Ostern damals – Teil II – Ostern auf dem Dorf

Eierkibbeln
Eierkibbeln
Eierkibbeln

Am aufregendsten war Ostern in Aumenau, jenem damals kleinen Dorf an der Lahn, in dem ich als Kind immer wieder war, weil dort meine Oma und mein Opa wohnten, in dem ich auch einmal, als meine Mutter krank war, die Schule besuchte. Da saß man noch im Pult mit Tintenfässchen, schrieb mit einem Griffel auf Schiefertafeln und bekam ab und zu von Lehrer Wenzel mit dem Rohrstöckchen auf die Finger geschlagen, wenn man böse war oder seine Fingernägel nicht sauber gemacht hatte, die man vorzeigen musste.

Ostern spielte sich dort vorwiegend nicht im eigenen Haus, sondern in der Dorfgemeinschaft ab.

Am Ostermorgen fanden wir Kinder im Hof irgendwo ein vom Osterhasen verstecktes Körbchen – das war wie zuhause in der Stadt. Aber jetzt ging es los.

In dem Körbchen war nämlich noch viel Platz. Und damit gingen wir dann von Haus zu Haus. Wünschten überall frohe Ostern und bekamen überall Eier in die Körbchen gelegt.

Das war immer noch nicht alles. Alle Kinder aus dem Dorf trafen sich dann an der Lahn. es eignete sich nur eine Stelle, die vor dem Hotel „Lahngold“, weil es da einen kleinen Abhang zur Lahn hin gab. Den brauchte man für da Eierrollen.

Es gab nämlich zwei Spiele da: das „Eierkibbeln“ und das „Eierrollen“

Beim Kibbeln stoßen die Kinder jeweils ein Ei gegen das eines anderen Kindes, vorsichtig, aber fest genug. Und das Ei, dessen Schale dabei platzt, bekommt das andere Kind.

Dann wurde das Eierrollen gespielt. Dazu musste man das Ei vorsichtig werfen, so dass es zwar möglichst weit kam, aber nicht kaputt ging. Wessen Ei heil blieb, der bekam die anderen.

Alle Kinder hatten durch das Sammeln bei den Nachbarn Unmengen von Eiern. Der Haken für mich war: ich aß damals gar keine gekochten Eier!

Aber zu meinem – natürlich nicht gezeigten – Staunen gab es immer Kinder, die man überreden konnte, ein Schokoladenei gegen zwei, drei oder meinetwegen zehn gekochte Eier zu tauschen.

Von Palmhäschen und Palmeseln

Heute morgen hat mir das Palmhäschen ein Osterei auf den Frühstücksteller gelegt.

Jetzt sagen Sie vielleicht: „Na und – Buntgefärbte Eier gibts doch das ganze Jahr über“.
Das ist doch entsetzlich. Ostereier sollte es nur am Ostermorgen im Körbchen geben.

Nur der Palmsonntag ist eine Ausnahme: da bringt einen das Palmhäschen als kleinen Vorgeschmack schon mal ein Ei, damit man sich schon auf Ostern freuen kann.

Jedenfalls war das früher in Südhessen so Brauch und so halten wir es bis heute.

Und der Palmesel?

Palmesel ist, wer an Palmsonntag als letzter aufsteht. Das war heute eindeutig nicht ich, weil ich schon um 4 Uhr aufgestanden bin, um meine Predigt zu schreiben.

In unserer Kirche steht auch ein Palmesel. In manchen Kirchen in Süddeutschland und Österreich stehen Palmesel auf Rädern, auf die wurde der Pfarrer dann rücklings draufgesetzt und zum Gespött der Leute durchs Dorf gezogen.

Nüchtern zur Konfirmation, gar nicht so einfach

1965

Während meine Liebste sich auf der Terrasse sonnt, muss ich mich mental auf morgen vorbereiten: Konfirmation! Und wie könnte ich das besser, als schnell mal einen kleinen Blog zu schreiben.

Meine erste Erinnerung an eine Konfirmation ist wohl die Konfirmation meiner Schwester, das wird 1961 gewesen sein. Mit ihren 14 Jahren sieht sie auf dem Konfirmationsbild schon sehr erwachsen aus, was wohl an den hochtoupierten Haaren liegt, die damals üblich waren.

Wenn Sie nicht auch aus dieser Zeit stammen, erraten Sie nicht, was sie damals vor allem geschenkt bekommen hat: Sammeltassen!

Das waren hässliche Tassen nebst Untertassen und Teller, die man sich ins „Buffet“, wie die Wohnzimmerschränke hießen, stellen konnte.

Jungen bekamen keine Sammeltassen, zum Glück. Das machte es den Nachbarn nicht einfacher. Denn selbstverständlich brachte jeder Nachbar sein Geschenk vorbei. Und jeder Laden, bei dem die Familie einkaufte, brachte ein Geschenk.

Für Jungen gab es so sinnvolle Geschenke wie Taschentücher, Portemanes, Strümpfe, Fotoalben, Nyltesthemden,

Sie sehen, Konfirmation war immer – wahrscheinlich sogar früher mehr als heute – das Fest der Geschenke. Ein riesengroßer Geschenketisch wartete darauf, gefüllt zu werden.

