an der weißen Linie in der Mitte. Nur, dass er anscheinend versuchte, nie rechts davon zu fahren. Beim nächsten Auto noch einmal das Gleiche.

„Halten Sie an“, schrie der Fahrlehrer und trat wohl selbst auf die Bremse. „Mit Ihnen fahre ich nie wieder. Sie wollen uns ja umbringen“.

So böse wurde er mit mir nie. Aber ich merkte immer eine gewisse Ironie in seinen Mundwinkeln, wenn ich in sein Auto stieg.

Einmal stieg ich gar nicht in sein Auto. Oben im Büro hatte er mir den Schlüssel gegeben. „Machen Sie schon einmal alles fertig“. Also: Sitz zurechtschieben, Rückspiegel innen und außen (von Hand natürlich) einstellen.

Ich tat, wie mir geheißen, schloss den weißen Opel Kapitän auf, zog den Sitz ganz nach vorne, so dass ich fast mit den Füßen an die Pedale reichte, stellte den Rückspiegel ein – und wunderte mich, dass der kleine Spiegel des Fahrlehrers fehlte. Bringt er den immer mit? Aber warum fehlen die Pedale des Fahrlehrers? Was zum Teufel…

Ich saß im falschen Auto. Der weiße Kapitän hinter uns stellte sich als das richtige Auto heraus. Der Schlüssel passte an ihm jedenfalls auch und Pedale und Spiegel waren vorhanden.

Wie ich meinen Führerschein verlor

Weiterlernen durfte ich dann seit nun über 50 Jahren. Gut, mit zwei – oder waren es sogar drei? – kleinen Unterbrechungen.

Ich verlor meinen Führerschein im Herbst 1975. Diplompädagoge in meiner ersten Stelle in Nürnberg., mit jungen 23 Jahren angetreten. Federweißer beim Elternabend, danach natürlich mit dem Vikar in unsere Stammkneipe in Johannis.

Ich schwöre, ich war nicht so betrunken wie vorher ab und und zu einmal. Gut, die Fahrbahn teilte sich vor mir, aber ich konnte noch gut fahren. Polizeikontrolle.
„Haben Sie getrunken?“
„Ja, aber nur Glas Federweißer“
„Pusten Sie einmal“.

„Sie wirken eigentlich auch gar nicht betrunken. Aber Sie müssen mitkommen“.

„Trunkenheitsfahrt“ stand in den damals schon vergilbten Dokument, dass ich anstelle meines schönen Führerscheins, den ich nie mehr wiederbekommen sollte, ausgehändigt bekam.

Jetzt übertreibt er aber, meinen Sie sicher. Nie mehr wiederbekommen. Sie irren. Ein Fahrverbot von mehr als drei Monaten führt zum Verlust des Führerscheins. Die Behörde entscheidet dann, ob und wenn ja mit welchen Auflagen Du einen neuen bekommst. Ich bekam ihn nach einer neuen theoretischen Prüfung.

Der neue Führerschein war dann noch mal ein grauer. Aber als bleibende Mahnmal enthielt er einen Säuferbalken, woran jedermann erkennen konnte, dass ich einmal ein Trunkenheitsdelikt begangen habe. In einem solcherart neu ausgestellten Dokument war nämlich der Vermerk „Nach bestandener Prüfung ausgehändigt“, durchgestrichen. Das nannte der kundige Volksmund „Säuferbalken“, obwohl es durchaus auch einige andere Gründe gab, weshalb dieser Vermerk durchgestrichen sein konnte. Etwa weil man das Original nicht durch eine Trunkenheitsfahrt, sondern durch bloße Schusseligkeit verloren oder eben gestohlen bekommen hatte.

Später verlor ich meinen Führerschein nur noch einmal, als er mir gestohlen wurde.

Weitergelernt

Ich durfte noch viel lernen. Gleich das erste Auto bot glänzende Gelegenheit. Ein VW 1953. Zwischengang und Zwischenkuppeln. Die ersten Fahrten gab es ohrenbetaubende Schläge, wenn ich versuchte, einen anderen Gang einzulegen.

Bis ich lernte, dass man ab und zu nach dem Öl gucken musste, war es wohl schon zu spät. Jedenfalls musste ich bei meinen Fahrten die knapp 30 Kilometer von Darmstadt zur Karl-Marx-Universität in Frankfurt regelmäßig unterwegs Öl nachfüllen.

