Verloren gehen

Meine Mutter hat mich im Kaufhof verloren. Oder ich habe sie verloren. Ich laufe nur um einen Kleiderständer herum, dass sie mich nicht sieht und schon ist sie weg. Ich laufe in die andere Richtung, aber da ist sie auch nicht. Ich suche und suche und finde sie nicht. Ich bin verzweifelt. Ohne sie werde ich nie wieder nach Hause finden. Die „Stadt“ ist ganz weit von unserem Haus weg.

Irgendwann findet eine Frau den weinenden kleinen Jungen und nimmt ihn an die Hand. Er ist so verzweifelt, dass er mitgeht. Obwohl er weiß, dass er das nicht darf und Schlimmes passieren kann.

Sie durchqueren das ganze Kaufhaus bis zu einem kleinen Zimmer. In dem sitzt eine andere Frau, die ihn nach seinem Namen fragt. Den weiß er schon: „Horst Pohl“, flüstert er schluchzend.

Die Frau sagt etwas in ein merkwürdiges Gerät und dann hört er im Lautsprecher: „Der kleine Horst Paul sucht seine Mutter“. Da heult er noch einmal laut los. Seine Mutter wird ihn nicht finden, er heißt ja gar nicht Horst Paul, sondern Horst Pohl. Sie weiß bestimmt nicht, dass er das ist.

Seine Mutter wird ihn nicht finden, er heißt ja gar nicht Horst Paul, sondern Horst Pohl. Sie weiß bestimmt nicht, dass er das ist.

Aber dann steht sie da. Sie hat ihn tatsächlich auch gesucht. Plötzlich sei er weg gewesen und niemand habe ihn gesehen.

In dem anderen Kaufhaus fahren wir immer mit dem Fahrstuhl. Den bedient ein einarmiger Mann, der Fahrstuhlführer. Jeder kennt ihn. Den Arm hat er im Krieg verloren.

Wie mein Onkel sein Bein und Herr R. im Vorderhaus den Mittelfinger. Das sieht ganz furchtbar aus, man hat richtig Angst vor ihm.

Es muss schlimm sein, im Krieg ein Bein zu verlieren. Ein Panzer ist dem Onkel über das Bein gefahren und da mussten sie es ihm wegnehmen. Jetzt steht das Holzbein nachts neben seinem Bett. Einmal habe ich das gesehen, aber die Tante hat schnell die Tür zugemacht, weil ich sowas nicht sehen soll. Wie das wohl für meine Tante ist, ihn immer mit dem abbenen Bein zu sehen.

Wenn er abends mit dem Zug kommt und ich ihn am Lahnbahnhof abhole, muss er immer sein Bein hinterher ziehen und ich muss langsam gehen.

Aber noch schlimmer ist, dass meine Tante ihren Bruder sucht, der aus dem Krieg noch nicht zurückgekommen ist. Es werden viele noch vermisst und sie hoffen, dass er irgendwann doch noch wiederkommt. Wie er wohl aussieht? Komisch, dass ich einen Onkel habe, den ich gar nicht kenne.

Wie die Zwillinge, die meine Mutter verloren hat. Das wären meine Schwestern gewesen, aber ich habe sie auch nicht gekannt. Sie sind kurz nach der Geburt gestorben und liegen jetzt nebeneinander auf dem Friedhof und wir gießen immer die Blumen.

Manchmal wollte ich auch verloren gehen, damit meine Eltern mich suchen und wissen, was sie an mir haben. Am liebsten hätte ich gehabt, dabei zusehen zu können. So setzte ich mich in einen Verschlag im Hof und heulte.

Ein anderes Mal wollte ich abhauen und nie mehr zurück kommen. Aber ich bin nur bis Langen gekommen. Der Wind hat mir auf dem Fahrrad zu sehr in Gesicht geblasen. Ich kam nur mit Mühe wieder nach Hause.

Einmal habe ich einen Freund verloren. H-G, wir waren unzertrennlich. Er hat mich geschlagen und ich bin gegangen. Später kam er und hat sich entschuldigt, aber es war nicht mehr wie vorher.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Erinnerungen: Kleidungsstücke

Ganz, ganz, ganz früher haben wir noch Leibchen getragen. So klein ich war, erkannte ich die Schmach: als Junge ein Leibchen tragen. Als Junge!

