Am Sonntag gab es drüben in meiner Sonntagsküche mal wieder „ausländisches“ Essen. Das ist heute ja nichts Besonderes mehr. Eher im Gegenteil: der Trend geht in Richtung „Regionale Küche“. Aber Anlass für mich, mal über die Geschichte des „ausländischen Essens“ zu schreiben.

Meine Eltern weigerten sich lange, „ausländisch essen“ zu gehen. Gut, man ging überhaupt selten auswärts essen. Der Inbegriff von „schön essen gehen“ war eigentlich der Wienerwald mit seinem genialen Werbespruch

Am Sonntag bleibt die Küche kalt,
da geh’n wir in den Wienerwald

Meine Mutter liebte es hingegen, ins Café zu gehen. Natürlich behielt sie immer den Hut auf, wie es sich für die Damen von Welt gehörte. Und natürlich hatte sie in der Handtasche einen praktischen Haken, um selbige Handtasche stilsicher an den Tisch hängen zu können.

Wenn sie mich mit „in die Stadt“ nahm, um etwas für mich einzukaufen, wusste ich schon, dass wir anschließend bei Kaufhof oder Henschel & Ropertz ins Cafè gingen. Das gehörte sich so, auch wenn wenig Geld da war.

Es war wohl Ende der 60er Jahre, dass wir die Beiden zum ersten Mal zu einem gemeinsamen Besuch eines „Italieners“ überreden konnten. Lange hatten wir ihnen vorgeschwärmt, wie gut so eine Pizza sei, die sie selbstredend noch nie gegessen hatten.

Die ersten Italiener

Dabei hatten wir in Darmstadt das Glück, schon früh eine eine vergleichsweise große Anzahl an „Pizzerias“zu haben. Und bei einigen gab es ausgezeichnete Pizze für billiges Geld. Wie zum Beispiel beim „Prinz Heinrich“ oder beim „Alten Rehberger“. Traditionslokale, die früh von einem Italiener übernommen wurden.

Was soll ich sagen: die Pizza beim Alten Rehberger hat ihnen wirklich geschmeckt. Nicht schön fand Mutti, dass ich sie überredete, doch auch mal diese kleine grüne Bohne zu probieren, die sich dann als Peperoni entpuppte, auch etwas, was sie noch nie gesehen geschweige denn geschmeckt hatte. Sie hat mir fast ein bisschen leid getan.

Italiener kamen ab 1955 nach Deutschland. Da hatte Adenauer mit Italien ein „Anwerbeabkommen“ geshlossen und mit den Italienern kamen die ersten „Gastarbeiter“. Viele arbeiteten im Gaststättengewerbe. Mit der Zeit gründeten einige eigene Restaurants, vor allem aber in den 70er Jahren, als eine Welle der Arbeitslosigkeit kam. Viele hatten den Beruf nicht gelernt.

Irgendwann wurde klar, dass die meisten „Gastarbeiter“ nicht in ihre Heimatländer zurückgingen und aus „Gastarbeitern“ wurden Migranten und schließlich Deutsche.

Die Vorläufer

Ungarische Küche

Später kam eine Erinnerung hoch, dass wir doch einmal ausländisch gegessen haben. Ich musst extra nachforschen, ob das stimmte oder ob ich mich täuschte. Und ja. Es gab in „St. Stephan“ ein ungarisches Lokal., bei dem wir im Garten gesessen und irgendetwas mit Paprika gegessen hatten.

Mitte der 50er Jahre war in Darmstadt die Siedlung „Sankt Stephan“entstanden, in der Vertriebene aus Ungarn angesiedelt wurden. Sie erhielten dort für je zwei Familien Platz für ein kleines Häuschen, das mit erheblicher Eigenhilfe gebaut wurde. Dazu gab es auch ein Stück Land, auf dem für die kärgliche Selbstversorgung Schweine gemästet und Mais, Kartoffeln und eben Paprika angebaut wurden. Bis dahin war das nahezu unbekannt, aber so gab es auf dem Darmstädter Wochenmarkt eben auch früh schon Paprika zu kaufen.

Die Siedlung lag neben dem ehemaligen Militärflugplatz auf dem „Griesheimer Sand“, wo mein Vater bei Stars & Stripes arbeitete. Kollegen von ihm hatten ihm wohl vorgeschwärmt, wie gut man dort essen konnte.

Die Jugoslawen

„Balkan-Grills“ waren mit die ersten ausländischen Gaststätten, manche wurden schon Anfang der 50er Jahre von displaced persons, heimatlosen Ausländern nach dem Krieg gegründet.

Ich erinnere mich aber nicht, dass es in Darmstadt früh einen „Jugoslawen“ gab. Erst mit zwanzig war ich beim ersten „Jugoslawen“, wie sie damals noch alle hießen.

Ich war damals Praktikant in der Hessischen Jugendbildungsstätte Dietzenbach und das Team fuhr oft abends noch essen. Eines der Ziele war der Jugoslawe in Offenbach hinter der Berliner Straße. Rechts und links der Eingangstür ging es in zwei große Säle, alles wie oft damals bei den Jugoslawen in Nischen aufgegliedert. Ich aß einen flabierten Spieß. Sowas hatte ich noch nie gesehen. Später bin ich noch ein paarmal da gewesen, jetzt gibt es das Lokal schon lange nicht mehr. „Dubrovnik“ hieß es glaube ich.

Die Chinesen

Aber kaum zu glauben: schon als Schüler war ich bei einem Chinesen essen. Die Geschichte dazu ist auch unglaublich.