Aber ich beherrschte die Kunst, nachts vor einer Kurve abzubremsen, dabei zwischenzuschalten, im richtigen Moment zwischenzukuppeln, also das Pedal noch einmal durchzutreten und vorsichtig kommen zu lassen, so dass die Zahnräder synchronisieren können und dabei (!) mit dem linken Fuß den Knopf zu treten, mit dem das schwache Fernlicht aus der 6-Volt-Batterie auf das noch schwächere Abblendlicht geschaltet wurde, danach wieder auf Fernlicht zu schalten und mit dem gleich Fuß das Rädchen, das als Gaspedal diente, zu suchen.

Ab und zu musste man auch noch mit dem Fuß vorne den kleinen Hebel auf Reservetank umlegen, um noch ein paar Kilometer bis zur Tankstelle fahren zu können, wo man dann für 10 Mark tanken konnte, 49 Pfennig der Liter. Allerdings musste man erst den Kofferraumdeckel vorne aufklappen und die Taschen ausräumen, um an den Tank zu kommen.

19778 kostete das Benzin schon 86 Pf.

Der Führerschein wurde heute vor 110 Jahren (1910) in Deutschland eingeführt.

Kleine Geschichte meines Lesens

Als Kind habe ich alles gelesen, was ich in die Finger bekam. Sobald ich lesen konnte und das ging schnell. Onkel Werner hat sein Leben lang jedem erzählt: „Der konnte als Kind die Zeitung von hinten lesen“, damit meinte er, dass ich sogar von gegenüber mitlas, wenn er am Küchentisch seine Bildzeitung las, die ich ihm morgens bei Ketters Pat für 10 Pfennig holte.

Ich habe wirklich alles gelesen und noch heute ertappe ich mich dabei. Ja, ich habe auch schon das Telefonbuch gelesen. Und sobald ich lesen konnte, las ich jedes Reklameschildchen in unserer Umgebung.

Ich weiß noch, wie ich meine Mutter in Verlegenheit brachte mit der mitgebrachten Erkenntnis: „Camelia schenkt allen Frauen Sicherheit und Selbstvertrauen“. Ich wusste zwar nicht, wer diese Camelia ist, aber das hing bei Herrn Stenger im Schaufenster der Drogerie gegenüber.

Bei ihm gab es auch im Laden viel zu lesen. Das war noch eine von den Drogerien mit Wänden voller Holzschubladen und auf jeder ein Emailleschild mit fremdartigen Namen.

Manchmal fand ich in der Schublade, in der mein Vater Kruschtelkram aufbewahrte, einen Sexroman. Den habe ich dann natürlich auch verschlungen, ich meine jetzt geistig, da war ich aber schon ein bisschen älter. Irgendwann habe ich den Armen dann scheinheilig, wie ich damals manchmal sein konnte, damit konfrontiert, was er heimlich für Sachen liest. Er hat es einfach abgestritten.

Bei meinem Geburtstag in diesem Jahr erzählte mir mein Bruder zu fortgeschrittener Runde, dass er die Bücher damals in der Schublade versteckt hatte. Lieber Vati, ich hoffe, Du hörst meine Abbitte.

Zwei Bücher konnte ich nur mit Mühe lesen
. Ich glaube, ich habe sie gar nicht zu Ende gelesen: „Onkel Toms Hütte“, wo ich zum ersten Mal von Sklaven las und furchtbar fand, wie man die Neger behandelte (damals durfte man noch arglos „Neger“ sagen, das war etwas ganz anderes als „Nigger“)war das eine, das andere war „Oliver Twist“. Dem armen Jungen ging es noch viel schlimmer als mir und das war manchmal schon schlimm genug.

Einmal kam „Aunt Emily“ zu Besuch
. Aunt Emily kam aus Amerika, war eine reiche, alte Dame aus einem im 19. Jahrhundert ausgewanderten Zweig unserer Familie. Nach ihrer Rückkehr bekam ich Monat für Monat den „Readers Digest“ in der deutschen Fassung zugeschickt, ein Sammelsurium von Geschichten. Herrlich.

Noch herrlicher war das „Neue Universum“,
ein dickes Buch, das es jedes jahr neu gab mit einer Mischung von spannenden Geschichten, Bildern aus Afrika und sonstwo und interessanten Zukunftsvisionen. Das Jahr „2000“ stand damals für „soweit weg, dass man sich noch gar nicht vorstellen kann, wie es dann sein wird“. Ich fand das sehr merkwürdig, als ich damals nachrechnete, dass ich das Jahr 2000 vielleicht einmal erleben würde, aber als ganz alter Mann, fast 50.