An Strapsen wurden mit einem Pfennig – weil der ursprüngliche Knopf meist verloren gegangen war – lange Strümpfe befestigt.

Ich hasste lange Strümpfe. Mein einziges Glück war, dass ich nicht wie andere Buben lange Strümpfe unter kurze Hosen anziehen musste. Zu kurzen Hosen gab es nur Kniestrümpfe. Ich glaube, Socken gab es gar nicht.

Die Leibchen wurden abgeschafft, als es Strumpfhosen gab. Die hasste ich genauso. Ich schämte mich immer furchtbar in ihnen, wenn ich im Hallenbad in die Sammelumkleidekabine musste. Dann habe ich mich in eine Ecke gestellt und rumgetrödelt, bis ich mich unbeobachtet fühlte und das Ding überziehen konnte.

Manchmal schaffte ich es, mich in eine Einzelkabine zu schmuggeln. Das war für Kinder verboten, aber wenn man drin war, war man eben drin. Vor allem wegen der grünen Strumpfhosen liebte ich Einzelkabinen.

Deshalb fand ich es toll, als mir ein netter Mann einmal sagte, ich dürfe mit ihm in seine Kabine kommen. Ich sagte ja, aber dann plötzlich bekam ich weißnichtweshalb Angst und ich habe mich vor ihm versteckt.

Wir hatten natürlich nur selbstgestrickte Pullover. Die kratzten ganz fürchterlich und ich hasste sie auch. Ich glaube, ich habe jedesmal geheult, wenn ich einen über den Kopf gezogen bekam . Sie waren natürlich eng und man musste durch einen langen Höllentunnel durch, bis man oben wieder rauskam.

Wahrscheinlich wollte ich deshalb später lange keine Pullover anziehen und erst langsam finde ich Gefallen daran. Aber immer noch hasse ich Rollkragenpullover, weil man bei ihnen auch durch diesen Höllentunnel muss wie bei den Kratzepullis und sie so eng um den Hals liegen, dass man erstickt.

Als Hosen hatten wir Sommers wie Winters Lederhosen. Im Sommer kurze, im Winter dreiviertellange. Mit einer Tasche an der Seite, um ein Messer reinstecken zu können und einen Hirschen am Träger, um einen Groschen reinstecken zu können, wenn man einen hatte.

„Heil Hitler“ haben Kinder gegrüßt, als ich mit 13 zum Schüleraustausch in England war und mit meiner „Leaderhose“ auftauchte.

Luba hatte auch eine Lederhose. Sie kam damit in die erste Klasse und ich verliebte mich sofort in sie. Dass Mädchen Hosen tragen können, hatte ich noch nie im Leben gesehen. Und dann Luba mit ihren schwarzen Augen und Locken.

Sie hat mich glaube ich keines Blickes gewürdigt. Meine erste heimliche Liebe. In ihrer Lederhose. Mit rotem Träger.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Schreib über ein Kleidungsstück, dass du als Kind hattest; Dass du geliebt oder gehasst hast, das wie eine Rüstung für dich war oder dich der Lächerlichkeit preisgegeben hat.

Erinnerungen: Essen, Krank sein

Beim Essen saßen wir immer um den großen Tisch in der Küche, Mutti am Kopfende, dann neben ihr Vati, dann die Kinder, nach Alter geordnet.

„Nicht mal beim Essen kann man in Ruhe Nachrichten hören“, sagte mein Vater manchmal, der eigentlich am Tisch fast nie etwas sagte, stand auf und schleifte sein Messer unten am Teller. Ein Quietschgeräusch, das ich nicht ausstehen konnte.

Er aß manches nicht, vor allem keinen Fisch, deshalb gab es den nur, wenn er nicht da war. Abends aß er am liebsten seinen „Stinkekäse“ Romadur. Manchmal machte er sich auch „Handkäs mit Musik“. Natürlich bekam er, wenn es mal Fleisch gab, das größte Stück ab. Bei Fleisch und beim Nachtisch passten wir immer genau auf, dass jeder gleich viel bekam, außer Vati natürlich.