Mein Hauptgeschenk war ein Fotoapparat „Agfa Optima Ia“ – ein wunderbares halbautomatisches Gerät (Bei richtiger Belichtung leuchtete ein grünes Lichtchen).

Da ich zum Zeitpunkt meiner Konfirmation aber schon beschlossen hatte, fromm zu werden, nahm ich die Sache ernster und war sehr stolz, als ich zum ersten Mal zum Abendmahl gehen durfte – nüchtern!

Denken Sie jetzt bitte nicht „na, der hat ja früh angefangen“. Nüchtern hieß, dass man noch nichts gegessen haben durfte, wenn man zum Abendmahl kam – warum auch immer. Es hatte irgendetwas mit der „Würdigkeit“ zu tun.

Weil ich trotz meiner selbsterworbenen Frömmigkeit aber nicht ganz sicher was, ob ich würdig war, suchte ich mir den entsprechenden Konfirmationsspruch aus: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine“. Den Prüfauftrag habe ich bislang noch nicht zurückgezogen.

Merkwürdig berührt hat mich immer, wenn ich ins Dorf meiner Großeltern kam. Dort fragten die Leute immer „Biste dann schon aus de Schul?“, womit sie aber nicht etwa wissen wollten, ob ich schon aus der Schule zurück sei, sondern eben, ob ich schon konfirmiert war. Was im Grunde gleichbedeutend war. Nur bei mir nicht, weil ich aufs Gymnasium ging und irgendwie habe ich mich bei der Frage dafür geschämt.

Morgen konfirmiere ich als 7 Mädchen und Jungen, alles nette kleine Nervbolzen, aber ich mag sie. Aufgeregt sind sie auch schon, wie ich früher auch. Mal sehen, was sie zu der Sanmmeltasse sagen.

Waren wir nicht süß?

Waddeweilsche – e silwernes

Du hast keine Ahnung, was das sein soll?

Naja hessisch – was es ja sowieso nicht gibt – also, speziell Frankforderisch oder gar Darmschdedderisch (=Darmstädterisch) spricht ja auch keiner mehr.

Ich werde dich also gleich aufklären, was „e silwer Waddeweilsche“ is.

Aber zunächst: daran gedacht habe ich, als ich den neuesten Eintrag von meiner bislang einzigen „Blogfreundin“ Tara- Anne gelesen habe, deren Einträge ich immer wieder gerne lese.

Also da berichtet sie aus ihrer Kindheit und einer ihrer ersten frustrierenden Begegnungen mit dem Pfälzer Dialekt. Nun ist es nicht zu glauben, aber irgendwie verläuft die Dialektgrenze so, dass das Pfälzische dem Darmstädterischen nicht unähnlich ist und nicht nur das, man kennt auch die gleiche „Sprich“ (Sprüche).

Und da erzählt sie, wie sie als Kind tief enttäuscht war, als sie zu Weihnachten nicht das versprochene golden Wartnocheinweilchen bekam.

Also: ich bin jedesmal wieder darüber als Kind sauwütend geworden, wenn mir mein Vater auf meine Frage „Ei wos krigg ich dann zu Weihnachde? antwortete: „E silwer Nixersche unn e golden Waddeweilsche“.

Die meisten Menscchen halten mich ja für ruhig und ausgeglichen und meistens bin ich das auch. Aber zu meinen besten Eigenschaften gehört auch die Neugier und immer vor Weihnachten und im Februar, wenns auf meinen Geburstag zugeht, befällt mich heute noch die Unruhe, was ich wohl schönes geschenkt bekomme. Da war die Standardantwort meines Vaters hundsgemein, fand ich. Ich konnte jedenfalls nicht warten und immer, wenn sie weg waren, hab ich schnell alle Schränke durchkramt. An Weihnachten wusste ich meistens schon, was ich bekomme. Aber „dann freust du dich doch an Weihnachten gar nicht mehr“ hab ich nie geglaubt… man konnte sich doch viel länger freuen…
Wenn ichs mal nicht wusste, habe ich meine Eltern sehr bewundert, dass sie ein Versteck gefunden hatten, das mir verborgen geblieben war.

An dem kleinen Wort Waddeweilsche, das natürlich auch „Warte ein Weilchen“ heißt, kann man gleich zwei wichtige Eigenheiten des Darmstädter Dialekts – „Heiner-Deutsch“ oder besser „Hoinerdeitsch“ lernen:

1. die Heiner (Darmstädter) sprechen kein R
2. ch wird zu sch, merkwürdigerweise – weil wir nicht wissen, wie ch gesprochen wird, wird sch auch ab und zu ch“

Als ich mit 13 zum Austausch 3 Wochen in England war, haben die Engländer sich schief gelacht, wie ich „Grieschich“ ausspreche. Bisher dahin war das noch nie einem aufgefallen.

So liebe Tarah-Anne, aber eines muss ich dir sagen: Du hättest besser auf deine Mutter hören sollen und noch ein kleines bisschen warten sollen mit deinen Weihnachtsseiten, denn jetzt haben wir erst mal noch morgen Totensonntag. Und Advent beginnt erst am Sonntag drauf…