Und als wir in der Schule „1984“ gelesen haben, stand 1984 auch noch für eine ferne Zukunft

Bei uns zuhause gab es keine Bildzeitung, sondern das Darmstädter Tageblatt, das irgendwann -wie man munkelte auf krummen Touren – vom Darmstädter Echo aufgekauft wurde, das wiederum echte Darmstädter gar nicht schätzten, weil es aus Mainz gesteuert wurde. Jedenfalls war ein Glück, dass das Tagblatt viel dicker war als das Echo und deshalb mehr drin war zum Lesen.

Jetzt sagen Sie nicht: „ein kleiner Junge liest doch nicht die ganze Zeitung“ – ich tat das. Und nicht nur das. Ich las sogar die zerrissenen Zeitungsstücke, die bei Onkel Werner im Klo an einem Drahthaken hingen.

Seitdem macht mich der Gedanke krank, ich müsste einmal aufs Klo gehen ohne etwas zum Lesen dabei zu haben.

Aber meine Eltern hatten auch ein Bücherregal. Sie waren einfache Leute – aber sie lasen. Ich möchte gar nicht wissen, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht gelesen hätte.

Aus dem Buchregal meiner Eltern

Ihr Bücherregal war eine kleine Fundgrube. Nichts davon war für einen kleinen Jungen geeignet und alles habe ich gelesen. Meine Eltern hat das belustigt, aber sie fanden es gut.

Ich las also Gedichte von Goethe, einen Ganghofer-Roman, einen Bildband über die Hitlerjugend, das Gesangbuch, die Mappe meines Urgroßvaters, Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer und wie die Bücher alle hießen.

Zum Glück gab es im Vorderhaus einen kleinen Schreibwarenladen, in dem ein Regal mit „Leihromanen“ stand. Für 10 oder 20 Pfennig lieh meine Mutter dann einen Roman aus der Reihe „Stiefkinder des Glücks“, den ich in einer Nacht verschlang und mir die Tränen ausweinte. Seitdem weine ich immer bei „Nur die Liebe zählt“.

Ich war noch im Kindergarten, als meine Mutter von einem Elternabend zurückkam, auf den sie für den Bücherbund geworben wurde. Seitdem kam alle drei Monate ein neues Buch, manchmal wusste meine Mutter nicht, wie sie es bezahlen konnte. Aber wir hatten zu lesen. Meistens hat sie nichts ausgesucht und es kam der „Hauptvorschlagsband“. So kam die ganze Angelique-Sammlung in unser Haus. Die mochte ich nicht so.

In der dritten Klasse machten wir einen Ausflug in die Stadtbücherei. Von dan an schleppte ich jede Woche drei Bücher nach Hause, mehr durfte man nicht mitnehmen und früher als nach einer Woche durfte man auch nicht wiederkommen. Das hätte nie gereicht für die ganze Woche!

Ja, das grenzenloseste aller Abenteuer der Kindheit, das war das Leseabenteuer. Für mich begann es, als ich zum erstenmal ein eigenes Buch bekam und mich da hineinschnupperte. In diesem Augenblick erwachte mein Lesehunger, und ein besseres Geschenk hat das Leben mir nicht beschert.
Astrid Lindgren

Für mein erstes selbst gekauftes Buch habe ich alles Geld genommen, was ich für einen Schulausflug mit einer Schifffahrt auf dem Rhein bekommen habe. Ich habe halt kein Sinalco getrunken und kein Würstchen gegessen, sondern „Die schönsten Sagen vom Rhein“ gekauft.

Irgendwann stellte ich fest, dass ich genug Taschengeld bekam, um mir jeden Monat ein Buch kaufen zu können. Ein Taschenbuch kostete nämlich 2,20 und dafür reichte mein Geld gerade.
Das erste, was ich erstand war Borcherts „Draußen vor der Tür“. Sie sehen, meine Ansprüche waren gewachsen.

Bei Onkel Werner, bei dem ich in den Ferien immer war und einmal ein paar Monate verbrachte und in die Zwergschule ging, wo sie noch mit Griffeln auf Schiefertafeln schrieben, gab es nur eine Kiste mit Büchern auf dem Speicher. Da musste ich halt die Bildzeitung und die Romanhefte lesen, die sich da stapelten. Jerry Cotton vor allem. Seitdem bin ich Krimifan.