Am liebsten mochte ich, wenn Mutti Grießbrei machte, dann malte sie mit Marmelade ein lachendes Gesicht auf den Brei und voll Lust konnte man dann das Gesicht zerrühren.

Mein Bruder mochte keine Kartoffelklöße. Weil ich neben ihm saß, sah ich immer, dass er die Stücke hinter die Eckbank warf. Das war ein stabiler „Rollschrank“ und man konnte nicht dahintersehen.

Gleich als ich aufs Gymnasium kam, gewöhnte ich mir an, nach dem Essen mit meiner Mutter eine Tasse Kaffee zu trinken, danach legte ich mich lang auf den harten Rollschrank und schlief da erst mal.

Morgens gab es Haferflocken. Heute würde man „Müsli“ sagen, aber den Begriff gab es noch nicht. Wir bekamen Haferflocken, einfach Mit etwas Milch verrührt oder auch mal mit etwas Kakau. Feine Haferflocken mochte ich nicht und schon gar nicht Haferschleim oder Haferflockensuppe. Die sollten wir essen, wenn wir krank waren, aber ich musste darauf brechen.

Noch heute liebe ich es hingegen, ein Glas warme Milch mit Honig zu trinken, wenn ich krank bin. Das ist Labsal für die Seele.

Krank sein war in unserer Familie immer etwas Besonders. Kranke Kinder bekamen besondere Fürsorge. Das Zimmer wurde verdunkelt, eine Decke über die Stehlampe gehängt. Wer krank war, durfte sich wünschen, was es zu essen geben sollte. Man musste aber aufpassen, dass man keinen Hunger zeigte, das war ein Zeichen für Gesundheit.

Die andere Grundbedingung war: man musste im Bett bleiben. Wer aufstehen konnte, wurde schnell für gesund erklärt.

Noch heute habe ich ein ambivalentes Verhältnis zum Kranksein. In gewisser Weise genieße ich es immer noch.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Schreibe über das Essen in deiner Kindheit. Wer saß mit am Tisch?

Erinnerungen: Zimmer, Hof, Gärtchen

Die ersten Erinnerungen sind die an die beiden Zimmer, in denen wir zuerst wohnten. „Hausten“ muss man eher sagen.

Zwei kleine Zimmer, eine klitzekleine Küche mit wohl nicht mehr als 2 m² und ein kleines Klo. Zwei Erwachsene und zwei Kinder, kann sein, dass wir so auch noch wohnten, als mein Bruder schon auf die Welt gekommen war. Also drei Kinder.

Ich schlafe mit meiner großen Schwester im hinteren Zimmer, durch die Tür kommt man nach vorne ins Wohnzimmer. Es ist dunkel, ich klettere aus dem Bett und tappe barfuß über die alten rotgebohnerten Holzdielen. Den schwarzen Bakelittdrehschalter berühre ich nicht, meine Schwester soll nicht aufwachen. Meine Eltern sind nicht da, sie sind wohl im Vorderhaus bei G’s Fernsehgucken. Das machen sie oft. Später darf meine Schwester manchmal mit, dann passe ich auf meine mittlerweile zwei kleinen Geschwister auf.

In der Küche ist ein Minifensterchen, durch das man nach hinten in einen anderen Hof gucken kann. B’s haben hier zwei große Bulldozzer stehen. Die sehen aus wie die Traktoren bei Oma, sind aber noch viel größer.

B’s haben auch einen großen schwarzen Hund., der frei im Garten herumläuft, einem schönen großen Garten. Manchmal kann ich nicht fassen, dass direkt an unser Haus ein so schöner Garten grenzt. Aber wir dürfen nicht hinein. Bei uns gibt es nur ein kleines „Gärtchen“, das vom gepflasterten Hof abgegrenzt ist.

Im Gärtchen steht eine Teppichstange, an der wir manchmal turnen können und unter einem Wellblechdach hängen Wäscheleinen. Im Winter gefrieren die Hemden an der Leine und man muss aufpassen, dass man nicht die Ärmel abbricht, wenn man sie von der Leine nimmt.