1969 war das Jahr, in dem wir in Darmstadt die „Theologie der Revolution“ verkündeten. Wir tingelten mit dieser Botschaft durch die Gemeinden. Der Leiter eines evangelischen Altenwohnheims lud uns ein, einen Gottesdienst dort zu halten. Die Alten fanden das ziemlich exotisch und zum Dank lud uns der Diakon zum Mittagessen zum ersten Darmstädter Chinesen ein.

Chinesische Gaststätten hatten in Deutschland eine längere Tradition, alle Betreiber kamen aus einigen Familien aus der Provinz Zheijang. Hinzu kamen später Küchenkräfte aus Hongkong.

Das zweite Chinesische Restaurant lernte ich 1972 in Marburg kennen, ein paar Häuser über der Theologischen Fakultät neben dem legendären Cafè Vetter, das es im Gegensatz zu dem Chinesen immer noch gibt. 1972 übernahm ich mit einem Freund den Vorsitz im landeskirchlichen Studierendenkonvent und natürlich musste die Übergabe durch den alten Vorstand auf Kosten der Landeskirche stilvoll begangen werden. Das Essen dort war außerordentlich gut und dank de hessen-nassauischen Kirche außerordentlich billig.

Die Griechen

Kaum hatte ich den Führerschein, fuhr ich 1969 mit einer „Sendgruppe“ der Evangelischen Jugend mit einem VW-Bus zu unserer Patenschule nach Nord-Griechenland, hoch über die Gebirgspässe Österreichs musste man noch und dann den Autoput runter. Da lernte ich die griechische Küche kennen und lieben. Glücklicherweise gab es bis dahin dann auch in Darmstadt einen Griechen. Meist aß ich Souvlaki, wunderte mich, dass das etwas anderes war als in Griechenland, aber es schmeckte. Dazu natürlich Retsina getrunken, schließlich war ich in Griechenland.

Anfang der 70er machte dann auch in Neu-Kranichstein ein Grieche in einer Holzbaracke auf.

Internationale Küche in Deutschland

Internationale Küche gab es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg fast nicht. Im Nationalsozialismus wurde auch hier gleichgeschaltet. Fast nur in der Nähe angrenzender Länder gab es entsprechende Lokale, in Hamburg und Schleswig-Holstein skandinavische Küche, in Rheinland-Pfalz und im Saarland französische Küche, in Bayern österreich-böhmische und damit auch ungarische Küche – wobei die Ausnahme natürlich auch hier die Regel bestätigt.

Vor dem Dritten Reich gab es dagegen durchaus schon internationale Restaurants oder eben meist Restaurants mit internationaler Küche – natürlich vor allem in den ganz großen Städten, allen voran Berlin und Hamburg.

Kaum bekannt ist, dass die Eröffnung von Gaststätten in Deutschland nach dem Krieg sehr streng geregelt war. Es gab ein „Bedürfnisprinzip“, das die vorhandenen Gaststätten schützen sollte und erst 1970 bundesweit aufgehoben wurde. Aber vor allem war es für „Gastarbeiter“ schwer, eine Genehmigung zu bekommen. Für Nicht EWG-Angehörige war eine Gaststättengründung lange nahezu unmöglich.

Aus einem Wechselspiel zwischen Migration und Urlaubserfahrungen der Deutschen entwickelten sich dann Spezialitätenrestaurants.

Die Spanier

Die ersten Urlaubserfahrungen im Ausland machten die Westdeutschen in Italien und Spanien. Außer Österreich natürlich, aber das galt ja fast nicht als Ausland. Trotzdem gab – und gibt es – vergleichsweise wenige spanische Restaurants. Eine Ausnahme machte das Las Palmas in Darmstadt, wohin mich ein Freund 1971 führte. Auf ein Chateubriand, gar nicht spanisch.

Mit Spanien hatte die Bundesrepublik erst 5 Jahre nach Italien ein Abkommen geschlossen, aber immerhin schon 1960, ein jahr später dann mit Griechenland und auch schon mit der Türkei. Aber wie gesagt: dass die Menschen kommen durften, bedeutete mitnichten, dass sie auch Lokale eröffnen durften, das kam erst mit der Zeot.

Mit dieser Entwicklung hängt auch zusammen, dass viele Lokale der Anwerbenationen nicht von Fachkräften eröffnet wurden, sondern von Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – sich selbständig machen wollten oder mussten. Weil sie oft keine Bankkredite bekamen, waren sie auf Abkommen mit Brauereien angewiesen, die immer mit einem Mindestumsatz der jeweiligen Marke verbunden waren. Das führte oft in eine Schuldenfalle. Beides trifft aber auch für die einfachere Gastronomie überhaupt zu.

Die Türken

Das erste Mal türkisch essen war ich Anfang der 70er im „At Nali“ auf der Rutschbahn in Hamburg, vielleicht dem ersten türkischen Lokal in Deutschland überhaupt, ein tolles Lokal im Univiertel Rotherbaum, in dem sich alles traf. Der Wirt, Ali Riza Kaya, war auch der erste, der in Deutschland ein türkisches Kochbuch herausgab.

Türkisch essen zu gehen und damit meine ich jetzt, gut türkisch essen zu gehen ist in Deutschland aber immer noch fast unbekannt – für die meisten Mitmenschen beshränkt sich die Kenntnis der Türkischen Küche auf den Döner, weil der bekannterweise schöner macht.

Was ich sonst noch kennenlernte (in Deutschland)

Indische Küche in Amsterdam um 1970
MacDonald in Amsterdam um 1972 (dem ersten in Europa)
Böhmische Küche in Frankfurt um 1977
Japanische Küche bei einem Edeljapaner in Düsseldorf 1982
Portugiesische Küche in Darmstadt um 1990
Kreolische Küche in Frankfurt um 1990
Südkoreanische Küche in Frankfurt um 2000

und weiß nicht was noch alles.

Ein Gedanke zu „Ausländisch essen gehen

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