Bei Onkel Wernerwurde eigentlich nie Licht angemacht. Wenn es dunkel wurde, ging man ins Bett. Ich musste aber einfach nachts weiterlesen. Einfach war das nicht, weil die Zimmertür eine kleine Milchglasscheibe hatte, durch die das Licht durchschimmerte. Also das Nachttischlämpchen abgeschirmt oder ins Bett gestellt, dass es vom Nachttisch verdeckt wurde (in dem natürlich noch ein Nachttopf stand, was jetzt aber nichts zur Sache tut).

Glücklicherweise bekam man auch was umsonst zum Lesen. Beim Schuhkaufen bekam man Lurchis Abenteuer, beim Bäcker damals schon die Bäckerblume, beim Metzger die Fleischerpost und beim Friseur konnte man „Micky Maus“ oder „Fix und Foxi“ lesen. Das hätte ich zuhause nie gedurft, das war Schundliteratur. In der Jungschar haben sie uns jedes Heft Schundliteratur gegen ein wertvolles Erbauuungsheftchen ausgetauscht.

Ehrlich gesagt, verstehe ich Menschen nicht, die sich ein Schild „Hier keine Werbung einwerfen“ an den Briefkasten babben. Ich würde am liebsten eins hinkleben: „Hier bitte jede Werbung einwerfen“

Bücher lese ich heute nur noch im Zug zweimal die Woche, auf dem Klo und im Urlaub. Nur wenn mich ein Buch absolut fesselt, lese ich abends im Bett und in jeder freien Minute weiter. Oder ich lege mich für zwei Stunden in die Badewanne, drehe von Zeit zu Zeit mit den Füßen den Heißwasserkran auf und lese.

Wenn der Urlaub naht, bekomme ich aber leichte Panik, ob ich genügend gute Bücher finde, die ich noch nicht kenne und mitnehmen kann. Bücher und Unterhosen rechne ich ein Teil pro Tag. Meistens muss ich unterwegs nachkaufen. Bücher. Unterhosen reichen meistens.

Kamille

„Er ließ das Wasser laufen, hörbar, während er sich mit einem Handtuch die Hände abrubbelte“ (Jonathan Franzen, Die Korrekturen)

Er ließ das Wasser laufen, hörbar, während er sich mit Kamille die Hände abrubbelte. Er hoffte, Camilla würde ihn nicht hören. Sie konnte fuchsteufelswild werden, wenn er das machte. Sie wusste, er dachte dabei an sie.

Heftig rubbelte er weiter. Seine Hände wurden schon gelb. Er blickte in seine Handflächen und rieb sie aneinander, zart.

Er liebte den Geruch von Kamille. So, wie er Camilla liebte. Vielleicht mehr noch – so wie er Friederike einmal geliebt hatte. Friederike hatte immer in Kamille gebadet, dann durfte er zusehen. Er vermisste diese Momente.

Der Geruch nach Kamille verbreitete sich im Zimmer. Intensiv, wie er ihn selten gerochen hatte.

Durch das laute Rauschen des Wassers hindurch hörte er, dass sich im Haus etwas bewegte. Hastig wusch er sich die Hände ab und legte die die Kamille in das Schränkchen, das er von seiner Oma geerbt hatte. Hinter die Bücher.

Er roch noch einmal an seinen Händen, dann drehte er sich um.

„Hallo, Camilla“ sagte er.

Schreibübung:
Nimm irgendein Buch aus Deinem Regal, schlage es irgendwo auf. Suche den 3. Satz auf der Seite links (oder was du dort für einen Satz hältst). Schreibe ihn ab.
Ersetze ein beliebiges Wort in diesem Satz durch das Wort „Kamille“. Bearbeite den Satz nun weiter oder schreibe ihn weiter oder… So, dass ein kleiner Text entsteht.

Erinnerungen: Weiß wie der Tod

Opa war der erste Tote, den ich sah. Mein lieber Opa. Mutti ging in die Schule und sagte dem Lehrer, dass wir zur Beerdigung fahren müssen. Er wollte das erst nicht erlauben, aber Mutti setzte sich durch. Natürlich.