An eine Wand hat mein Vater Bohnen gepflanzt, deshalb gibt es immer Bohnen. Ich hasse Bohnen. Aber es gibt sie in allen Variationen und es ist genug da, dass sie für den Winter noch eingemacht werden.

Im Hof und im Gärtchen treffen wir uns mit den anderen Kindern im Haus zum Spielen. Wer mit den Hausaufgaben fertig ist, klingelt bei den anderen: „Darf der Klausi“ rauskommen?“

Wir heißen eigentlich alle mit i, Horsti, Wolfi, Klausi, Gardi. Nur Fritz ist das Fritzje. Und manche Namen gehen einfach nicht mit i.

Das Problem ist in der Küche, dass ich zu klein bin, um durch das Fensterchen zu gucken. Und weil die Küche so klein ist, steht der Backofen direkt vor dem Fenster. Eigentlich ist das praktisch, ich kann die Klappe aufmachen, mich draufstellen und rausgucken.

Das ist wohl meine erste Erinnerung: ich stelle mich auf die Klappe vom Backofen und sie bricht ab. Ich falle auf den Boden, tue mir ziemlich weh. Aber schlimmer ist, dass meine Mutter sehr traurig ist, weil der Backofen kaputt ist. Ein neuer kostet viel Geld und das müssen wir erst mal haben.

Von meinem Vater bekomme ich mit dem Kochlöffel. Vielleicht auch mit dem Teppichklopfer, das weiß ich nicht mehr so genau. Mit dem Schürhaken sicher nicht, das war nur ein paar Mal, wenn’s besonders schlimm war.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Gehe durch die Wohnung Deiner Kindheit, gehe in die verschiedenen Zimmer. Lass Dich nicht unterbrechen.

Erinnerungen: Kinderbuch, Möbel…

Als Kind habe ich alles gelesen, was ich in die Finger bekam. Wirklich alles. Zeitungen, Werbezettel, Flaschenetiketten und natürlich Bücher.

Mein liebstes „Kinderbuch“ war das Neue Universum. Das war ein dicker Wälzer, jedes Jahr neu. Ganz unterschiedliche Geschichten waren da drin.

Abenteuergeschichten aus der ganzen Welt. Von einem „Hobo“, der auf dem Dach eines Zuges durch den ganzen Wilden Westen fährt. Berichte aus der Forschung, in denen ich erfuhr, dass man bei Autos im Jahr 2000 nur noch einen Knopf drücken müsste, um an ein bestimmtes Ziel zu kommen. Die Waschmaschinenprogramme seien ja schon so weit. Und warum sollten Autos nicht in Zukunft auf Fließbändern transportiert werden? Und dass ein Zug nie schneller als 100 Stundenkilometer fahren könnte, weil sonst die Vögel nicht mehr ausweichen können. (Für den Begriff „Stundenkilometer“ wurden wir in der Schule bestraft. Die gibt es nicht nur km pro Stunde.)

Und dass man irgendwann einmal statt mit Geld mit einer Art Schlüssel bezahlen wird, den man einfach in die Kasse steckt.

Eine ganze Welt tat sich da vor mir auf in den 50er Jahren. Wie auf dem Dachboden meiner Großeltern. Da gab es verstaubte Möbel, einen Schwellkopp, eine verstaubte Spinnmaschine und kistenweise Bücher. Daneben die Jerry-Cotton-Romane von Onkel W.

Alle habe ich gelesen, nachts im Bett die Bücher ausgelesen, vorher konnte ich nicht schlafen. Egal, ob das Opernlexikon oder das Gesangbuch, ein Liebsroman oder ein Handbuch der Hitlerjugend. Alles wurde von mir von vorne bis hinten gelesen.

Das geheimnisvollste Möbelstück in unserer Wohnung war das Vertiko. Obendrauf stand ein Samowar und die große Schublade, für die ich auf einen Stuhl steigen musste, war gefüllt mit Hunderten von Bildern und Geheimnissen meines Vaters.

Ich habe grundsätzlich alles durchwühlt. Ich musste einfach alles wissen, musste alle Geheimnisse ergründen. Es gab da welche.

Unser großer Tisch in der Küche war ein riesiger Ausziehtisch aus Eiche. Darauf wurde so ziemlich alles gemacht. Essen vorbereitet, zu sechst daran gegessen, wir haben daran Hausaufgaben gemacht und zum Bügel wurde ein dicker Kolter auf den Tisch gelegt.