Wir fuhren mit dem Zug 5 Stunden die 100 km an die Lahn. Opa lag auf dem Bett und sah schön aus. Später holten ihn Männer und trugen den Sarg durch das Dorf, die Familie ging hinterher. Alle standen auf der Straße, guckten sehr traurig und die Männer zogen den Hut ab. Sie gingen dann alle hinter der Familie her zum Friedhof, wo der Sarg in das Grab hinuntergelassen wurde.

Nach der Beerdigung ging man ins einzige Gasthaus, man aß „Leicheweck“ zum Kaffee und Zuckerkuchen und hinterher mussten wir Kinder zu den Leuten, die nicht kommen konnten, Kuchen und Weck bringen.

Zuhause mussten meine Geschwister wochenlang mit mir „Beerdigung“ spielen. Ich war der Pfarrer, einer musste sich ins Grab legen, ich habe etwas gesagt und wir haben gesungen.

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Er dachte als Kind schon manchmal an den Tod. Er stellte sich vor, wie es wäre tot zu sein und sagte sich dann, das müsse so sein wie vor seiner Geburt. Daran kann er sich nicht erinnern. Dann kann es auch nicht schlimm gewesen sein. Also könne es auch nicht schlimm sein, tot zu sein.

Er hatte eine Todessehnsucht in sich, dachte auch oft an Selbstmord. Sein Vater hatte damit auch oft gedroht. „Mich seht ihr nie mehr wieder“, hatte er dann gesagt, sich den Mantel angezogen und war zur Tür gegangen. Und er hatte dann sich dann weinend an seinem Mantelsaum geklammert.

Manchmal hörte er später auf der Schallplatte das Lied von Hermann Van Veen „Da war ein Man, der wollt so gerne nicht mehr leben“. Und dem immer etwas dazwischen kam. So ging es ihm auch. Erst viel später hatte er den Gedanken nicht mehr, vielleicht erst, als es seinen Enkel gab.

Nur der Gedanke beunruhigt ihn immer noch, dass es vielleicht keine Möglichkeit geben könne, aus dem Leben zu gehen.

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Die zweite Leiche sah ich mit 18. Ich war bei den Johannitern und das war unser erster Autobahneinsatz. 20 km sind wir mit unserem Opel Blitz in der Nacht zum Zweiten Weihnachtsfeiertag zu einem Unfall über die eisglatte Straße gefahren. Die Polizei hatte ein Blaulicht fünf Meter hoch ausgefahren. Wir fuhren an dem Unfallauto vorbei und im Vorbeifahren sah ich schon den Mann neben dem Auto liegen – so weiß, wie ich noch nie jemanden gesehen hatte.

„Da braucht ihr nichts mehr zu machen, der ist tot“, sagte ein Mann, der dabeistand. Woher er das wisse? Er sei Arzt, aus dem kleinen Krankenhaus in der Nähe extra gekommen. Später im Krankenhaus hat er dann die junge Verlobte des Toten an der Hand gefasst, als sie nach ihrem Freund fragte: „Du musst jetzt ganz stark sein“.

Wir mussten ihn auf der Autobahn liegen lassen. Tote dürfen nicht in den Rettungswagen. Unterwegs hatte sie immer wieder gefragt. „Er kommt in einem anderen Wagen“ hatte ich gesagt.

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Was ist der Tod? Ich weiß es nicht. – Die Frage beschäftigt die Lebenden, nicht die Toten, habe ich einmal gelesen. Ich fand das beruhigend.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Schreib über Sterben. Den Tod, den Verlust. Heul dir die Augen aus dem Kopf beim Schreiben. Es bringt dich nicht um.

Der alte Trick: In der dritten Person zu schreiben, wenn es zu kompliziert oder zu traurig wird. Das macht es oft leichter, manchmal kann man sogar ehrlicher sein in als in der ersten Person.

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Erinnerungen: Freundinnen und andere Probleme

Wie gerne hätte ich eine Freundin gehabt. Aber es ging nicht. Ich hätte mich nie getraut, sie mit zu uns nach Hause zu bringen.

Meine Geschwister machten das, aber ich habe mich viel zu sehr für den Hinterhof geschämt, in dem wir wohnten und das kleine Zimmer, das ich mir mit meinem Bruder teilte.

Es war wohl so, dass man als Arbeiterkind, das aufs Gymnasium ging, damals in zwei Welten lebte, die sich nicht miteinander vereinbaren ließen.

Es gab Mädchen, die standen dann einfach bei uns im Hof. Mir war das entsetzlich peinlich.