Eines Tages kam ein Mann, redete eine Zeit mit meiner Mutter und ich sah, dass er etwas unter den Tisch klebte. Meine Mutter weinte.

Der Gerichtsvollzieher war öfters bei uns zu Gast und ab und zu musste ich ihm Geld bringen. Aber der Tisch blieb uns erhalten, der Kuckuck klebte bis zum Schluss darunter.

In ihrem Buch „Leben Schreiben Atmen“ schreibt Doris Dörrie wundervolle kleine Geschichten und gibt Anregungen zum Selber Schreiben:

1. Schreib zehn Minuten ohne Pause. Am besten mit der Hand. Laß Dich treiben.
2. Denk nicht nach. (Wenn man zu viel nachdenkt, hört man prompt auf zu schreiben.) 
3. Kontrollier nicht, was du schreibst,. Mach Schreibfehler, Grammatikfehler, schreib Blödsinn.

Erinnere dich an ein Kinderbuch. An die Bilder und daran, was sie ausgelöst haben. Wo hast du das Buch gelesen? Mit wem?
Schreib zehn Minuten über ein Möbelstück, an das du dich erinnerst.

Wie Menschen einen prägen. Ich trauere um eine Lehrerin.

1968 (ich Mitte 2. Reihe)

Leider habe ich kein Bild von ihr. Aber ihr Bild ist mir aus vielen, vielen Begegnungen noch deutlich in Erinnerung. Inge Volp war meine erste Religionslehrerin auf dem Gymnasium, ein Lichtblick in diesem „Gymnasium für Jungen“, in dem die meisten Lehrer – und ja, auch Lehrerinnen – noch schlugen oder irgendeine Art hatten, Kinder zu quälen.

Und zwar wirklich, nicht nur mit Aufgaben. Neben Schlägen waren verbale Demütigungen an der Tagesordnung. Und Kinder aus dem Arbeitermilieu wie ich bekamen von vielen ihre Verachtung zu spüren.

Letzte Woche ist Inge gestorben und in der nächsten Woche werden wir sie zu Grabe tragen. Nächsten Monat wäre sie 94 geworden.

Inge Volp hat mein Leben mit geprägt. Ich weiß nicht, was ohne sie, ohne ihren Mann „Carlito“ (Karl-Heinrich) und einer Handvoll anderer Menschen, die mir als Kind und Jugendlicher begegneten, geworden wäre.

Meine früheste Erinnerung ist, dass ich mit ihr als „Sextaner“, wie das damals hieß, und einem Klassenkameraden zusammen einkaufen war. Wir beide waren Klassensprecher und wollten ein Geschenk für unsere Klassenlehrerin besorgen – weshalb auch immer. Da wir ratlos waren, fragten wir die junge (damals 36), hübsche und lebhafte Lehrerin um Rat und sie verabredete sich mit uns vor einem Darmstädter Kunstladen (für Darmstadt-Kenner: in den ehemaligen Baracken des Mathildenplatzes, wo heute das Luisencenter steht). Eine fremde Welt für mich, ich habe noch genau das Bild der modernen und wie ich glaube schönen Vase vor Augen, die wir erstanden.

Damals wusste ich noch gar nicht, dass sie Pfarrerin ist. Das war sie auch noch nicht. Sie war nämlich verheiratet, verheiratete Frauen durften damals nicht Pfarrerin werden und auch ledige Frauen wurden nur „Vikarin“. Unsere Kirche war die erste, die die rechtliche Gleichstellung von Frauen im Pfarramt verwirklichte. das war aber erst 1971 – nach meinem Abitur.

Viele, viele Diskussionen hatte ich mit ihr. Im Unterricht und in dem kleinen theologisch-politischen Gesprächskreis mit ihr und ihrem Mann, der damals Schulpfarrer an unserer Schule war – ihn hatte ich dann auch im Unterricht.

Später hat sie bei Begegnungen jedem erzählt, die Begegnung mit mir und unserer Klasse sei eine der wichtigsten und besten Erfahrungen in ihrem Berufsleben gewesen. Und die war so:

1968 (ich Mitte 2. Reihe)
1968 (ich Mitte 2. Reihe)

Wir Schüler übernehmen den Unterricht

Bis in die 68er hinein nahmen praktisch alle Schüler am Religionsunterricht teil. Der Religionsunterricht, die Schulgottesdienste am Reformationstag und ab und an die „Religiösen Schulwochen“ (auch die gab es im roten Hessen) bildeten einen wichtigen Teil des Schullebens.

Dann änderte sich an unserer Schule etwas grundlegend. Wir bekamen ab der 11. Klasse „Entschuldigungsfreiheit“. Ein hessisches Modellprojekt, Vorläufer des „Kursmodells“. Man musste nicht mehr am Unterricht teilnehmen, Noten gab es nur noch auf Klassenarbeiten. Wir machten eifrig Gebrauch davon, so viel, dass der Direktor eine Schulkonferenz einberief und uns händeringend bat, doch wenigstens vor Beginn einer Stunde zu entscheiden, ob wir teilnehmen wollten oder nicht. Man müsse doch verstehen, dass es für Lehrer nicht einfach sei, wenn Schüler einfach aufstehen und gehen.

In manchen Fächern saßen nur noch ein paar Schüler zusammen, eigentlich nur die, die noch büffeln mussten. Die anderen saßen im Café Gutenberg ein paar Ecken weiter oder im „Lagerhaus“.

Anders in Reli. Unvorstellbar heute, aber da kamen wir noch hin. Wohl, weil im Prinzip der Religionsunterricht immer schon freiwillig war und die Lehrer deshalb gewohnt waren, ihn interessant zu gestalten. Hier wurde wirklich diskutiert.

Aber bei Frau Volp, wie ich sie damals noch nannte, kam das in diesem Jahr nicht wirklich in Fahrt. Ich besorgte mir Rückendeckung und meldete mich: „Frau Volp, so kann das nicht weitergehen. Uns interessiert das nicht, was Sie da machen. Wir haben beschlossen: entweder WIR übernehmen jetzt den Unterricht und sie setzen sich dazu, melden sich und diskutieren einfach mit wie die anderen – oder wir treten aus.“

Inge zögerte nicht lange. Wir überlegten uns Themen und jedes Mal hielt einer ein Referat, ein anderer leitete das Gespräch. Und Inge dikutierte mit.

Es war sicher der engagierteste Unterricht, den ich erlebt habe. Ich hielt ein Referat über einen hochtheologischen Aufsatz „Christi Gegenwart: das Kreuz“ (und fand da wohl den Hauptbezugspunkt meiner Theologie). Und die anderen fanden das interessant.

Diskussionen und Vergnügen auch in der Freizeit

Einmal in der Woche trafen wir uns bei Volps zum Diskutieren und Schwätzen. Oft bestellten sie dann eine Pizza, es gab ein Bier und heiße Ohren. Erst hieß das schuloffiziell „Arbeitskreis“, dann nannten wir uns um in „Bibelkreis“, das hatte einer gelesen aus der Geschichte der Bekennenden Kirche.

Zwei- oder dreimal sind wir mit Volps zu Tagungen der Evangelischen Akademie nach Arnoldhain gefahren. Ich erinnere an eine Schülertagung zur „Pille“ und eine Tagung zum „Neuen Deutschen Film“. Unglaublich: die 1961 „erfundene“ Anti-Baby-Pille war noch äußerst umstritten, damals nicht wegen ihrer Nebenwirkungen, sondern aus religiös-ethischen Gründen. Die Nächte diskutierten und soffen wir.

Volps unterstützen mich, wo sie konnten. Beide Volps waren ein paarmal bei uns zuhause, ich weiß nicht mehr, aus welchem Anlass. Sie müssen wissen: das klingt hier jetzt alles nach einem guten und engagierten Schüler. Das Gegenteil war der Fall. Ich war so schüchtern, dass ich praktisch nie etwas im Unterricht sagte. Ich traute mich einfach nicht. Ich bin einmal sitzen geblieben und nur mit Mühe (mit drei Fünfen in Hauptfächern der Vornoten!!!) durchs Abitur gekommen.