Wie gerne hätte ich eine Freundin gehabt. Aber es ging nicht. Ich hätte mich nie getraut, sie mit zu uns nach Hause zu bringen.

H. lernte ich auf der Skifreizeit kennen. Ein unglaublich schönes Mädchen – und sie verliebte sich in mich – ein Wunder. Auf dem Rückweg von Südtirol im Bus küssten wir uns ununterbrochen. Das Lied „Hej – du bist Musik für mich“ werde ich deshalb nie vergessen, das spielte immer wieder.

Der Diakon schwärmte meiner Mutter vor, was für ein tolles Mädchen ich da habe. So klug, so nett, so hübsch. Meine Mutter wollte sie natürlich kennenlernen, ich vertröstete sie.

Wir trafen uns sonntags beim Tanztee der Tanschule und schrieben uns liebe Briefe. Mehr ging nicht. Ihr Vater war Professor.

Ich brach den Kontakt ab und war totunglücklich. Eines Abend rief ein Schulkamerad an und fragte, ob ich nicht zu seiner Party kommen wolle, ein Mädchen warte da auf mich. Es brach mir das Herz und ich heulte fürchterlich.

Ich begnügte mich damit, bei allen möglichen Gelegenheiten – und die gab es in diesen späten 60er viele – herumzuknutschen. Und nicht nur das. Bei McKinsey hatte ich gelesen, dass man das „Petting“ nannte.

Anscheinend fanden die Mädchen mich auch gut.

Zum ersten Mal „richtigen“ Sex hatte ich im hohen Alter. Mit 21, auf einem Seminar. Wieder ein unglaublich schönes Mädchen, wilde rote Locken. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick bei uns beiden.

Nach dem Sex fragte sie mich, ob ich eine Freundin habe – und ich schämte mich wieder. Diesmal dafür, keine Freundin zu haben. Also sagte ich „Ja“,

Das war eindeutig das kleinere Übel. Schließlich war es völlig in Ordnung Sex neben einer Beziehung zu haben. Aber es war nicht in Ordnung, keine Freundin zu haben. Den begriff „Looser“ kannten wir damals noch nicht.

Ich konnte toll Briefe schreiben und ich spannte einem anderen Jungen ein Mädchen aus. Die nahm ich sogar zu einem Abendessen bei meiner Schwester mit der ganzen Familie mit. Meine Schwester war baff: „Wo hast Du die denn kennengelernt, die ist ja sooo hübsch…“

Meine Freundinnen mussten schön sein. OK fand ich das nicht von mir.

Bei ihr zuhause küssten wir uns, ich durfte ihren schönen Busen streicheln und sie ließ mich einen Blick in ihre Schreibtischschublade werfen, wo die Pille lag.

Ich natürlich traute mich nicht mehr als ein bisschen rumzumachen. Natürlich sprachen wir nicht darüber.

Sie hat dann bald Schluss gemacht. Das hätte ich auch an ihrer Stelle.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Verloren gehen

Meine Mutter hat mich im Kaufhof verloren. Oder ich habe sie verloren. Ich laufe nur um einen Kleiderständer herum, dass sie mich nicht sieht und schon ist sie weg. Ich laufe in die andere Richtung, aber da ist sie auch nicht. Ich suche und suche und finde sie nicht. Ich bin verzweifelt. Ohne sie werde ich nie wieder nach Hause finden. Die „Stadt“ ist ganz weit von unserem Haus weg.

Irgendwann findet eine Frau den weinenden kleinen Jungen und nimmt ihn an die Hand. Er ist so verzweifelt, dass er mitgeht. Obwohl er weiß, dass er das nicht darf und Schlimmes passieren kann.

Sie durchqueren das ganze Kaufhaus bis zu einem kleinen Zimmer. In dem sitzt eine andere Frau, die ihn nach seinem Namen fragt. Den weiß er schon: „Horst Pohl“, flüstert er schluchzend.

Die Frau sagt etwas in ein merkwürdiges Gerät und dann hört er im Lautsprecher: „Der kleine Horst Paul sucht seine Mutter“. Da heult er noch einmal laut los. Seine Mutter wird ihn nicht finden, er heißt ja gar nicht Horst Paul, sondern Horst Pohl. Sie weiß bestimmt nicht, dass er das ist.

Seine Mutter wird ihn nicht finden, er heißt ja gar nicht Horst Paul, sondern Horst Pohl. Sie weiß bestimmt nicht, dass er das ist.