Aber Volps mochten mich und haben wohl sehr schnell Stärken in mir erkannt. Vor der vollbesetzen Kirche durfte ich 1969 die Ansprache zur Weihnachtsfeier halten. Als Schüler! Natürlich waren manche Eltern entsetzt über das „Von wegen Frieden auf Erden“.

Weil ich immer wenig Geld hatte, vermittelten sie mir einen Nachhilfeschüler. Immerhin: mein Deutsch war so gut, dass ich jüngeren Gymnasiasten Grammatik und Rechtschreibung beibringen konnte.

Bei Volps konnte ich immer vor der Tür stehen, sie freuten sich – auch wenn sie manchmal wohl überrascht waren. Außer ihrer Wohnung in Darmstadt und später dann in Offenbach hatten sie ein Häuschen in Lindenfels im Odenwald, in das sie nach dem Ruhestand auch gezogen sind. Auch dort war ich oft zu Gast, wenn ich im Freizeitenheim der Stadt Darmstadt Betreuer bei Freizeiten war. Im Hof sind wir lachend Stelzen gelaufen.

Noch als Student und Vikar bin ich abends ab und zu in Offenbach bei ihnen vorbeigefahren, klingelte einfach und stand da. fand offene Türen, ein Glas Wein und tolle Gespräche.

Ihre beiden schon immer bildhübschen Töchter „Püppi“ Isabell und „Fränzi“ Franziska (was für schöne Namen für die damalige Zeit) habe ich aufwachsen sehen. Hinterher lachten wir ab und zu, wie Carlito am Darmstädter Oberwaldhaus verzweifelt rumlief „Hat jemand hier eine kleine Isabell gesehen?“.

Zuletzt traf ich Inge bei einer Feier zum 60jährigen „Jubiläum“ der Frauenordination. Wir verabredeten natürlich schnelles Wiedersehen, daraus ist nie etwas geworden. Im letzten Jahr ist Carlito gestorben und ich habe erst nach der Trauerfeier davon erfahren, Inge einen langen Brief geschrieben und wollte wieder vorbeikommen.

In meinem Alter sollte man das auch tun und nicht nur schreiben.

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Kinder, wie ich eins war – und vielleicht jedes Kind – , brauchen solche Menschen, die „von außen“ in ihr Leben treten, etwas in ihnen sehen, was werden kann, sie unterstützen und ihnen etwas vorleben.

Ostern damals – Teil II – Ostern auf dem Dorf

Eierkibbeln

Eierkibbeln
Eierkibbeln

Am aufregendsten war Ostern in Aumenau, jenem damals kleinen Dorf an der Lahn, in dem ich als Kind immer wieder war, weil dort meine Oma und mein Opa wohnten, in dem ich auch einmal, als meine Mutter krank war, die Schule besuchte. Da saß man noch im Pult mit Tintenfässchen, schrieb mit einem Griffel auf Schiefertafeln und bekam ab und zu von Lehrer Wenzel mit dem Rohrstöckchen auf die Finger geschlagen, wenn man böse war oder seine Fingernägel nicht sauber gemacht hatte, die man vorzeigen musste.

Ostern spielte sich dort vorwiegend nicht im eigenen Haus, sondern in der Dorfgemeinschaft ab.

Am Ostermorgen fanden wir Kinder im Hof irgendwo ein vom Osterhasen verstecktes Körbchen – das war wie zuhause in der Stadt. Aber jetzt ging es los.

In dem Körbchen war nämlich noch viel Platz. Und damit gingen wir dann von Haus zu Haus. Wünschten überall frohe Ostern und bekamen überall Eier in die Körbchen gelegt.

Das war immer noch nicht alles. Alle Kinder aus dem Dorf trafen sich dann an der Lahn. es eignete sich nur eine Stelle, die vor dem Hotel „Lahngold“, weil es da einen kleinen Abhang zur Lahn hin gab. Den brauchte man für da Eierrollen.

Es gab nämlich zwei Spiele da: das „Eierkibbeln“ und das „Eierrollen“

Beim Kibbeln stoßen die Kinder jeweils ein Ei gegen das eines anderen Kindes, vorsichtig, aber fest genug. Und das Ei, dessen Schale dabei platzt, bekommt das andere Kind.