Aber dann steht sie da. Sie hat ihn tatsächlich auch gesucht. Plötzlich sei er weg gewesen und niemand habe ihn gesehen.

In dem anderen Kaufhaus fahren wir immer mit dem Fahrstuhl. Den bedient ein einarmiger Mann, der Fahrstuhlführer. Jeder kennt ihn. Den Arm hat er im Krieg verloren.

Wie mein Onkel sein Bein und Herr R. im Vorderhaus den Mittelfinger. Das sieht ganz furchtbar aus, man hat richtig Angst vor ihm.

Es muss schlimm sein, im Krieg ein Bein zu verlieren. Ein Panzer ist dem Onkel über das Bein gefahren und da mussten sie es ihm wegnehmen. Jetzt steht das Holzbein nachts neben seinem Bett. Einmal habe ich das gesehen, aber die Tante hat schnell die Tür zugemacht, weil ich sowas nicht sehen soll. Wie das wohl für meine Tante ist, ihn immer mit dem abbenen Bein zu sehen.

Wenn er abends mit dem Zug kommt und ich ihn am Lahnbahnhof abhole, muss er immer sein Bein hinterher ziehen und ich muss langsam gehen.

Aber noch schlimmer ist, dass meine Tante ihren Bruder sucht, der aus dem Krieg noch nicht zurückgekommen ist. Es werden viele noch vermisst und sie hoffen, dass er irgendwann doch noch wiederkommt. Wie er wohl aussieht? Komisch, dass ich einen Onkel habe, den ich gar nicht kenne.

Wie die Zwillinge, die meine Mutter verloren hat. Das wären meine Schwestern gewesen, aber ich habe sie auch nicht gekannt. Sie sind kurz nach der Geburt gestorben und liegen jetzt nebeneinander auf dem Friedhof und wir gießen immer die Blumen.

Manchmal wollte ich auch verloren gehen, damit meine Eltern mich suchen und wissen, was sie an mir haben. Am liebsten hätte ich gehabt, dabei zusehen zu können. So setzte ich mich in einen Verschlag im Hof und heulte.

Ein anderes Mal wollte ich abhauen und nie mehr zurück kommen. Aber ich bin nur bis Langen gekommen. Der Wind hat mir auf dem Fahrrad zu sehr in Gesicht geblasen. Ich kam nur mit Mühe wieder nach Hause.

Einmal habe ich einen Freund verloren. H-G, wir waren unzertrennlich. Er hat mich geschlagen und ich bin gegangen. Später kam er und hat sich entschuldigt, aber es war nicht mehr wie vorher.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Erinnerungen: Kleidungsstücke

Ganz, ganz, ganz früher haben wir noch Leibchen getragen. So klein ich war, erkannte ich die Schmach: als Junge ein Leibchen tragen. Als Junge!

An Strapsen wurden mit einem Pfennig – weil der ursprüngliche Knopf meist verloren gegangen war – lange Strümpfe befestigt.

Ich hasste lange Strümpfe. Mein einziges Glück war, dass ich nicht wie andere Buben lange Strümpfe unter kurze Hosen anziehen musste. Zu kurzen Hosen gab es nur Kniestrümpfe. Ich glaube, Socken gab es gar nicht.

Die Leibchen wurden abgeschafft, als es Strumpfhosen gab. Die hasste ich genauso. Ich schämte mich immer furchtbar in ihnen, wenn ich im Hallenbad in die Sammelumkleidekabine musste. Dann habe ich mich in eine Ecke gestellt und rumgetrödelt, bis ich mich unbeobachtet fühlte und das Ding überziehen konnte.

Manchmal schaffte ich es, mich in eine Einzelkabine zu schmuggeln. Das war für Kinder verboten, aber wenn man drin war, war man eben drin. Vor allem wegen der grünen Strumpfhosen liebte ich Einzelkabinen.

Deshalb fand ich es toll, als mir ein netter Mann einmal sagte, ich dürfe mit ihm in seine Kabine kommen. Ich sagte ja, aber dann plötzlich bekam ich weißnichtweshalb Angst und ich habe mich vor ihm versteckt.

Wir hatten natürlich nur selbstgestrickte Pullover. Die kratzten ganz fürchterlich und ich hasste sie auch. Ich glaube, ich habe jedesmal geheult, wenn ich einen über den Kopf gezogen bekam . Sie waren natürlich eng und man musste durch einen langen Höllentunnel durch, bis man oben wieder rauskam.