Dann wurde das Eierrollen gespielt. Dazu musste man das Ei vorsichtig werfen, so dass es zwar möglichst weit kam, aber nicht kaputt ging. Wessen Ei heil blieb, der bekam die anderen.

Alle Kinder hatten durch das Sammeln bei den Nachbarn Unmengen von Eiern. Der Haken für mich war: ich aß damals gar keine gekochten Eier!

Aber zu meinem – natürlich nicht gezeigten – Staunen gab es immer Kinder, die man überreden konnte, ein Schokoladenei gegen zwei, drei oder meinetwegen zehn gekochte Eier zu tauschen.

Kindheit in den 50ern und frühen 60ern

Blick in unseren Hinterhof

Blick in unseren Hinterhof
Blick in unseren Hinterhof

Geprägt durch die Nachkriegszeit

Meine Kindheit war von der Nachkriegszeit geprägt. Nachkriegszeit, das bedeutete bei uns Armut, Trümmer, Gewalterfahrung in Schule und Familie, spießige Einengung. Der Krieg und seine Folgen waren noch allgegenwärtig.

Man war froh, den Krieg überlebt zu haben, trauerte aber vielfach den „guten“ Errungenschaften der Nazizeit nach. Das „Wirtschaftswunder“ hielt nur langsam Einzug, bei uns nur sehr langsam.

Im September 1944 war Darmstadt in einer Nacht in Schutt und Asche gefallen. Wir spielten in den Trümmern, die es überall um uns herum gab.

Familie

Wir waren vier Geschwister, außer mir eine ältere Schwester, ein jüngerer Bruder und eine „kleine“ Schwester, fünf Jahre jünger als ich. Zwei andere Schwestern, Zwillinge, waren beide kurz nach Kriegsende gestorben, noch bevor sie ein Jahr alt wurden.

Unsere Familie hatte einen alteingesessenen Handwerksbetrieb, mein Vater war Installateur- und Spenglermeister. Während der Nazizeit war er hauptberuflicher HJ-Führer und nach dem Krieg fand er mit dem Betrieb keinen Boden unter den Füßen.

Wir wussten damals oft nicht, wovon wir leben sollten. Als ich in die Schule kam, ging meine Mutter neben der Versorgung der vier Kinder (einschließlich Wäschewaschen ohne Waschmaschine) noch halbtags arbeiten. Erst Anfang der 60er änderte sich unsere Situation, als mein Vater bei den Amerikanern eine Stelle bekam.

Spielen

Das freie Spielen war die Kehrseite der Enge und Not. Wir durften überall spielen, soweit rausgehen, wie wir uns trauten. Trümmer waren eigentlich verboten, aber auch da galt, das man alles tat, was man sich traute, solange die Eltern nicht in Sicht waren und kein Erwachsener, der petzen konnte.

Auf dem Dorf

Ein anderer Teil meiner Kindheit spielte sich in einem Dorf ab. Aus Aumenau, einem kleinen Dorf an der Lahn kam meine Mutter und dort lebten meine Großeltern. ich war dort in fast allen Schulferien. Im ersten Schuljahr wurde meine Mutter krank und ich verbrachte ein Dreiviertel Jahr dort.

Jungschar

Mit 7 kam ich in die „Jungschar“. Die Zeit in der Evangelischen Jugend beeinflusste mein Leben außerordentlich. Jungschar war jeden Samstag um 3. Vorher ging’s in die Badewanne, die aus Zink. Sie wurde in der Küche auf zwei Stühle gestellt. Ziemlich schnell nach der Konfirmation, also mit 14 wurde ich dann schon selbst Jungscharleiter.

Schule

Mit 10 kam ich auf’s Gymnasium, für ein Kind aus einfachen Verhältnissen damals sehr ungewöhnlich. Ich spürte das sehr. nicht nur, dass ich eine andere Sprache lernen musste, das Hochdeutsche. Man spürte auch das Herabsehen der Lehrer und Mitschüler und immer wider war das Geld ein Problem.

Weiterlesen:

  • Episoden in den 50ern
  • Episoden in den 60ern
  • Leben in der Stadt
  • Leben im Dorf