Wahrscheinlich wollte ich deshalb später lange keine Pullover anziehen und erst langsam finde ich Gefallen daran. Aber immer noch hasse ich Rollkragenpullover, weil man bei ihnen auch durch diesen Höllentunnel muss wie bei den Kratzepullis und sie so eng um den Hals liegen, dass man erstickt.

Als Hosen hatten wir Sommers wie Winters Lederhosen. Im Sommer kurze, im Winter dreiviertellange. Mit einer Tasche an der Seite, um ein Messer reinstecken zu können und einen Hirschen am Träger, um einen Groschen reinstecken zu können, wenn man einen hatte.

„Heil Hitler“ haben Kinder gegrüßt, als ich mit 13 zum Schüleraustausch in England war und mit meiner „Leaderhose“ auftauchte.

Luba hatte auch eine Lederhose. Sie kam damit in die erste Klasse und ich verliebte mich sofort in sie. Dass Mädchen Hosen tragen können, hatte ich noch nie im Leben gesehen. Und dann Luba mit ihren schwarzen Augen und Locken.

Sie hat mich glaube ich keines Blickes gewürdigt. Meine erste heimliche Liebe. In ihrer Lederhose. Mit rotem Träger.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Schreib über ein Kleidungsstück, dass du als Kind hattest; Dass du geliebt oder gehasst hast, das wie eine Rüstung für dich war oder dich der Lächerlichkeit preisgegeben hat.

Erinnerungen: Essen, Krank sein

Beim Essen saßen wir immer um den großen Tisch in der Küche, Mutti am Kopfende, dann neben ihr Vati, dann die Kinder, nach Alter geordnet.

„Nicht mal beim Essen kann man in Ruhe Nachrichten hören“, sagte mein Vater manchmal, der eigentlich am Tisch fast nie etwas sagte, stand auf und schleifte sein Messer unten am Teller. Ein Quietschgeräusch, das ich nicht ausstehen konnte.

Er aß manches nicht, vor allem keinen Fisch, deshalb gab es den nur, wenn er nicht da war. Abends aß er am liebsten seinen „Stinkekäse“ Romadur. Manchmal machte er sich auch „Handkäs mit Musik“. Natürlich bekam er, wenn es mal Fleisch gab, das größte Stück ab. Bei Fleisch und beim Nachtisch passten wir immer genau auf, dass jeder gleich viel bekam, außer Vati natürlich.

Am liebsten mochte ich, wenn Mutti Grießbrei machte, dann malte sie mit Marmelade ein lachendes Gesicht auf den Brei und voll Lust konnte man dann das Gesicht zerrühren.

Mein Bruder mochte keine Kartoffelklöße. Weil ich neben ihm saß, sah ich immer, dass er die Stücke hinter die Eckbank warf. Das war ein stabiler „Rollschrank“ und man konnte nicht dahintersehen.

Gleich als ich aufs Gymnasium kam, gewöhnte ich mir an, nach dem Essen mit meiner Mutter eine Tasse Kaffee zu trinken, danach legte ich mich lang auf den harten Rollschrank und schlief da erst mal.

Morgens gab es Haferflocken. Heute würde man „Müsli“ sagen, aber den Begriff gab es noch nicht. Wir bekamen Haferflocken, einfach Mit etwas Milch verrührt oder auch mal mit etwas Kakau. Feine Haferflocken mochte ich nicht und schon gar nicht Haferschleim oder Haferflockensuppe. Die sollten wir essen, wenn wir krank waren, aber ich musste darauf brechen.

Noch heute liebe ich es hingegen, ein Glas warme Milch mit Honig zu trinken, wenn ich krank bin. Das ist Labsal für die Seele.

Krank sein war in unserer Familie immer etwas Besonders. Kranke Kinder bekamen besondere Fürsorge. Das Zimmer wurde verdunkelt, eine Decke über die Stehlampe gehängt. Wer krank war, durfte sich wünschen, was es zu essen geben sollte. Man musste aber aufpassen, dass man keinen Hunger zeigte, das war ein Zeichen für Gesundheit.

Die andere Grundbedingung war: man musste im Bett bleiben. Wer aufstehen konnte, wurde schnell für gesund erklärt.

Noch heute habe ich ein ambivalentes Verhältnis zum Kranksein. In gewisser Weise genieße ich es immer noch.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Schreibe über das Essen in deiner Kindheit. Wer saß mit am Tisch?